IDM-Finale in Hockenheim (Archivversion) Erste Reihe Mitte

Meisterschaftsentscheidung in der IDM Supersport auf dem Hockenheimring – und kein Berichterstatter hatte einen besseren Beobachtungsposten als MOTORRAD-Mitarbeiter Jürgen Fuchs (93). Der ehemalige GP-Pilot startete aus der ersten Reihe hinter den drei Titelaspiranten ins Rennen.

Die Situation war schon irgendwie merkwürdig. Kurz vor dem Finalrennen der IDM Supersport 2007 spazierten Sportfunktionäre durch die Startaufstellung, und als einer von ihnen bei mir angekommen war, ermahnte er mich: »Mach bloß keinen Mist und bring’ uns da vorn nichts durcheinander.«
Na klar, hier stand ich bei meinem ­dritten Gastauftritt in der IDM dieses Jahr als Sechstschnellster des Qualifikationstrainings mitten im Zentrum des Ge-schehens. Direkt vor mir in Startreihe eins ­Günther Knobloch auf der Yamaha, zwei Plätze rechts von ihm Herbert Kaufmann auf der Suzuki und direkt links neben mir Kawa­saki-Pilot Sébastien Diss. Die Protagonisten dieses Rennens, die Spitzen-reiter der IDM-Tabelle, jeder noch mit einer Chance auf den Meistertitel.
Die Befürchtungen des Offiziellen waren unbegründet. Mir ging es nämlich so schlecht, dass ich einen Teufel getan hätte, mich irgendwie grob zwischen die drei zu drängen. An den Trainingstagen hatte ich gegen heftige Kopf- und Gliederschmerzen massenhaft Schmerzmittel genommen, die ich im Rennen weglassen wollte, um nicht zu verkrampfen. Aber der Versuch im Warm-up am Sonntagmorgen war aussichtslos: Mir ging alles viel zu schnell. Also doch wieder zum Doktor, denn auf den Start wollte ich nicht verzichten. Zusammen mit dem G-Lab-Team hatte ich nämlich eine tolle Abstimmung für die Triumph gefunden, die ich als Ersatz für den verhinderten Rico Penzkofer fahren durfte.
Ich war überrascht, dass es im Rennen gar nicht so flott zur Sache ging wie er­wartet. Alle hatten damit gerechnet, dass Vladimir Ivanov auf und davon fahren würde – der Russe hatte den Rest des Felds im ersten Qualifying um sieben Zehntelsekunden distanziert. Doch er konnte Herbie Kaufmann nicht abschütteln, der war zwei Runden vor Schluss sogar bis auf ein Zehntel an ihn herangefahren. Das war offenbar zu viel für Ivanov, er legte sich in der Sachskurve ab. »Für mich ein perfektes, plan­mäßiges Rennen«, jubelte Herbie nach dem Sieg, der ihm den Titel bringen sollte. Zuvor hatte er diverse Zieleinlauf-Varianten durchgerechnet, dabei aber schnell bemerkt, dass nur eine einzige Rennstrategie Erfolg versprach: voll auf Angriff zu fahren.
Das hatte auch Knobloch vor, der sicher war, das Tempo von Ivanov mitgehen, ja ihn sogar überholen zu können. Hätten es dann noch ein paar Kollegen geschafft, sich vor Kaufmann und Diss zu schieben, wäre der Gesamtsieg möglich gewesen. Nur machte Knobe früh einige Fehler, wie auch Diss, weshalb beide nicht an der ­Spitze dranbleiben konnten. Platz vier war für Diss kein Problem, trotz des entgangenen Titels: »Die Stimmung im Team ist sensationell – Meister werden wir 2008.«
Ungeachtet aller Widrigkeiten war mir in der fünften Runde die Bestzeit des Rennens gelungen, und ich hielt mich auf Platz sieben. Nach weiteren fünf Runden indes musste ich an die Box fahren. Ich konnte mich kaum mehr konzentrieren, machte viele kleine Fehler, und im Pulk zu fahren war zu gefährlich. Vom Streckenrand aus musste ich mir ansehen, wie der englische Gaststarter Gowland Graeme meine Bestzeit auslöschte und von Rang neun am Start auf Platz zwei im Ziel vorpreschte, vorbei an den Titelaspiranten Knobi und Sébastien. Allerdings war nicht nur mir aufgefallen, dass die Honda des Engländers extrem gut ging. Kein Wunder. Der hatte nach einem Motorschaden im Training einfach seinen – in der IDM illegalen – WM-Motor eingebaut und wurde disqualifiziert.
So klar wie bei Graeme war die Sache bei Herbie Kaufmann nicht, obwohl auch der aus der Wertung genommen wurde. Das bedeutete: Rennsieg für Knobloch, Titel ­für Diss. Ob das so bleibt, ist vorläufig nicht ­sicher, da Kaufmanns Tuner Michael Schäfer gegen den erhobenen Vorwurf unerlaubten Tunings Protest eingelegt hat. Im Bereich der Ventilsitze wäre der Zylinderkopf bearbeitet worden, behaupteten die technischen Kommissare. »Ein Witz«, sagt Schäfer, »genau diesen Motor haben sie in Schleiz schon aufgemacht und für gut befunden.« Die verdächtigen Schleifspuren stammten von einer intensiven Reinigung, zwei zum Vergleich herange­zogene Referenzzylinderköpfe zeigten, dass bestimmte Toleranzen serienmäßig sind. Und dass der in Schleiz zuständige Kommissar sich in Hockenheim nicht äußern wollte, findet Schäfer zumindest seltsam.
Von einem irregulären Vorteil Kaufmanns wollten nicht einmal die Nutznießer seiner Disqualifikation reden. Herbies sportliche Leistung wurde auch von Knobloch und Diss ausdrücklich anerkannt.

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