Horiike, Satoru: Interview (Archivversion)

Herr Horiike, Honda hat in den vergangenen zehn Jahren neun Mal die Weltmeisterschaft in der großen Grand-Prix-Klasse
gewonnen – 2004 holten sich Valentino Rossi und Yamaha den Titel. Nach Rossis Wechsel von Honda zu Yamaha scheint bei Yamaha alles besser, bei Honda alles schlechter geworden zu sein.
Wenn man die Ergebnisse betrachtet, sieht es so aus, nicht wahr? Es tut mir leid, Valentino Rossi verloren
zu haben, aber das war seine Entscheidung. Dass die
Honda-Resultate dieses Jahr nicht so gut waren, heißt: Rossi ist ein exzellenter Motorradfahrer. Also müssen wir unser Motorrad verbessern. So weit, dass wir ihn nächstes Jahr schlagen können.
Haben wir es also mit einem Kampf zwischen dem
Honda-Werk zu tun, das der weltbeste Motorradhersteller sein will, und Rossi, dem weltbesten Fahrer?
Es geht nicht darum, die Person Rossi zu besiegen, sondern darum, die Weltmeisterschaft zu gewinnen.
Dazu muss Honda sich etwas einfallen lassen. Gibt es schon Ideen für 2005?
Ich kam im Januar 2004 zur Honda Racing Cor-
poration und habe zunächst versucht herauszufinden, was schief läuft. An Motorleistung mangelt es uns nicht, das weiß jeder. Doch in den Kurven ist Rossis Maschine besser,
deswegen müssen wir am Handling arbeiten.
Colin Edwards, der für 2005 ebenfalls von Honda zu Yamaha wechselt, hat bemängelt, dass der Rahmen der Honda RC 211 V
fest verschweißt ist und deshalb an der Rennstrecke kaum Änderungen vorgenommen werden können. Planen Sie, ein flexibleres Chassis zu bringen?
Wir haben natürlich in Japan ein voll einstellbares Prototyp-Fahrwerk. Damit testen wir, bis wir glauben, eine gute Lösung gefunden zu haben. Dann fertigen wir ein
starres Chassis und bringen es an die Rennstrecke. Ein
flexibel einstellbares Fahrwerk stiftet unserer Ansicht nach im Rennbetrieb nur Verwirrung. Wir haben sechs Honda-Fahrer, und wir müssen sie alle anhören. Das heißt im
Zweifelsfall, dass wir sechs unterschiedliche Meinungen zu hören bekommen. Unsere Aufgabe ist es zu überlegen, was für alle das Beste ist. Darüber diskutieren wir in Japan,
setzen die gefundene Lösung um und lassen sie von Tohru Ukawa oder einem anderen Testfahrer ausprobieren, bevor wir sie an die Rennstrecke bringen und die Fahrer dort
fragen, ob es so in Ordnung ist.
Das klingt kompliziert. Bei Yamaha konzentriert sich alles auf Valentino Rossi, und das scheint ja zu funktionieren.
Als ich in den 80er Jahren bei HRC war, hatten wir
einen Fahrer namens Freddie Spencer. Der war auf jedem Motorrad schnell, und wir haben uns auf ihn konzentriert, um ihn mit Hilfe besserer Technik noch schneller zu machen. Am Ende hatten wir ein Motorrad, das außer Spencer niemand fahren konnte, auch sein Nachfolger Wayne Gardner nicht. Es ist wichtig, dass wir uns alle Fahrer anhören.
Das heißt aber nicht, dass wir ein Motorrad für jedermann bauen. Doch um die perfekte Maschine für unsere beiden Werksfahrer auf die Räder stellen zu können, müssen wir die Informationen aller Fahrer berücksichtigen.
Es gibt Anzeichen dafür, dass die Honda RC 211 V immer noch das beste MotoGP-Motorrad im Fahrerlager ist. Immerhin konnten mit ihr drei verschiedene Fahrer WM-Siege erringen, mit der Yamaha gelang das nur Rossi. Außerdem ist Honda Markenweltmeister, in der Statistik werden für die RC 211 V nur Siege und zweite Plätze
ausgewiesen.
Ich glaube nicht, dass wir das beste Motorrad
haben. Immerhin wurde die WM verloren.
Das deutet auf eine Problem mit den Piloten hin...
Wir haben kein Fahrerproblem, auch wenn ich über die Leistungen der Werksfahrer sehr enttäuscht bin. Fahrer sind ein wichtiger Faktor, aber auch das Motorrad muss funktionieren.
Mit der Motorleistung sind Sie zufrieden, das beste Motorrad indes haben Sie nicht – werden wir 2005 ein neues Fahrwerk
sehen?
Wie gesagt, das Handling muss verbessert werden. Der Motor wird ebenfalls modifiziert, denn wir haben zu
viel Leistung und müssen die Fahrer dabei unterstützen,
die Leistung effektiv nutzen zu können.
Was dürfen wir von Honda erwarten, wenn mittelfristig eine Hubraumbegrenzung kommt? Bisher war Honda für spektakuläre Lösungen wie den jetzigen V5-Zylinder oder den V3-Zweitakter aus der Zeit Spencers bekannt.
Das liegt bei unseren Motorendesignern, warten Sie es ab. Ich kann nur sagen: Für Honda ist Rennsport eine sehr wichtige Sache, er steht für Erneuerung. In der Rennabteilung ist der Geist der Veränderung am lebendigsten.
Nächstes Jahr feiert Yamaha 50. Geburtstag. Haben Sie vor, dem Konkurrenten die Party zu vermasseln?
Ich habe gehört, dass der Yamaha-Präsident nächstes Jahr auch Marken-Weltmeister werden will. Wir werden alles tun, damit das nicht geschieht. Honda wird Yamaha niemals den Marken-Titel überlassen. Nie.


Beide Interviews führten die MOTORRAD-Redakteure Michael Rohrer und
Andreas Schulz Ende Oktober beim Grand-Prix-Finale in Valencia

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