IDM: Finale auf dem Hockenheimring (Archivversion) Das Beste zum Schluß

Finale ist, wenn es zu Ende geht am besten mit spannenden Titelentscheidungen beim letzten Rennen der Saison. Wie in Hockenheim, wo die Internationale Deutsche Motorradmeisterschaft (IDM) ihre diesjährige Abschlussvorstellung gab. Hinter den Kulissen wurde derweil diskutiert, ob der Ausstieg von Kawasaki den Anfang vom Ende der IDM markiert.

Mit einem IDM-Superbike-Sieg hat bei Kawasaki in diesem Jahr wohl niemand mehr gerechnet. Ex-Grand-Prix-Pilot Stefan Prein nicht, der mit technischer und finanzieller Unterstützung und im Auftrag von Kawasaki Deutschland den IDM-Auftritt der Grünen im Fahrerlager professionell gestaltete. Jürgen Heger nicht, der als Angestellter der deutschen Kawasaki-Niederlassung den Sporteinsatz koordinierte. Und auch Michael Schulten nicht, der mit 45 Jahren zwar schon zur alten Garde der IDM-Piloten zählt, mit fünf deutschen Meistertiteln jedoch hoch dekoriert und dementsprechend erfahren den sportlichen Erfolg sicherstellen sollte. Was ihm nicht gelang. All seine Bemühungen, die als kapriziös bekannte Kawasaki ZX-10R zum siegfähigen Superbike zuzureiten, resultierten in wenigen punktemäßig zählbaren Resultaten, dafür vielen schmerzhaften Stürzen. Zur Saison-Mitte lag Schulten mit zwei IDM-Zählern auf Rang 28 der Zwischenwertung und war so verletzt, dass an weitere Renneinsätze in diesem Jahr nicht zu denken war.

Und jetzt ist es passiert – das Wunder von Hockenheim. Als die Zielflagge des letzten IDM-Superbike-Laufs 2008 fiel, galt sie Schultens Kawasaki, pilotiert von seinem französischen Ersatzmann Gwen Giabbani, einem Endurance-Spezialisten. Der war in Schleiz erstmals für Schulten eingesprungen und katapultierte sich in den verbleibenden sechs Rennen mit drei Podestplätzen inklusive des Siegs im Finalrennen noch auf Platz sieben des IDM-Endstands. Eine Sensation – die leider zu spät kam. Wenige Tage zuvor hatte Kawasaki Deutschland auf Geheiß der Europazentrale rigoros das Ende aller Straßensportaktivitäten in Deutschland verkündet. Nun steht Stefan Prein mit einem Vertrag da, der ihm zwar Kawasaki-Unterstützung für die IDM bis Ende 2009 zusichert, dessen wahrer Wert aber erst geklärt werden muss. Jürgen Heger ist seinen Job los, und Michael Schulten wundert sich: „Mir war vom Team vorgeschrieben, ein Chassis mit Wilbers-Komponenten zu fahren – damit hatte ich meine Probleme. Warum Giabbani nun einfach Showa-Teile einbauen darf, verstehe ich nicht.“ Die Verwendung anderer Federelemente, so Schulten, hätte durchaus auch ihm helfen können, mit der ZX-10R auf einen grünen Zweig zu kommen.

Bei allem Respekt vor Gwan Giabbanis Leistung – in Hockenheim spielte er nur eine Nebenrolle. Denn das badische Motodrom war an diesem September-Wochenende Bühne für die beiden letzten Fahrer, die im Kampf um die Meisterschaft nach 14 Rennen noch übrig geblieben waren: Titelverteidiger Martin Bauer auf der von Jens Holzhauer präparierten Honda Fireblade und Jörg Teuchert auf der Yamaha R1 aus dem Stall von Michael Galinski. Bauer brachte 17 Punkte Vorsprung auf Teuchert mit, was Teuchert taktisch nur eine einzige Option ließ – zweimal auf Sieg zu fahren. Am eher sonnigen Sonntagmorgen blickte Teamchef Galinski freilich skeptisch in den Himmel: „Nicht Jörgs Wetter. Im Trockenen ist Martin Bauer auch sehr stark.“

Das demonstrierte der Österreicher im ersten Lauf überzeugend. Führung von der ersten Runde an, während Teuchert sich dahinter mit Giabbani um Platz zwei duellierte, im Ziel fast zwei Sekunden Vorsprung für Bauer vor Teuchert und die Gewissheit, dass ein 13. Platz im zweiten Rennen zur erfolgreichen Verteidigung der IDM-Krone reichen würden. Wäre es Giabbani gelungen, nach einem seiner Ausbremsmanöver vor Teuchert zu bleiben und den Deutschen auf Platz drei zu verdrängen, hätte Bauer da schon den Gesamtsieg feiern können. Doch Giabbani besann sich seiner Außenseiterrolle: „Im Kampf mit Jörg bin ich einmal fast gestürzt. Da habe ich mir gedacht: Lass die mal ihr Titelding allein ausmachen.“

