Interview mit Jean-Philippe Weber (Archivversion) „Die Endurance-WM ist ein ideales labor“

? Herr Weber, in der Superbike-Weltmeis-terschaft ist seit Jahren Pirelli exklusiver Reifen-lieferant, in der MotoGP-WM ist seit diesem Jahr Ihr Konkurrent Bridgestone am Zug – Michelin hat wohl etwas den Bezug zum internationalen Motorradstraßensport verloren. Haben Sie deshalb nach achtjähriger Pause die Endurance-WM wieder für sich entdeckt?

! Genau. Nachdem Grand-Prix-Ver-markter Dorna Ende letzten Jahres die Einheitsreifenregelung eingeführt hat, haben wir uns umgeschaut, wo es noch Rennserien gibt, in denen verschiedene Reifenhersteller gegeneinander antreten. Das ist in der Endurance-WM und in der nationalen spanischen Meisterschaft der Fall, da sind wir ebenfalls aktiv.


? Hat sich Michelin darum beworben, die Exklusivrechte für die MotoGP-WM zu bekommen?

! Nein, das entspricht nicht unserer Philosophie. Wir wollen Wettbewerb. Außerdem hätten wir uns letztes Jahr innerhalb von wenigen Tagen dafür entscheiden müssen, obwohl keine vernünftigen Vorgaben für die Einheits-reifen existierten.


? Warum ist es so wichtig für einen Reifenhersteller, Rennsport zu betreiben?

! Der Rennsport ist für uns ein Labor, in dem wir unsere Reifen entwickeln. Und die Entwicklungsleistung wird umso besser, wenn wir direkt gegen die Kon-kurrenz antreten. Im Wettbewerbseinsatz sind unsere Renningenieure, die übrigens eng mit der Entwicklungsabteilung zusammenarbeiten, extrem motiviert. Entsprechend gut sind ihre Ergebnisse.


? Normale Motorradfahrer würden vermuten, dass der Langstreckensport Ihnen viel mehr Möglichkeiten für die Entwicklung von Großserienreifen bietet – die Motorräder basieren auf Standardmaschinen, die Reifen müssen länger halten als bei einem Grand Prix. Ist da etwas dran?

! Das ist tatsächlich so. In der Langstrecken-WM wird auf sehr hohem technischen Niveau gearbeitet. Teams wie Yamaha Austria haben sehr viel Erfahrung und arbeiten sehr intensiv an der Einstellung ihres Motorrads, das ist ganz wichtig für uns. Die Reifen werden mindestens eine Stunde gefahren, bei unterschiedlichsten Bedingungen – in Le Mans hat es viel geregnet, war nachts sehr kalt, während tagsüber 38 Grad Streckentemperatur erreicht wurden. Schließlich bekommen wir pro Motorrad die Informationen und Daten von drei verschiedenen Fahrern. Das ist doch wunderbar. Bei einem Grand Prix werden im Training viele verschiedene Reifen probiert, aber die bekommen wir oft schon nach zehn oder 15 Runden zurück. Die Endurance-Reifen werden dagegen schon mal über 35 Runden getestet. Das bringt uns weiter.


? Können Erkenntnisse aus dem Rennsport tatsächlich für die Konstruktion von Großserienreifen genutzt werden?

! Ganz bestimmt. Ein ganz wichtiges Kriterium für einen Reifen ist neben dem Grip und der Laufleistung die Geschwindigkeit, mit der er auf Betriebstemperatur kommt. In dieser Hinsicht haben wir viel gelernt. Da geht es nicht nur um Gummimischungen, sondern auch um Profile und den Aufbau der Karkassen.

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