IDM auf dem Schleizer Dreieck (Archivversion) Natur-Gewalten

Rennen am Schleizer Dreieck sind anders. Die einzige Naturrennstrecke im IDM-Kalender lässt nur wenig Kompromisse zu: Entweder liebt man sie, oder man hasst sie. Als kostenlose Dreingabe zur flotten Straßenhatz gab es unerbittlichen Regen.

Klaus Wilkniß, der Rennsport-Koor-
dinator von Honda Motor Europe North, gab sich keinerlei Mühe, ein freundliches Gesicht zu machen. Der Regen hatte ihn durchnässt, und seine Mundwinkel hingen ihm fast bis zu den schlamm-
verschmierten italienischen Lederschuhen. Waren es die Gerüchte um drohende Budgetkürzungen und davonlaufende, altgediente Honda-Fahrer, die Wilkniß so
zerknirscht erscheinen ließen? Nein. Klaus Wilkniß war sauer über die IDM-Veranstaltung am Schleizer Dreieck. »So geht das nicht«, polterte der Honda-Manager los, »vorhin ist uns ein Bach durch das VIP-Zelt geströmt. Und dann noch Honda-Rennmaschinen, die geschrottet im Acker liegen. Aber ich stehe mit meiner Meinung ja alleine da, alle anderen reden von Stimmung.« Sprach’s und ging seiner Wege.
Für die Zuschauer ist die Naturrennstrecke tatsächlich ein Freudenfest. Durch die fehlende Boxenanlage stehen die mächtigen Team-Trucks dicht an dicht
auf der Wiese, und in den Vorzelten
können die Fans lässig spicken, was da
so geschraubt wird. Aber auch der IDM-
Gemeinde scheint die fehlende sterile
Abschottung gut zu tun: Die Stimmung
ist besser als sonst, wenn Wichtigtuerei und Ernsthaftigkeit in Betonboxen, Möchtegern-MotoGP-Anmutung und Fort-Knox-Verriegelung angesagt sind. Fahrer und Zuschauer gehören zur gleichen Welt. Während sich die Piloten bei Dauerbe-
rieselung von oben mit Regenkombi abgedichtet auf die Berg-und-Tal-Bahn stürzen, sitzen die Zuschauer mit einer lecker-
fettigen Thüringer Bratwurst unter einer
Plane oder einem Schirm auf morschen Holzbänken und genießen das Panorama.
Am Samstag hatte bei Honda zunächst nicht nur wegen des morgendlichen guten Wetters eitel Sonnenschein geherrscht.
In der Superbike-Klasse zeigte Michael Schulten einmal mehr seine Freude über die schnelle Schleizer Landstraßenstrecke, demonstrierte seine Extraklasse auf der Honda CBR 1000 mit der Pole Position. Und in der Supersport-Klasse deklassierte Meisterschaftsfavorit Arne Tode, ebenfalls auf Honda, seine Mitbewerber geradezu. Das Training am Nachmittag brachte
den forschen Gasgriffdrehern freilich keine neuen Bestzeiten, sondern Regen und
damit nur noch gute oder weniger gute
Erkenntnisse über schmierige, schwierige Streckenbedingungen.
Als die Superbikes auf patschnasser Strecke am Sonntag zum ersten Rennen losbrausten, führten an der Spitze schnell zwei Yamaha-Fahrer, die sich in dieser
Reihenfolge auch im Ziel einfanden: Jörg Teuchert vor Didier van Keymeulen. Wobei Teuchert die Lokomotive gab und den in Schleiz noch nicht so erfahrenen jungen Belgier van Keymeulen am Gischt spritzenden Hinterrad mitnahm. Mit Andreas Meklau an Bord seiner Suzuki rollte
auf Platz drei gleich einer der heißesten Anwärter auf den Meistertitel ein. Ob die Mimik von Klaus Wilkniß entgleiste, als
die beiden Alpha-Technik-Honda-Akteure Werner Daemen und Michael Schulten
ihre Fahrzeuge mit hoher Restgeschwindigkeit, nur leider seitlich rutschend als Unnutzfahrzeuge führerlos ins Maisfeld schickten, ist nicht überliefert. Zur Steigerung des Unglücks verlor Martin Bauer
auf der Holzhauer-Honda nicht nur den Nassgrip, sondern mit Platz 13 auch noch die Tabellenführung.
Aber speziell jener Martin Bauer versprach durch radikale Fahrwerksexperimente Besserung für den zweiten Lauf. Tatsächlich schoss der Österreicher in Führung liegend durch die ersten Runden im feuchten thüringischen Geläuf. Doch
es half nichts, er wurde nach hinten durchgereicht. Wieder übernahm Teuchert die Führung. Letztlich kam diesmal jedoch ein Reifentaktierer zum Zuge, den keiner auf der Rechnung hatte: Herbert Kaufmann, 44 Jahre alt, der wahrscheinlich noch
bis zum Rentenalter hin am Quirl drehen wird, wählte eine so harte Regen-Reifenmischung, dass er die ersten Runden
Rodeo spielte, bei abtrocknender Piste aber ordentlich vorpreschte, um sich im letzten Umlauf Jörg Teuchert zu schnappen.
Bei den Supersportlern ist die Meisterschaft durch Arne Todes Sieg nach sechs von acht Rennen entschieden – gerade rechtzeitig, bevor der erneut starke Rigo Richter mit dem längst verdienten Top-
Ergebnis einen Schatten auf Todes Leistung werfen konnte. Tode holte für sich, Honda und Herrn Wilkniß den Titel. Der konnte dann auch richtig strahlen.

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