Home(trail)-Story: Cyril Despres und Cedric Gracia (Archivversion) Playboyz

Der eine mit, der andere ohne Motor: Rallye-Weltmeister Cyril Despres und Mountainbike-Superstar Cedric Gracia gehören zur Weltelite der Zweirad-Offroader. MOTORRAD schaute ihnen in ihrer Wahlheimat Andorra beim Spielen zu und entdeckte dabei das Erfolgsgeheimnis der beiden Ausnahmetalente.

Zu Hause beim Sieger der Dakar-
Rallye heißt es: Schuhe aus! Der sorgfältig gepflegte und ordentliche Haushalt soll nicht durch dreckige Treter verhunzt werden, weshalb Cyril Despres freundlich, aber bestimmt Besucher darauf hinweist, ihr Schuhwerk an der Tür stehen zu lassen. Zu Hause, das ist für den Franzosen und derzeit weltweit erfolgreichsten Motorrad-Rallye-Piloten der Zwergstaat Andorra.
Es ist Mittag. Die Tür geht auf. Großes Hallo. Mountainbike-Freeride-Profi Cedric Gracia, ebenfalls Franzose und Andor-
ra-Wahlbürger, ist Despres’ Nachbar. An seinen Füßen: nagelneue, schneeweiße Sneaker, die er beim Hinfletzen aufs rote Ledersofa lässig auf den Couchtisch legt. Gestikulierend wie Louis de Funes erzählt er den neuesten Tratsch und ein paar schmutzige Witze, während sein Gefolge, zwei Freunde und ein hübsches Mädchen, an der Tür noch ihre Schuhe ausziehen. Despres lacht über die Blödeleien seines Nachbarn und führt gleich darauf den neuen Klingelton auf seinem Handy vor, die Männer albern herum. Jeder besitzt den Schlüssel vom Haus des anderen, um nach dem Rechten zu sehen, wenn einer der beiden Offroader unterwegs ist.
Unterwegssein gehört zum Leben als Profi dazu, mehrere Monate im Jahr sind sie im Ausland – Rennen, Sponsorentermine, Trainingscamps. Wenn Despres bei der Dakar-Rallye in der mauretanischen Wüste wegen eines Sandsturms im Zelt festsitzt, ruft Gracia seinen Kumpel von Andorra aus auf dem Satellitentelefon an, um ihn damit aufzuziehen, dass er gerade seine Biervorräte plündere.
Der 31-jährige Despres lebt seit sieben Jahren in der Steueroase mitten in den Pyrenäen. Anders als viele gut betuchte Zugezogene kam er mit leeren Taschen. Zusammen mit seiner damaligen Freundin, einer Sportkletterin, suchte der gelernte Mechaniker einen angenehmen Platz zum Leben. Und zum Ausleben: Enduro- und Skifahren, Snowboarden und Mountainbiken – alles Dinge, für die man idealerweise Berge braucht, und Berge gibt es
in der Heimat südlich von Paris nicht. In
Andorra hingegen zur Genüge. Das Geld reichte seinerzeit gerade mal für die Miete eines Mini-Appartements, das für zwei viel zu eng war. So eng, dass sich die beiden von der Wohnung trennten und bald darauf voneinander, denn gerade als sie eine gemeinsame Weltreise mit dem Motorrad planten, bot der österreichische Motorradhersteller KTM Despres einen Vertrag als Werksfahrer an. Die Freundin sah daraufhin keine gemeinsame Zukunft mehr, er indes die Chance für eine große Motorsportkarriere. Und packte sie beim Schopf.
Das opulente Holzhaus mit Blick auf Skilift und Bergkulisse ist nun der wahrgewordene Traum des Immer-noch-Singles, finanziert aus den Einnahmen als erfolgreicher Enduro-Profi. Im Keller: eine komplett ausgestattete Werkstatt mit Drehbank, die Wände leuchtend orange, alles clean und aufgeräumt, seine Rallye-Werksmaschine steht neben weiteren Sportenduros. An
der Wand hängen sauber aufgereiht ein Rennrad und zwei Mountainbikes, Bekleidung und Ersatzteile sind akkurat sortiert. Seiner schmutzigen Crossstiefel und Klamotten entledigt er sich gewöhnlich sofort
hier unten.
