Interview mit Loris Capirossi (Archivversion)

Der 34-jährige Loris Capirossi bestritt in Mugello seinen 254. Grand Prix und sprüht trotz eines neuen Lebens als Familienvater weiterhin vor Begeisterung für seinen Job. Im MOTORRAD-Interview schildert er, wie er den Weg aus seiner momentanen sportlichen Krise finden will.

? Anfang März kam Ihr Sohn Riccardo zur Welt. Wie lebt es sich als Papa?
! Dies ist eine fantastische Phase meines Lebens. Vater zu werden ist etwas sehr Spezielles, und anders als bei einem Grand-Prix-Sieg ist es nicht nur ein Moment der Euphorie, sondern etwas, was deinem ganzen Leben eine neue Richtung gibt. Insgesamt ist es das Schönste, was mir je widerfahren ist.

? Ihr Saisonstart als Grand-Prix-Pilot war weniger gut. Was genau ist passiert?
! Wir haben über den Winter eine Menge am Set-up des neuen Motorrads gearbeitet und vieles geändert, vor allem, um den Verbrauch zu drücken und in den Rennen mit 21 Litern über die Runden zu kommen. Plötzlich war das Motorrad nicht mehr so wie das, das ich Ende letzten Jahres probiert hatte und das perfekt funktionierte. Wir steckten in Schwierigkeiten. Wir haben abgestimmt und abgestimmt, und trotzdem konnte ich nicht mehr so schnell fahren wie gewohnt. Die Rundenzeiten kamen einfach nicht mehr. Wir haben uns daraufhin immer wieder über mögliche Problemlösungen unterhalten, insbesondere mit Filippo Preziosi, und am Ende haben die Ducati-Ingenieure Salti mortali geschlagen, um etwas für mich zu finden. Die Lösung wurde mir hier in Mugello präsentiert, in Form eines neuen Motors. Ich bin erleichtert, denn jetzt habe ich das verlorengegangene Gefühl fürs Motorrad wiedergefunden. Und guter Hoffnung, dass meine Aufgabe künftig einfacher sein wird.

? Haben Sie vor den Diskussionen über einen neuen Motor ernsthaft versucht, Ihren Fahrstil zu ändern?
! Ich habe alle nur erdenklichen Methoden ausprobiert, um meine Fahrweise dem Motorrad anzupassen, doch es hat nicht geklappt. Mein Fahrstil ist sehr aggressiv, ich bin sehr schnell in der Kurvenmitte, geriet aber immer in jenem Moment in Schwierigkeiten, in dem ich begann, den Gasgriff wieder aufzuziehen. Und ich muss ganz ehrlich zugeben: Nach so vielen Jahren war es mir unmöglich, mich so radikal umzustellen.

? Ist der neue Motor der Weg aus der Krise?
! Ducati hat auf jeden Fall emsig gearbeitet. Der Motor ist völlig neu, ich habe ihn vor Trainingsbeginn hier in Mugello noch kein einziges Mal ausprobiert. Folglich liegt noch viel Abstimmungsarbeit vor uns. Doch die Basis ist sehr gut.

? Wie benimmt sich der neue Motor, was ist der Unterschied?
! Er ist benutzerfreundlicher geworden, im unteren Drehzahlbereich leichter zu fahren. Ich kann das Motorrad schneller in die Kurve rollen lassen und effizienter beschleunigen. Auf der anderen Seite hat der Motor ein bisschen an Höchstleistung verloren. Uns fehlen fünf oder sechs km/h im Vergleich zu der anderen Maschine. Aber für bessere Fahrbarkeit nehme ich gerne einen kleinen Verlust an Topspeed in Kauf.

? Was haben Sie vor, wenn sich der Erfolg doch nicht einstellt?
! Dann müssen wir eben weiterarbeiten. Ich weiß, was ich brauche, ich weiß, was die idealen Voraussetzungen für mich sind, um schnelle Rundenzeiten hinzaubern zu können, und deshalb habe ich keinen Grund, nervös zu werden. Wir haben bereits einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht.

? Gleichzeitig ist es kein Geheimnis mehr, dass Sie sich nach möglichen Alternativen umschauen. Was gefällt Ihnen an der Kawasaki?
! Umständehalber, weil ich zunächst nicht zu den Allerschnellsten zählte, hatte ich bei den Rennen Gelegenheit, in der Nähe der Kawasaki mitzufahren. Dabei ist mir aufgefallen, wie sehr dieses Motorrad verbessert wurde. Eine schöne Maschine, mit der Kawasaki einen gewaltigen Satz nach vorn gemacht hat, auch wenn sie vor dieser Saison das letzte aller Werke waren, die eine fertige 800er präsentieren konnten. Sie haben in kurzer Zeit ganze Arbeit geleistet.

? Haben Sie nach 20 Jahren Grand-Prix-Sport vor, Ihre Karriere in einem italienischen Team zu beenden, oder können Sie sich tatsächlich einen Wechsel vorstellen?
! Generell denke ich: Neue Situationen geben dir neue Impulse im Leben, neue Herausforderungen schaffen eine neue Stimulans. Ich habe fünf fantastische Jahre mit Ducati zugebracht, und jetzt hoffen wir, dass sich auch in der gegenwärtigen Situation alles zum Besten entwickelt. Ich behaupte deshalb nicht, dass ich hundertprozentig wechseln werde. Wir werden die Situation sorgfältig abwägen, wenn die Zeit reif ist. Derzeit aber bin ich sehr zufrieden, wo ich bin.

? An Ihrer Begeisterung und Ihrem Siegeswillen hat sich anscheinend nichts geändert - trotz Familie und trotz sportlicher Rückschläge.
! Meine Motivation ist genauso hoch wie vor zehn oder 15 Jahren. Ich will gewinnen, immer noch. Und wenn der Tag irgendwann kommt, werde ich nicht als Verlierer abtreten.

Das Interview führte MOTORRAD-GP-Reporter Friedemann Kir

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