Interview: Loris Capirossi (Archivversion) »Klar ist Valentino der Favorit. Aber einen Grand Prix möchte ich 2005 schon gewinnen“

Loris Capirossi, 31, ist seit 2003
Ducati-Werksfahrer. In der 125er-Klasse hat er zwei, bei den 250ern einen WM-Titel errungen

Herr Capirossi, wie war die Saison 2004?
Schwierig und stressig. Vor allem, weil im Debütjahr 2003 alles ganz gut klappte, wir neunmal auf dem Podium
landeten und ich einen Lauf sogar gewonnen habe. Da war 2004 mit nur einem Podestplatz schwer zu verdauen. Das
Motorrad war bis auf die letzten Rennen einfach nicht auf
der Höhe, wir haben die Probleme zu spät gelöst.
Was hat sich jetzt geändert?
Die Zusammenarbeit mit Ducati Corse. Sie hören jetzt mehr auf mich und setzen meine Vorschläge um. Manches
hatte ich schon 2003 angeregt, aber die Weiterentwicklung
für 2004 entsprach nicht dem, was ich wollte. Das Motorrad
erfuhr 60 Prozent technische Änderungen, allerdings für meine Begriffe leider die falschen.
Was genau wollten Sie denn?
Bei der Desmosedici war von Beginn an der Motor das
tragende Element der ganzen Struktur, und ich wollte immer schon lieber einen tragenden Rahmen. Jetzt habe ich ihn endlich bekommen. Die Desmosedici wird dadurch stabiler, steifer und reagiert besser auf die Befehle des Fahrers. In manchen Situationen ist
sie so schwieriger zu fahren, weil Fehler natürlich sofort bestraft werden. Andererseits bringt diese verbesserte Reaktionsfähigkeit Vorteile, etwa beim Anbremsen am Kurveneingang und besonders beim Wechsel von einer Schräglage in die andere. Die meisten
aktuellen Strecken weisen sehr viele solcher Richtungswechsel
auf, dazu bei hohen Geschwindigkeiten von 180 bis 200 km/h.
Mit einem steifen Rahmen sind diese Wechsel extremer, gelingen aber homogener. Ein nicht so steifes Motorrad ist da elastischer
und reagiert weniger stark, was mir nicht gefällt.
Sonst ändert der steife Rahmen nichts am Fahrstil?
Nein. Generell lenken wir GP-Piloten die Motorräder nicht
mit den Armen, sondern mit den Beinen, bei mir liegt fast das ganze Gewicht auf den Fußrasten. Wenn ich abrutsche, verliere ich die Kontrolle über die Maschine, dann ist es vorbei. Deswegen sind meine Fußrasten messerscharf geschliffen, und die Sohlen meiner Stiefel sind besonders weich, damit sie sich richtig festhaken.
Spätestens nach zwei Rennen sind die komplett aufgearbeitet.
Ducati hat den Reifenpartner gewechselt. Waren Sie mit dieser
Entscheidung einverstanden?
Begeistert war ich nicht, denn die Desmosedici wurde auf
der Basis von Michelin-Reifen weiterentwickelt, und die haben
eine sehr steife Karkasse, was meinem Fahrstil entgegenkommt.
Allerdings ist Ducati für Bridgestone das Referenz-Team, das
ist ein unschätzbarer Vorteil, den wir bei Michelin nicht hatten.
Jetzt kommt es darauf an, wie gut alle zusammenarbeiten. Auf
bestimmten Strecken wird uns Bridgestone Vorteile bringen,
auf anderen dagegen nicht. Das hängt auch davon ab, was
Michelin an Neuheiten bringt.
Sie stellen immer mal wieder Höchstgeschwindigkeitsrekorde auf, zuletzt waren es gut 347 km/h. Wie wichtig ist das für Sie?
Ach, die reine Höchstgeschwindigkeit interessiert mich weniger, weil die vor allem von der Power des Motorrads
abhängt. Ein Rundenrekord wie bei den Tests in Malaysia freut mich viel mehr, denn das ist meine Leistung.
Aber machen knapp 350 km/h auf dem Motorrad nicht auch
Ihnen Angst?
Nein. Ganz ehrlich: Ob ich 280, 300 oder 350 draufhabe, macht keinen Unterschied.
Vermissen Sie Ihren bisherigen Teamgefährten Troy Bayliss?
Sehr. Nichts gegen Carlos Checa, den mag ich eben-
falls, doch Troy und ich sind in den letzten zwei Jahren wirklich Freunde geworden. Wir gehen nach wie vor gemeinsam zum Trainieren, zum Krafttraining und zum Trialfahren. Ich habe mich auch gegenüber Ducati auf seine Seite geschlagen, aber wer offizieller Pilot ist, entscheidet nun mal das Werk.
Sie sind jetzt seit 16 Jahren im Grand Prix aktiv. Sind Sie
die Rennfahrerei nicht manchmal leid?
Ganz und gar nicht. Im Winter, wenn wir einen Monat Pause haben, fehlt sie mir ungemein. Im Fernsehen oder
von der Tribüne aus sieht man das natürlich nicht, aber ich freue mich während des Rennens über das Motorrad, lache, wenn mir ein Überholmanöver gelingt. Mir macht Motorrad-
fahren immer noch ungeheuer viel Spaß.
Was macht Ihnen weniger Spaß?
Zum Beispiel völlig absurde Reglementsänderungen wie jetzt gerade: Da hat die Dorna doch glatt beschlossen, dass
wir bei Regen an die Box fahren und die Reifen wechseln sollen. Völliger Schwachsinn! Wenn wir Reifen wechseln, müssen wir auch Bremsen und Federelemente neu einstellen. Rossi, Biaggi,
Gibernau und ich haben uns schon abgesprochen: Wenn das so bleibt, treten wir in den Streik.
Was sind Ihre stärksten Seiten?
Ich gebe nie auf, bin immer zum Angriff bereit. Und
ich will immer gewinnen – sogar, wenn ich in der Freizeit mit meiner Frau Karten spiele.
Wie stehen Ihre Chancen 2005?
Das ist nicht so leicht zu sagen. Insgesamt ist das
Niveau sehr hoch, bei den Tests in Australien war ich vom
Zeit-Ranking her Sechster, dabei nur zwei Zehntel vom Ersten entfernt. Das zeigt, wie nahe die besten Fahrer beieinander
liegen. Klar ist Valentino der Favorit. Aber den einen oder
anderen Grand Prix möchte ich schon gewinnen.

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