In Rennen zwei war es dann mit der vornehmen französischen Zurückhaltung vorbei. Weil Martin Bauer locker und souverän den dritten Podestrang und damit den sicheren Titelgewinn verwaltete, sah Giabbani keinen Grund mehr, den an die Spitze gestürmten Teuchert zu schonen. Wieder gab es einen extrem engen Zweikampf der beiden, in der vorletzen Runde rauschten sie zeitgleich durch die Lichtschranke bei Start und Ziel, und am Ende wurde für den Kawasaki-Mann eine Zehntelsekunde Vorsprung verbucht. „Eine harte Meisterschaft, diese IDM“, resümierte Jörg Teuchert, „in meiner Bilanz stehen nur erste und zweite Plätze, und trotzdem bin ich nicht Champion geworden. Aber ich hatte zwei Ausfälle am Nürburgring, einen durch Sturz, einen durch Defekt. Martin hat sich nur ein Null-Punkte-Ergebnis am Sachsenring erlaubt – das gab den Ausschlag.“

Ebenfalls denkbar eng ging es in der Tabelle vor dem entscheidenden Rennen der 125er-Klasse zu: Lediglich zwei Punkte trennten den Bayer Marcel Schrötter als Führenden von seinem holländischen Konkurrenten Joey Litjens. Der Deutsche, betreut von Ex-Weltmeister Toni Mang, Schrauber-Legende Sepp Schlögl und dem bei der Honda Racing Corporation angestellten ebenfalls bayerischen ehemaligen Grand-Prix-Piloten Adi Stadler hatte also einen klaren Auftrag. Er musste vor Litjens bleiben, um sich den Titel zu holen.

Schrötter ließ sich im Rennen auf keine Spielchen ein, als ihm der jüngst gekürte holländische Meister Michael van der Mark den Spitzenplatz streitig machte – Titelkonkurrent Litjens kam ohnehin nie in Schlagdistanz. So konnten sich der neue niederländische und der neue deutsche Meister auf dem Siegerpodest als Erst- und Zweitplatzierte gegenseitig gratulieren. Die Pokale wurden ihnen übrigens von Deutschlands neuem Grand-Prix-Star Stefan Bradl und dessen Vater Helmut überreicht. Wo Stefan ist, will Schrötter hin – seinen Mentoren Mang, Schlögl und Stadler, die bislang mit einem Mini-Budget agierten, fällt nun die Aufgabe zu, ihrem Schützling für die Saison 2009 den Weg in die Weltmeisterschaft zu ebnen.

Kawasaki-Fahrer Sebastien Diss, gerade eben erst von Triumph-Pilot Arne Tode entthronter IDM-Supersport-Meister des Jahres 2007, gelang es dagegen, den Weg seiner Marke aus der IDM noch etwas bitterer zu gestalten. Zwei Kawasaki-Erfolge an einem IDM-Renntag – das hatte es dieses Jahr noch nicht gegeben.

Da auch Suzuki Deutschland kurz vor Saisonabschluss angekündigt hatte, sein Team aufzugeben, wurde im Fahrerlager über Auflösungserscheinungen des Projekts IDM diskutiert, dessen wirtschaftliche Grundlage ein Industriepool ist, in den Motorrad-, Reifen- und Zubehörproduzenten einzahlen. Zumal Kawasaki sich auch aus dem Kreis der Beitragszahler verabschieden will, während Suzuki weiter Geld schicken und erfolgreiche Teams der Marke wie Yoshimura-Schäfer unterstützen wird.

Wie steht es also um die Zukunft der IDM? Gar nicht so schlecht. Kawasaki bleibt vielleicht doch dem Pool treu, damit wenigstens private Teams die Kawasaki-Fahne hochhalten können – andernfalls dürfen Kawasaki-Motorräder in der Supersport- und Superbike-Klasse nicht mehr starten. Der neue, rennsportbegeisterte Yamaha-Motor-Deutschland-Chef Minoru Morimoto will das Galinski-Team am liebsten noch um eine Supersport-Abteilung vergrößern, um Top-Talenten aus dem Yamaha-Cup, der im kommenden Jahr in seine 32. Saison gehen wird, eine Aufstiegschance bieten zu können. Bei Aprilia, BMW und KTM entstehen derzeit neue Sportmotorräder, die ins IDM-Superbike-Reglement passen würden, und zumindest BMW hält ein IDM-Engagement – anders als Kawasaki – für geeignet, positiv auf den Motorradverkauf zu wirken. Honda Deutschland schließlich wird mit dem neuen und alten Superbike-Meister Martin Bauer und der bewährten Mannschaft von Jens Holzhauer weitermachen, und dass dessen zweiter Pilot 2009 Michael Schumacher heißt, ist durchaus möglich.

Dass der ehemalige Formel-1-Star überhaupt ernsthaft in Erwägung zieht, im kommenden Jahr regelmäßig in der IDM zu starten, ist durchaus ein Hinweis auf die sportliche Qualität der Serie. Auch dass er an einer IDM-internen Diskussion über Rennstreckensicherheit teilnahm und dabei deutlich seine Meinung sagte, zeigt sein Interesse am Motorradsport im Allgemeinen und der Meisterschaft im Besonderen. Schließlich widmete er dem Thema Sicherheit auch während seiner aktiven Formel-1-Zeit besondere Aufmerksamkeit. Ein Wort von Michael Schumacher an der passenden Stelle kann die IDM jedenfalls nur voranbringen.

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