Gracia nimmt die Schuhe vom Tisch und fragt: »Und, wieder fit?« Despres bejaht. Drei Wochen zuvor hat er sich in den USA an den Blutgefäßen der Unterarme operieren lassen, jetzt klebt er die frisch verheilten Operationsnarben mit Pflastern ab und zieht sich Brustpanzer und Knieprotektoren an. »Los geht’s, Action!« erklärt er und verschwindet nach draußen. Wenige Minuten später schrauben sich ein Geländewagen und ein Transporter durch enge Serpentinen den Berg hoch. Auf einem Wanderparkplatz fragt Gracia: »Was zuerst: Fahrrad oder Motorrad?« Despres wählt das Mountainbike, eine wuchtige Crossmaschine, nur eben ohne Motor. Vollgefedert, 20 Zentimeter Federweg. Gracia schwingt sich auf ein ähnliches Modell, fährt auf dem Hinterrad los und hüpft rechts in den Hang hinein, wo sich ein schmaler, verblockter Pfad auftut. Despres hinterher.
Ein neuer, spannender Trail sei das, erklärt der 27-jährige Gracia, der seit zehn Jahren sein Geld mit Fahrrad-Offroaden verdient: als BMX- und Downhill-Meister und in den letzten Jahren hauptsächlich durch sehr einträgliche Extremsport-Filmproduktionen. Konkret: indem er sich rund um den Globus mit dem Rad von meterhohen Klippen stürzt, über wahnwitzige Holzrampen bei trendigen Slope-Style-Contests fliegt oder spektakulär über nasse, mit umgestürzten Bäumen und fiesem Wurzelwerk gespickte Unterholz-Steilhänge brezelt. Die Kids stehen auf solche Videos. Sponsoren wie Siemens, Oakley oder Red Bull stehen wiederum darauf, dass es den konsumfreudigen Kids gefällt.
Der Pfad führt direkt auf eine Kante
zu, Landepunkt etwa 2,50 Meter weiter unten. Gracia springt, Despres zögert. »Gibt’s noch einen anderen Weg?« fragt er, woraufhin Gracia grinst, mit den Armen wie ein Huhn flattert und dabei gackert. Das lässt sich der Dakar-Sieger nicht
bieten, atmet tief durch, nimmt Anlauf
und springt. Rasend schnell heizen die
beiden johlend ins Tal hinunter. Dort wartet
der Transporter mit den Motorrädern und einem Quad. Mit denen geht’s hoch in die Berge. Despres und Gracia folgen einem traumhaften Enduro-Trail. Die beiden Profis sind nicht zu stoppen, nicht kleinzukriegen, unersättlich nach Abwechslung. Ein 20-Meter-Sprung über eine Kuppe, Wheelies, Stoppies, imposante Schieferwand hoch, höllische Schieferwand wieder runter – kein natürliches Hindernis hält
sie auf. »Bis zum Bergsattel und wieder zurück, wer Erster ist, okay?« – so die
Ansage fürs nächste Spiel, ein Fun-Race
zwischen Enduro und Quad. Gracia lässt es auf der KTM brennen, Despres fährt
auf dem Vierrad wie ein Berserker. Die
beiden haben Spaß, keine Frage, und die
Pyrenäen sind ein Paradies für alle, die diese Sorte Spaß suchen. Es ist ein Spiel, immer ein gewagtes, und gleichzeitig auch Training für extreme Herausforderungen
à la Paris-Dakar.
