Interview mit Jorge Lorenzo (Archivversion) »Rossi ist für mich ein Gigant“

250er-Weltmeister Jorge Lorenzo im Gespräch mit MOTORRAD-Grand-Prix-Reporter Friedemann Kirn.

Jorge Lorenzo, Ihre Handschuhe und Ihr Helm sind in Gold getaucht. Haben Sie sich von Rembrandts »Mann mit dem Goldhelm” inspirieren lassen, oder gibt’s andere Gründe für diese Vorliebe?
Die Farbe Gold steht, wie bei den Olympischen Spielen, für den Sieger, für die höchste Ehre. Sie zeigt, dass du der Beste bist. Davon abgesehen, trage ich die Farbe Gold, weil sie kein anderer trägt. Sie ist originell, und sie ist Teil meiner Identifikation. Das Rembrandt-Gemälde kenne ich nicht.

Wie sind Sie auf die Idee mit Ihrer »Lorenzo’s Land”-Konquistadorenfahne gekommen?
In meiner Freizeit, wenn ich nichts anderes zu tun habe und mich sonst langweilen würde, denke ich über Ideen nach, die ich an den Rennstrecken in einen Gag umsetzen kann. Die Idee mit der Fahne stammt zur Hälfte von mir, zur anderen Hälfte von meinem Fitness-Trainer. Der Gedanke, der dahintersteckt, ist einfach: In einem anderen Land ein Rennen zu gewinnen ist ein wenig so, als ob du dieses Land erobert hättest, und es passt dazu, im Grund und Boden, den du erobert hast, eine Fahne aufzustellen.

Kennen Sie die Geschichte der Konquistadoren vor 500 Jahren?
Nur in groben Zügen.

Diese Geschichte ist ziemlich grausam.
Manchmal muss man grausam sein. Zum Glück nur selten.

Was sind die schönsten Erinnerungen an den Anfang Ihrer eigenen Karriere? Sie haben ja schon mit drei Jahren angefangen, Rennen zu fahren.
Es gibt jede Menge Anekdoten. Ich erinnere mich, dass wir ein Oval zum Fahren hatten, denn mein Vater arbeitete in einem Frei-zeitpark, in dem es auch eine Kart-Piste gab. Dort bauten wir unsere eigenen Strecken auf, mit Schikanen, für Minibikes.

Ist Ihnen damals schon klar gewesen, dass Sie eines Tages die WM gewinnen würden?
Jeder denkt, dass er gewinnen wird. Doch zwischen der Vorstellung und der Wirklichkeit wirst du auf viele harte Proben gestellt, musst du viele Rückschläge, viele Verletzungen, viel Pech wegstecken. Du kannst viel Talent haben, doch wenn du im Kopf nicht klar sortiert bist oder schlicht Pech hast, wirst du dein großes Ziel nie erreichen.

Wann kam der Moment, in dem Sie Ihrer Sache sicher waren?
Sehr spät, ich würde sagen, beim Saisonauftakt 2006 in Jerez.

Wirklich?
Vorher nicht. Ich war schnell, ein Pilot mit Talent, doch ich war im Kopf noch nicht klar genug.

Es ist überraschend, dass ein Fahrer, der in so jungen Jahren schon so viel erreicht hat, von Rückschlägen und Pech redet.
Das Schlimmste sind immer die Verletzungen, wenn du für Monate außer Gefecht gesetzt bist, wenn du in einem Krankenhausbett liegst und denkst: »Wenn ich nur nicht diesen Sturz gebaut hätte.«

Wie konnte das Verhältnis zwischen Vater und Sohn nach all dem, was Sie gemeinsam erlebt haben, vor einem Jahr in die Brüche gehen?
Das ist eine komplizierte Sache. Ein Vater will immer das Beste für seinen Sohn. Doch manchmal kann ein Vater, wenn er sich zu sehr ins Leben des Sohns einmischt, das Gegenteil bewirken. Manchmal muss man wissen, wo die Trennlinie ist zwischen Privatleben und Beruf und den Experten ihre Arbeit überlassen. Meiner Meinung nach hat mein Vater auf technischem Gebiet Unübertreffliches geleistet, als er mir alles über Motorräder und das Motorradfahren beibrachte. Doch auf GP-Ebene kann ein Außenstehender zum Thema Motoren nicht so viel wissen wie mein Techniker Giovanni Sandi. Oder wie mein Team­-manager Daniel Amatriain zu Verträgen und Sponsoren. Es ist un­-möglich, dass eine Randfigur genauso viel weiß wie die Spezialisten.

Ein Vater sollte also seinem Sohn helfen, den Weg zu finden, aber auch loslassen können, wenn er erwachsen ist?
Ich war zu jener Zeit 17 oder 18 Jahre alt und in der Tat erwachsen. Ich bin meinem Vater sehr dankbar für das, was er getan hat, und habe heute wieder ein gutes Verhältnis zu ihm. Doch in jenem Moment hat er sich meiner Meinung nach geirrt, und ich habe ihn deshalb kritisiert.

Was halten Sie von Ihrem nächsten Teamkollegen Valentino Rossi?
Ich kann nur Gutes über ihn sagen, derzeit ist er der Beste, möglicherweise der Beste aller Zeiten. Für mich ist er ein Gigant.

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