IDM in Schleiz (Archivversion) Naturereignis

Rennen auf Naturrennstrecken wie dem Schleizer Dreieck lösen bei den Piloten unterschiedlichste Gefühle aus: Die einen lieben sie, andere bewältigen das Problem irgendwie. Rico Penzkofer genoss in Schleiz jeden Meter – und ließ es die Konkurrenz spüren.

Schlussakt des IDM-Rennsonntags am Schleizer Dreieck: Während die Dreiradpiloten auf der Strecke ein unkontrolliertes Gespannkegeln veranstalteten, setzte sich im Fahrerlager Supersportler Rico Penzkofer den Haarschneider an. Denn für einen Frisörbesuch hatte »Rico Rastlos« vor dem Termin in Schleiz keine Zeit mehr gefunden – und der markierte den Auftakt der »Penz-Wochen«. Hier zwei IDM-Rennen auf der Triumph, ein Wochenende später der 24-Stunden-Einsatz auf dem BMW-Boxer in Oschersleben, Ende des Monats das IDM-Meeting im tschechischen Most und Mitte September dann ein weiterer 24-Stunden-Ritt auf dem Boxer beim Bol d’Or, für den Penzkofer das IDM-Finale in Hockenheim sausen lässt.
Unter anderem wegen dieser Terminüberschneidung hat Penzkofer mit dem Titelkampf in der IDM Supersport nichts zu tun, seine Motivation für den Auftritt in Schleiz hätte sich in Grenzen halten können. Doch die Hatz über die Naturrennstrecke in Thüringen ist für den raubeinigen Sachsen nicht Pflicht, sondern Kür. Vielleicht präsentierte er sich deshalb ungewohnt glattrasiert, gar parfümiert, um die Konkurrenz gleich richtig zu demotivieren.
Unabhängig von Duft und Optik war Penzkofer in allen Trainingssitzungen der Schnellste, holte sich daher die Pole Position, einen neuen Rundenrekord und addierte zwei überragende Laufsiege zu seiner Schleiz-Bilanz. Respekt. Seine Triumph 675 marschierte wie der Teufel durch die Schleizer Wald- und Wiesenlandschaft, die Pirelli-Reifen schienen Klebstoff geschnüffelt zu haben, und das Öhlins-Fahrwerk präsentierte sich gesund wie schwedisches Knäckebrot. Klingt nach einem überzeugenden Rezept, aber aus solchen oder ähnlichen Zutaten puzzelt auch der Rest des Feldes prächtige Supersportler zusammen. Das Geheimnis liegt in der Senke.
Inzwischen wissen wir: Der lange Linksbogen bergab geht im sechsten Gang mit Vollgas, und bei der bärigen Triumph liegen dann knapp über 200 km/h an. Rico Penzkofer nutzte diese Mutkurve, um die sonstigen Anwesenden dort nach Belieben außenherum zu überholen. Im vergangenen Jahr hatte er für einen Frühstart eine Zeitstrafe kassiert und so den Sieg verloren – deshalb startete er heuer verhalten und hielt sich zunächst aus jeglichem Getümmel heraus. Um in der erwähnten Senke dann dem Feld um fast fünf Sekunden davonzufahren.
Da Penzkofer ohnehin keine Chance auf den Titel mehr hat, konzentrierten sich die Supersport-Meisterschaftsaspiranten auf die Plätze hinter dem ganz in Weiß gekleideten Penz. Sebastien Diss, als Tabellenführer in Schleiz angereist, verlor wegen eines undichten Kühlwasserschlauchs im zweiten Lauf viele Punkte und die Meisterschaftsführung. Der Franzose ist nun Dritter hinter Herbert Kaufmann und Günther Knobloch. Bei dieser Ausgangslage sollte Spannung für die noch ausstehenden Supersport-Rennen in Most und Hockenheim garantiert sein.
Die Welt der Superbikes sieht anders aus. In der Zwischenwertung liegt Martin Bauer auf seiner Holzhauer-Honda nahezu uneinholbar an der Spitze. Dennoch ist das für den Ausgang der einzelnen Rennen kaum relevant. Insbesondere die großen, alten Männer der IDM Superbike wie Jörg Teuchert, Andy Meklau oder Michael Schulten lassen nichts unversucht, um ganz oben aufs Treppchen zu kommen. Für MV-Agusta-Pilot Teuchert endete der Schleiz-Ausflug allerdings schon am Freitagmorgen nach einem Sturz, bei dem ein Schlüsselbein entzwei ging. Suzuki-Fahrer Meklau halfen neue Pirelli-Reifen mit spezieller Gummimischung und schonende Fahrweise, um im zweiten Lauf den ersehnten Rennsieg zu sichern. Für Schulten reichte es erneut nicht zum Triumph, obwohl er Trainingsbestzeit gefahren war.
Verspielte Martin Bauer 2006 noch einen möglichen IDM-Titel im Regenpoker von Schleiz, sollte dieses Jahr nichts mehr schiefgehen. Vor allem die Gaststarts von Superbike-WM-Pilot Max Neukirchner waren es, die Bauer fahrerisch auf ein neues Niveau hievten: »Ich habe ihn beobachtet, da hat’s bei mir im Kopf klick gemacht.«
Trotz vieler Probleme schaffte Blitzstarter Bauer einen Sieg im ersten Rennen, vor einem reichlich zerknirschten Kai-Børre Andersen, ebenfalls auf Honda. Ein Duell mit gewisser Brisanz, weil Andersens Alpha-Technik-Team Ende dieses Jahres die IDM verlässt, um mit BMW in eine gemeinsame, international orientierte Zukunft zu starten. Dann dürften die bislang paritätisch zwischen den beiden Honda-Teams verteilten Streicheleinheiten des japanischen Motorradherstellers wohl vollständig bei Holzhauer landen.

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