Interview: Claudio Domenicali (Archivversion) »In dieser Saison kann sich niemand sicher fühlen“

Claudio
Domenicali, 39, ist Geschäftsführer von Ducati Corse und seit kurzem auch für die Serienproduktion verantwortlich

Herr Domenicali, bleibt Ihnen mit Ihrem neuen Job im
Werk überhaupt noch Zeit für Ducati Corse?
Klar. Nach fünf Jahren Existenz ist Ducati Corse
eine gefestigte Struktur mit sehr kompetenten Leuten. Meine
Rolle kann sich daher darauf beschränken, die allgemeine Strategie festzulegen.
Dazu gehört aktuell der Wechsel vom Reifenhersteller
Michelin zu Bridgestone. Was hat Sie dazu bewogen?
Zum einen sind wir für Bridgestone der Kunde
Nummer eins und nicht einer unter vielen wie für Michelin. Zum anderen waren wir schwer beeindruckt vom Bridge-
stone-Werk in Japan, von der Methodik und der Intensität, mit der dort das Thema Reifen erforscht wird. Davon ver-
sprechen wir uns einen echten Vorteil.
In der Saison 2004 kam Loris Capirossi als bester Ducati-Pilot auf einen neunten Rang. War das nicht sehr enttäuschend?
Halt, halt: Loris war punktgleich mit dem Siebten und
dem Achten, und das sieht doch gleich besser aus, oder? Aber es stimmt, natürlich waren wir enttäuscht. Zu Saisonbeginn
war die Desmosedici nicht so stark wie erhofft. Und wenn das Motorrad kaum Chancen auf den Sieg hat, ist es nur logisch, dass auch die Piloten nicht immer 100 Prozent geben.
Worin bestanden die Probleme?
Die kamen vor allem daher, dass Michelin allen Teams statt eines 17-Zoll-Vorderreifens einen 16,50-Zöller geliefert hat. Der hat mit sämtlichen Motorrädern gut funktioniert, doch mit
unserer Desmosedici überhaupt nicht.
Was hat sich 2005 am Motorrad verändert?
Rahmen, Schwinge und Elektronik wurden verbessert.
Wir haben bei den ersten Wintertests die schnellsten Zeiten
hingelegt und dachten, wir könnten ganz beruhigt sein. Dann
hat Michelin einen unglaublich guten Hinterreifen hervorgezaubert, und nun müssen Bridgestone und wir reagieren. Das wird die komplette Saison über so weitergehen, bei jedem Rennen werden die Reifenhersteller mit einer Evolution aufwarten.
Keiner kann sich mehr sicher fühlen.
Wie viel Bedeutung kommt denn den Reifen überhaupt zu?
Die sind inzwischen wichtiger als alles andere. Und das Problem ist, dass es wenig gesicherte Erkenntnisse über das
Zusammenspiel zwischen Motorrad und Reifen gibt, sondern
fast nur Erfahrungswerte. Wenn wir aber die Motorräder verbessern wollen, müssen wir mehr über die Reifen wissen. Da liegt die Stärke unserer neuen Zusammenarbeit mit Bridgestone,
denn dort arbeitet man auch nach wissenschaftlichen und nicht nur nach empirischen Methoden.
Bringt das auch was für die Serie?
Selbstverständlich. Alles, was wir im Rennsport ent-
wickeln, muss über kurz oder lang der Serienproduktion etwas bringen, sonst brauchen wir’s gar nicht erst zu machen.
Würde dafür nicht die Superbike-WM reichen?
Der GP zeitigt ein viel größeres Interesse von Seiten der Sponsoren und der Medien. Wir können heute in die Forschung und Entwicklung fünf- bis zehnmal so viel investieren, als wenn wir nur in der Superbike-WM starten würden. Wir können deshalb mit Recht behaupten, dass die Ducati-Serienfertigung von der Arbeit der Rennabteilung profitiert.
Wie hoch ist das Budget für Ducati Corse 2005?
Etwa 35 Millionen Euro. Rund 80 Prozent davon bekommen wir über Sponsoren und Lizenzen für T-Shirts, Uhren
und so weiter wieder herein. Ducati selbst muss also lediglich
20 Prozent aufbringen, das ist erträglich.
Ducati ist die dritte Kraft in der MotoGP-Weltmeisterschaft...
Moment mal, das sehe ich nicht so: Klar stellt Yamaha
den Weltmeister, doch der heißt ja auch Valentino Rossi. Das
Motorrad selbst ist nicht so stark, wir haben ja bei den Tests schon gesehen, dass Carlos Checa mit der Ducati schneller ist, als er es mit der Yamaha war. Nein, vom technischen Potenzial her sehe ich uns als die zweite Kraft nach Honda. Aber natürlich zählt in der Weltmeisterschaft das ganze Team, und da müssen wir dieses Jahr konstanter werden.
Was glauben Sie, auf welchem Platz Ducati landen kann?
Wir haben für 2005 ein gutes Motorrad und ein gutes Team. Wo wir letztlich landen, hängt insbesondere davon ab, ob die
Zusammenarbeit mit Bridgestone schon in kurzer Zeit das bringt, was wir uns erhoffen.

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