Internationale Deutsche Motorradmeisterschaft (IDM) (Archivversion) Survival-Training

Der Motorradmarkt in Deutschland schwächelt noch immer, Rennstreckenbetreiber plagen Schuldenberge, Veranstalter kalkulieren mit Verlust – trotzdem gibt es die IDM. Jetzt ist Yamaha Deutschland ausgestiegen. Wie kann die nationale Top-Rennserie trotzdem weiterleben?

Die Nachricht kam ohne Vorwarnung. Kaum hatte Yamaha Motor Deutschland die sportliche Bilanz der Saison 2005 zusammengestellt und damit die erfolgreichste Saison in der Geschichte des Hauses dokumentiert, da verabschiedete sich der deutsche Yamaha-Repräsentant von allen selbst finanzierten Sportaktivitäten in Rennserien mit offiziellem Prädikat. Das von der Yamaha-Zentrale gewünschte und alimentierte Engagement in der Supersport-WM, wo der Australier Kevin Curtain Vizeweltmeister wurde, bleibt zwar. Aber die Aktivitäten im 1000-cm3-Superstock-Cup der internationalen Motorradsport-Föderation FIM, wo Yamaha Deutschland mit Didier van Keymeulen und Kenan Sofuoglu Meister und Vizemeister stellte, sind gestoppt – vielleicht passten sie mit einem belgischen und einem türkischen Piloten nicht so perfekt ins Konzept der deutschen Yamaha-Dependance. Stefan Nebel im
Regen stehen zu lassen, ohne Perspektive, obwohl der 24-Jährige überlegen die IDM Superbike gewonnen hatte, und die um
Michael Galinski geschaffene, mustergültige Teamstruktur aufzugeben ist von anderer Qualität. Das tut weh. Yamaha Deutschland und dem deutschen Motorradsport.
»Der IDM-Einsatz ist in unserer derzeitigen Situation wirtschaftlich nicht mehr tragbar«, sagt Yamaha-Obersportler Theo Hoffmann und spielt damit auf zweistellige Rückgänge bei den Zulassungszahlen für Yamaha in Deutschland an. Keine Empfehlung für die IDM, die von den deutschen Importeuren der japanischen Motorrad-
hersteller, MV Agusta Deutschland sowie den wichtigsten Reifenproduzenten und Mineralöl-Fabrikanten übereinstimmend als Marketing-Plattform – mit sportlicher Note – verstanden und finanziert wird.
Die Yamaha-Absage mag damit zusammenhängen, dass die durchaus sehenswerten IDM-Rennen nur eine relativ begrenzte Breitenwirkung erzielen. 111700 Besucher wurden insgesamt zu den acht Veranstaltungen 2005 an die Rennstrecken gelockt, das schafft ein besserer Fußball-Bundesliga-Verein an drei Wochenenden. Über 16 Millionen Fernsehzuschauer sollen die jeweils mehrfach ausgestrahlten Acht-Minuten-Beiträge zur IDM im Rahmen des für den Deutschen Motor Sport Bund (DMSB) produzierten Motorsportmagazins gesehen haben – übertragen vom Pay-TV-Anbieter Premiere, vom DSF sowie diversen Ballungsraum-Sendern. Nicht selten zu Uhrzeiten, zu denen laut Auskunft der Fernsehforscher von Media Control überwiegend Frauen ab 14 Jahren und Erwachsene über 50 erreicht werden. Die Zielgruppe potenzieller Motorradkäufer?
Hier hakt Professor Dr. Alfons Madeja ein, der mit seinen Studenten der Fachhochschule Heilbronn seit Jahren Sportevents erforscht, dabei für das Organi-
sationskomitee der Fußball-WM 2006
genaus so tätig ist wie für die Top-Ligen
im deutschen Eishockey, Handball, Golf oder der Deutschen Tourenwagen Masters (DTM). »Das sind Sportarten, die schein-
bar einen Boom erleben«, sagt Madeja, »stimmt aber objektiv nicht. Für die
machen wir Marktforschung, erarbeiten neue Veranstaltungskonzepte, die auf
Publikumswünsche eingehen. Ich habe
die IDM genau beobachtet: Auch die hat das nötig. Mit belegbaren Zahlen als Grundlage hätte Yamaha vielleicht anders entschieden.«
Dr. Michael Engel ist Generalsekretär des DMSB, der die Ausrichtung und Vermarktung der IDM an die Deutsche Motor Sport Wirtschaftsdienst GmbH delegiert hat – deren Geschäftsführer Dr. Engel ist. Die IDM ist die einzige namhafte Motorsport-Rennserie, die noch unter DMSB-Regie geführt wird, insofern darf Engel Interesse am Erfolg der nationalen Motorradmeisterschaft unterstellt werden. »Wir sind auf einem guten Weg«, sagt Engel, »die Zuschauerzahlen vor dem Fernsehschirm und an den Rennstrecken – außer dort, wo das Wetter extrem schlecht war – haben sich erhöht.«
Den Yamaha-Ausstieg sieht er nicht dramatisch: »Yamaha bleibt unser Part-
ner, der Yamaha-R6-Cup läuft weiterhin
im Rahmen der IDM.« Auch in den Chef-
etagen der deutschen Honda-, Kawasaki-,
und Suzuki-Niederlassungen kam ob des Yamaha-Alleingangs keine Panik auf. Die drei Hersteller wollen ihre IDM-Aktivitäten im Vergleich zu 2004 eher noch verstärken (siehe IDM-News Seite 144), wobei auf
zusätzliche Publikumsattraktionen besonderes Augenmerk gelegt wird. »Kawasaki hat von seinen Händlern sehr positives Feedback bekommen«, berichtet Teamchef Stefan Prein, »wir wollen für die Kunden bei den IDM-Rennen noch mehr tun.«
Da liegt er mit Bert Poensgen, Motorradsport-Urgestein bei Suzuki Deutschland, auf einer Linie. »Das 2005 eingeführte Konzept der Hersteller-Patenschaften für ein Rennwochenende muss optimiert werden.« Platt gesagt gilt es, neben den Hardcore-Fans auch Laufkundschaft – spätere Kunden? – an die Piste zu locken. Das Training dafür ist gelaufen. 2006 gilt’s.

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