Im Haus von Gracia, später Nachmittag. Das vierstöckige Gebäude mit Glasfront ist in den Hang hineingebaut. Riesen-Flachbildschirm im Salon, eine Bar, Designermöbel, an den Wänden moderne Kunst. Das übrige Interieur: wie in einem stylischen Lounge-Club im angesagten Ausgehviertel einer Weltstadt. Gracia führt durchs Haus, berichtet von den beiden anderen Häusern im mondänen franzö-
sischen Ski-Ressort Chamonix und in
San Diego, USA. Aber in Andorra sei er am liebsten. Hier sei es schön ruhig, die Nachbarschaft stimme, und hier könne er am besten trainieren und sich von den Wettkämpfen, Stunts und nicht ausbleibenden Verletzungen erholen. Auf jeder Seite des Betts ein handgefertigtes Schild: auf der einen »King«, auf der anderen »Queen«. Vor dem Bett eine Videoanlage. Er schaue dort gerne Filme – auch zu zweit. Von Filmen, bemerkt er süffisant, mit wenig Handlung, aber freizügigen Darstellern, habe er sich auch zu seinem Markenzeichen inspirieren lassen: den gestreckten Zeigefinger langsam unter der Nase entlangzuziehen, imaginär nach Duftstoffen des anderen Geschlechts schnuppernd. Diese Geste führt er auch in der Luft beim Zielsprung oder bei der Siegerehrung auf dem Podium
vor. »Ist lustig, und die Fans stehen drauf«, findet der Sport- und Lebemann. Auf der Terrasse sitzt das hübsche, schweigsame Mädchen vom Mittag im Bikini. Ob er eine feste Freundin habe? »Nein. Oder mehrere. Wie man’s nimmt.«
Despres will heim, duschen und wichtige Telefonate erledigen. Die Vorbereitungen für die Dakar-Rallye laufen, eine Benefiz-Veranstaltung muss organisiert werden, und der Fitness-Trainer, der den Motorrad- und den Radprofi in Andorra betreut, will wegen eines Termins noch Rücksprache halten. Sie sollten sich später noch einmal treffen, wenn sie sozusagen mit ihren Hausaufgaben fertig seien, schlägt er vor. Trotz Jux und Dollerei – ihre Profession nehmen beide Franzosen äußerst ernst. Despres weiß, was auf dem Spiel steht.
Mit weiteren Dakar-Erfolgen kann er in die Fußstapfen von Peterhansel oder Auriol treten, sein Leben materiell absichern. Muss dafür jedoch einiges aufs Spiel setzen und auch ein tragisches Schicksal wie das seiner tödlich verunglückten Mentoren und Freunde Richard Sainct und Fabrizio Meoni einkalkulieren. Zu deren Familien hält er weiterhin Kontakt. Risikobereitschaft auch beim studierten Marketing-Experten Gracia: Seine Modekollektion sowie ein im andorranischen Skigebiet Vallnord geplanter Bikepark für Sporttouristen aus ganz Europa sollen zwar ebenfalls Geld einbringen, sein Hauptgeschäft sei es aber, die Knochen hinzuhalten – auf unabsehbare Zeit.
Despres und Gracia – zwei Kumpels, zwei Profis, zwei verschiedene Charaktere: der eine eher besonnen, der andere ein aufgedrehter Playboy. Gemeinsames Fitnesstraining, gemeinsame Freunde, Feiern und gemeinsame Spielereien. Die beiden Nachbarn verbindet Freundschaft, eine besondere, denn nicht viele Menschen um sie herum teilen das strapaziöse Dauer-Action-Leben eines prominenten Extremsportlers. Andorra ist für sie eine Oase, nicht nur steuerlich. Dort können sie so sein, wie sie sind: große Jungs, die auf zwei Rädern permanent das Abenteuer suchen und immer ihre Grenzen ausloten. Spielerisch lernt man am besten, heißt es, und weil
die beiden Talente ihr Leben in gewisser Weise als ein großes Spiel betrachten, erklärt das auch ihren Erfolg. Zumal jeder ein klares Ziel verfolgt: der Beste zu sein.
Kurz vor Sonnenuntergang. Der zum Abendessen verabredete Gracia tritt mit Gefolge bei Despres ein und fragt, ob
die draußen vor der Tür geparkten Mini-Crosser neu seien. Direkt hinter Despres’ Haus lockt ein kleiner Offroad-Rundkurs. Der Sieger der Dakar-Rallye lächelt und kramt schon mal zwei Helme raus.

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