Interview mit Max Neukirchner (Archivversion) »Ich musste aufsteigen“

Noch vor kaum zwei Jahren glänzte Max Neukirchner lediglich in der sportlich wertvollen, aber weitgehend unbeachteten 250er-Europameisterschaft. Inzwischen debütierte der 21-jährige Sachse in beeindruckender Weise in der Superbike-Weltmeisterschaft.

Max Neukirchner, Sie waren 2003 Dritter der 250er-EM, 2004 Neunter und vor allem bester Neueinsteiger in der Supersport-WM. In diesem Jahr stiegen Sie mit Ihrem Team Klaffi-Honda als einziger und erster deutscher Fahrer seit fünf Jahren in die Superbike-WM auf – ein bemerkenswert schneller und stringenter Weg.
Ja, das stimmt. Ursprünglich wollte ich 2005 noch mal die Supersport-WM fahren und dort um Spitzenränge kämpfen. Doch dann kam mein Teamchef Klaus Klaffenböck mit seiner Idee, das gesamte Team in die Superbike-WM aufsteigen zu lassen. Ich habe mir die Sache wirklich lange überlegt und schließlich, als wir uns auch finanziell weit-
gehend einig waren, zugesagt.
Das ist natürlich ein großes Abenteuer, ein Riesenschritt. Die Superbike-WM ist ganz sicher hinter der MotoGP-Weltmeisterschaft, jedoch deutlich vor allen anderen Klassen, die Nummer zwei im internationalen Motorradrennsport. Ich bin mit meinen 21 Jahren dort der Jüngste in einem 30 Mann starken Fahrerfeld und bestimmt einer derjenigen mit der geringsten Erfahrung.
Wenn ich jetzt allerdings unsere bisherigen Testfahrten mit der Honda Fireblade, die trostlose Situation in der Supersport-WM mit gerade 18 Fahrern beim WM-Auftakt, insbesondere aber meine eigene Vorstellung in Qatar anschaue, muss ich klar feststellen: Ich musste aufsteigen. Es war die einzig richtige Entscheidung.

Der Aufstieg von der Supersport- in die Superbike-WM ist nicht nur wegen des deutlich höheren fahrerischen Niveaus sehr groß. Es müssen plötzlich auch 60 bis 70 PS mehr
bewegt und vor allem beherrscht werden. Wie schnell klappte die Anpassung?
Tatsächlich war ich bei meinen ersten Testfahrten mit der Superbike-Honda CBR 1000 RR Anfang Februar auf der Strecke von Cartagena in Spanien sehr
beeindruckt. Die 1000er schiebt schon ganz anders an als die 600er. Dabei hatten wir damals lediglich einen fast serienmäßigen Motor zu Verfügung. Einen richtigen Superbike-Rennmotor mit ungefähr 200 PS bekam ich erst bei den Trainings zum Qatar-WM-Auftaktrennen. Für die Rennen lieferte unser Motoren-Tuner D’Holda aus Belgien eine weitere, noch etwas feinere und stärkere Ausbaustufe.
Mit dem ersten Rennmotor war ich gleich Fünfter im Training. Es zeigt sich in der Superbike-WM schon ähnlich wie bei den noch
viel stärkeren MotoGP-Maschinen, dass die Fahrbarkeit vor dem letzten Ausreizen der Maximalleistung kommt. Es kann passieren, dass du mit dem stärkeren Motor gar nicht auf Anhieb schneller fahren kannst. Du musst dich erst wieder neu herantasten.

Offenbar ist Ihnen dies sehr gut gelungen. Die furchtlosen Auftritte in Qatar, mitten in der wieder erstarkten Superbike-Elite, wo Sie beim WM-Debüt zeitweise bis auf Rang vier vorrückten, beeindruckten nicht nur ihre Fans zu Hause in Sachsen. Was können wir in der Saison 2005 noch erwarten?
Mein ursprüngliches Ziel war, regelmäßig unter den Top 15 zu punkten und gelegentlich unter die ersten zehn zu fahren. Ich glaube, viel mehr sollte man
sich als Neueinsteiger nicht vornehmen, zumal die Superbike-WM mit der Rückkehr der werksunterstützten Teams von Honda, Suzuki und Yamaha viel stärker geworden ist als in den letzten beiden Jahren. Mir ist schon klar, dass meine gute Vorstellung in Qatar mit dem achten Platz im zweiten Rennen bei den Fans und in der Öffentlichkeit die Erwartungen in die Höhe schießen lässt. Aber ich werde mich davon nicht verrückt machen lassen.
Was für das gesamte Klaffi-Honda-Team das Wichtigste ist: Wir haben in Qatar gesehen, dass wir durchaus mit den Ten-Kate-Honda-Fahrern Chris Vermeulen und Karl Muggeridge mithalten können. Daraus ergibt sich die zusätzliche Motivation für meinen Teamkollegen Frankie Chili und mich, in den Rennen bester
Honda-Fahrer zu werden. Speziell für mich ein anspruchsvoller Job. Vermeulen und Muggeridge haben schon die Supersport-Weltmeisterschaft gewonnen, und was Frankie draufhat, ist ja allgemein bekannt.

Fast 70 PS mehr, Weltklasse-Fahrer als Gegner: Was bedeutet der Sprung ins Haifischbecken Superbike-WM für Ihr Privatleben und die Vorbereitung außerhalb der Rennstrecke?
An erster Stelle steht mein bewährter Grundsatz, alles nicht zu ernst zu nehmen. Selbstverständlich arbeite ich bei Testfahrten und an den Rennwochenenden mit meinem Team sehr konzentriert und so präzise wie möglich. Doch ich versuche, mich möglichst nicht unter Druck zu setzen. Im Hinblick auf die Mehrleistung des Superbikes mache ich mehr Krafttraining, auch wenn ich weiß, dass man das nicht übertreiben sollte. Doch ich musste zunächst etwas Kraft aufbauen, um den Anforderungen des Super-
bikes und der zwei Rennen am Wochenende gewachsen zu sein.

Gibt es für Sie dieses Jahr noch ein Leben neben dem Rennsport?
Es fällt mir schwer, da jetzt eine harte Trennungslinie zu ziehen, weil ich in meiner Freizeit sehr viel Spaß an ganz verschie-
denen Sportarten habe. So ergibt sich von ganz allein ein Trainingseffekt für den Job als Rennfahrer. Wichtig ist mir auf jeden Fall, den Kontakt zu meinem gewohnten Umfeld, meinem bereits länger existierenden Freundeskreis zu halten. Denn auch dies schafft eine gute Basis, auf der du vernünftig und mit freiem Kopf arbeiten kannst. Am 1. März habe ich ganz normal wie viele andere in meinem Alter meinen neunmonatigen Zivildienst begonnen. Den Job könnte man
ungefähr als Hausmeister im Bahnhof von Stolberg in Sachsen beschreiben.

Vom Hausmeister zum Weltmeister – in welchem Zeitraum wollen Sie das schaffen?
Das wird wohl ein bisschen länger
als neun Monate dauern. Im Ernst: Zunächst einmal geht es für mich darum, mich in der Superbike-WM zu etablieren sowie zu zeigen, dass ich mithalten und vielleicht auch irgendwann ganz vorn mitfahren kann. Hätte ich das erreicht, wäre mein Ziel der weitere Aufstieg in die MotoGP-Weltmeisterschaft. Und dann, wenn ich es wirklich schaffen sollte, geht die ganze Geschichte wieder von vorn los.

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