Horiike, Satoru: Interview (Archivversion)

Herr Brivio, wann und wie hat das Unternehmen, Valentino Rossi zu Yamaha zu bringen, tatsächlich begonnen?
Ein wichtiges Ereignis war der erste Grand Prix der Saison 2003 in Suzuka, als der beste Yamaha-Fahrer auf Platz acht fuhr – vor den Augen des gesamten Yamaha-
Top-Managements. Daraufhin wurden Umstrukturierungen eingeleitet, die Motorsport-Division war fortan in die Technology-Development-Division integriert und hieß nun MotoGP-Group. Masao Furusawa, der Chef der Technology-Development-Division, übernahm am 1. Juni die Verantwortung.
War es seine Idee, Rossi zu verpflichten?
Furusawas Aufgabe war zunächst, sich um das
Motorrad zu kümmern und es zu verbessern. Das fand in Japan statt. Erst als Furusawa nach Europa zu den Rennen reiste, kamen wir ins Spiel, das europäische GP-Team,
das für die Einsätze bei den Rennen und die Fahrerverträge zuständig ist. Wir haben viel diskutiert, und plötzlich war die Idee da: Warum nicht mit Rossi reden? Tatsächlich war Rossi zu diesem Zeitpunkt der einzige Spitzenfahrer, der am Markt verfügbar war, dessen Vertrag Ende 2003 auslief.
Wie liefen die Verhandlungen? Hat Rossi Sie mit offenen Armen empfangen?
Wir haben uns bemüht, offen und ehrlich mit ihm zu reden, ihn vor allem nicht über unsere technische Situation im Zweifel zu lassen. Dazu erklärten wir ihm unsere Zukunftspläne. Das haben wir wohl ziemlich gut hinbekommen, denn er hat sich für uns entschieden – obwohl damals Ducati Jagd auf ihn machte.
Yamaha galt im GP-Sport als eine schwerfällige, langsam reagierende Organisation. Seit Rossi im Team ist, scheint sich alles
geändert zu haben. Nur wegen ihm?
Nein, der Wandel hatte schon vorher begonnen. Der Wechsel von den Zwei- zu den Viertaktern in der MotoGP-Klasse war ja viel mehr als nur eine Veränderung der Motorensysteme. Da musste sich alles ändern, die Arbeitsweise, die Mentalität – plötzlich öffnete sich für uns eine riesige neue Welt voller Entwicklungsmöglichkeiten. Vielleicht wird es eines Tages auch bei den Viertaktern eine optimale
Motorkonfiguration geben, so wie es bei den Zweitaktern zuletzt der V4 war. Aber im Moment gibt es Drei-, Vier- und Fünfzylinder, Reihen- und V-Triebwerke – reichlich Raum für neue Ideen.
Hielten Sie Rossi damals für den einzigen Fahrer, der helfen könnte, die Yamaha zum Siegermotorrad zu machen?
Absolut. Wir haben mit keinem anderen Fahrer verhandelt. Hätte er abgesagt, wäre es bei den vorhandenen Piloten geblieben.
Honda hatte Rossi Testfahrten mit der Yamaha vor Ablauf seines Vertrages Ende 2003 verboten. Ein Problem?
Das dachten wir zuerst. Doch dann haben wir die Zeit genutzt und uns intensiv auf die ersten Tests 2004
vorbereitet – wir kannten ja die Schwächen der M1. Als Valentino im Januar kam, waren wir so gut präpariert wie noch nie, mit Chassis in vier Steifigkeitsversionen und vier unterschiedlichen Motorenkonzepten. Wir wollten ihn auf keinen Fall schon beim ersten Test enttäuschen. Rossi hatte nichts zu beweisen, aber Yamaha alles zu verlieren.
Was ist das Besondere an der Arbeitsweise von Rossi und seiner Mechanikertruppe unter Crew-Chef Jeremy Burgess?
Rossi hat sich die Teile vorgenommen, eines nach dem anderen, und aussortiert. Bereits als er das erste Mal den Motor fuhr, mit dem er jetzt die WM gewonnen hat, sagte er: Der hat gutes Potenzial, er ist nur zu langsam. Yamahas Antwort lautete: Okay, wir machen ihn schneller. Das war es: Er gab uns die Richtung vor, in die wir gehen sollten, und wir taten unser Bestes, ihm zu folgen. Wir
hatten einen Anführer gesucht und gefunden. Und Jeremy Burgess macht viele kleine, sehr logische Schritte.
Mit welchem Gesamtergebnis hatten Sie vor der Saison 2004 gerechnet?
Nicht Erster, nicht Zweiter, nicht Dritter – ich habe damit gerechnet, dass wir ein Jahr brauchen würden und dann gewinnen könnten. Wir hatten ja den besten Fahrer. Unsere Sorge war, ihm alles geben zu können, was er braucht, um sein Talent zu nutzen. Es ist allerdings schön, seine Pläne auf diese Art ändern zu müssen.
Yamaha-Präsident Toru Hasegawa hat zum 50. Geburtstag von Yamaha nächstes Jahr den
Gewinn der Markenweltmeisterschaft gefordert.
Natürlich. Wir haben in diesem Jahr alles daran gesetzt, mit Valentino die Fahrer-WM für Yamaha zu gewinnen. Für die Zukunft müssen wir
daran arbeiten, Yamaha-Siege in der MotoGP-Weltmeisterschaft sozusagen zur Standardsituation zu machen.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote