Interview mit Sete Gibernau (Archivversion) "Keine Energie vergeuden"

Trotz zweier Vize-WM-Titel erhielt Sete Gibernau auch für die kommende Saison keinen Werksvertrag von Honda. Der Spanier erklärte MOTORRAD, warum er sich darüber nicht grämt.

Sete, auch im vergangenen Jahr bist du
Vizeweltmeister hinter Valentino geworden, hast die
Honda-Werksfahrer geschlagen. Trotzdem bist du in der kommenden Saison in der Equipe Telefonica-Movistar
wieder nur in einem Kundenteam. Bist du verbittert?
Nein, denn es war meine Entscheidung, zu bleiben. Als ich bei Fausto Gresini unterschrieb, war mir klar, dass es ein Satellitenteam ist. Die Sache ist erledigt.
Kannst du die Entscheidung von Honda nachvollziehen?
Ich habe im Herbst des vergangenen
Jahres hart mit Honda verhandelt. Damals wurden Entscheidungen getroffen – und mit diesen Fakten muss ich mich nun arrangieren. Ich kann meine Energien nicht darauf verschwenden, mich über Dinge zu ärgern, die ich nicht beeinflussen kann. Ich habe meine Argumente auf den Tisch gelegt – und es hat nicht gereicht. Jetzt muss ich mich darauf konzentrieren, möglichst gut zu fahren, mich zu verbessern. Nur dann habe ich weitere Argumente.
Die Piloten im Werksteam sind die ersten, die neue Teile testen und beurteilen müssen. Ist es vielleicht sogar ein Vorteil, zunächst mit dem bewährten Material zu fahren?
Nein. Es ist schon schwierig genug, als Werksfahrer Weltmeister
zu werden. In einem Satellitenteam ist es noch schwieriger. Wichtig ist
dabei natürlich, was man unter dem Begriff Werksfahrer versteht. Für mich bedeutet es, dass sie dir nicht irgendein Bike bauen, sondern dass sie dir exakt dein Bike bauen. Ist der Unterschied klar?
So wie Yamaha, die Rossi seine M1 ganz nach seinen Wünschen hinstellten.
Honda versucht, den Wünschen mehrerer Fahrer zu entsprechen. Ist dies die falsche Politik?
Werke waren stets dann erfolgreich, wenn sie sich auf einen Fahrer konzentriert haben. Aber, um ehrlich zu sein: Ich will meine Energien auch nicht mit diesen Überlegungen vergeuden. Ich muss mich auf mich selbst konzentrieren. Ich habe mein Bike, meine Reifen, meine Fähigkeiten – that’s it!
Welche Ziele scheinen dir unter diesen Umständen realistisch? Musst du nach zwei Vizetiteln nun Weltmeister werden, oder hat es oberste Priorität, wieder bester Honda-Fahrer zu sein und die Werksfahrer Biaggi und Hayden zu schlagen?
Ich muss überhaupt niemanden schlagen. Der Einzige, den ich
schlagen muss, bin ich selbst. Ich muss mich überwinden, ich muss besser werden. Denn das ist das Einzige, worauf ich Einfluss habe. Der Sete von 2003 war gut. Alle haben gesagt, das ist unglaublich. Das schafft der nicht noch einmal. Doch der Sete 2004 war noch besser. Und der Sete 2005 wird noch besser sein.
Wenn es nicht die Platzierung ist – wie lautet dann deine Definition für »besser«? Sind es bessere Rundenzeiten?
Nein, denn auch Rundenzeiten hängen bisweilen von Faktoren ab, die ich nicht beeinflussen kann. Ich muss für mich die Gewissheit haben, dass ich alles getan habe. Verbessern heißt für mich: Ich muss konstanter werden, mich noch enger und intensiver mit Honda und Michelin austauschen, ich muss körperlich und mental stärker werden, das Team in
die richtige Richtung führen und die richtigen Entscheidungen treffen. Man kann sich in jede Richtung verbessern, wenn man die Erfahrungen der Vergangenheit zu Rate zieht.
Stichwort Vergangenheit: Habt ihr in der letzten Saison falsche Entscheidungen
getroffen?
Nein, im Gegenteil: Wir haben vieles richtig gemacht. Aber wie ich schon sagte: Es gibt immer etwas zu verbessern.
Was war das Hauptproblem der letzten Saison? Und was erwartest du in dieser Hinsicht von der kommenden?
Ich erwarte, dass wir die Schwierigkeiten nicht während der Saison lösen, sondern schon vor dem ersten Rennen. Wir müssen mit dem fertigen Motorrad zum ersten Rennen der Weltmeisterschaft anreisen und können nicht zwischen den Rennen am Auspuff oder Rahmen herumexperimentieren, wie im vergangenen Jahr wegen dieses furchtbaren Chatterings. Das war ein Alptraum, der sich nicht wiederholen sollte.
Dieses Problem hatte ja viel mit der immer
weiter fortschreitenden Reifentechnologie zu tun. Wie habt ihr darauf reagiert, und welche Rolle spielen die Reifen bei Rundenzeiten und Fahrstil?
Motorrad und Reifen müssen eine Einheit sein, das ist das Wichtigste. Dann hat der
Fahrer das entsprechende Feedback und Vertrauen. Wenn du wie wir in der letzten Saison Chattering hast, hast du kein Vertrauen und kannst nicht schnell fahren. Michelin hat richtig reagiert und kam mit komplett neuen Reifen. Das hat uns viel geholfen. Zu Rundenzeiten und Fahrstil: Die Reifen bieten immer mehr Haftung, speziell beim Beschleunigen. Das macht sicher 50 Prozent der immer schnelleren Rundenzeiten aus. Allerdings wird es auch immer anstrengender, die Maschine bei diesem hohen Gripniveau dorthin zu dirigieren, wo du sie haben willst. Du musst sehr stark sein, um schnell zu sein.
Liegt in der körperlichen Fitness deine besondere Stärke? Oder ist es die Kommunikationsfähigkeit, der in diesen Zeiten eine besondere Bedeutung zukommt? Und wo sind deine Schwachpunkte?
Meine Schwächen verrate ich natürlich nicht. Meine Stärke sind die Erfahrungen der letzten Jahre und meine Partner Honda und Michelin. Außerdem hilft mir sicher, dass ich eine gute Balance gefunden habe. Ich gehe mit mir sehr selbstkritisch um, kann mein Leben aber trotzdem genießen. Ich habe einen wundervollen Job und eine tolle Familie. Ich habe einfach viel Glück gehabt, und dafür bin ich dankbar.

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