Interview mit Teamchef Stefan Kiefer (Archivversion)

Stefan Kiefer ist 2008 der einzige deutsche Chef eines Teams im Fahrerlager der Straßen-WM. Seine Fahrertruppe sind die Deutschen Stefan Bradl und Robin Lässer sowie der Rumäne Robert Muresan. MOTORRAD wollte wissen, warum es so schwierig ist, ein Grand-Prix-Team von Deutschland aus zu betreiben.

Herr Kiefer, zwei Ihrer drei Fahrer ­für die Saison 2008 sind Deutsche, das ist fast eine Rückbesinnung auf alte Zeiten im Kiefer Racing Team. War es im Rückblick auf die letzten Jahre falsch, auf zahlungskräftige Piloten aus dem Ausland zu setzen?
Wir haben immer darauf Wert gelegt, mit deutschen Fahrern in der WM unterwegs zu sein. Aber es war in den letzten Jahren eben nicht immer so, dass wir die Riesenauswahl hatten und die deutschen Fahrer verpflichten konnten, die unseren Erwartungen entsprechend erfolgreich waren und eine ganze Saison für uns überhaupt finanzierbar gemacht hätten. Deshalb mussten wir das eine oder andere Mal auf ausländische Fahrer zurückgreifen.

Alex Baldolini hat das Team im letzten Jahr sicher nicht weiter nach vorn gebracht, weder bei den Fans noch vom Team-Status her ...
Hat er ganz sicher nicht. Doch wen hätten wir sonst nehmen sollen? Es war auch Joshua Sommer im Gespräch, aber ein solches Engagement muss eben auch finanziert sein. An einer solchen Saison hängt ein riesiges finanzielles Paket dran, das muss natürlich auch passen.

Anthony Wests Engagement war sportlich interessant, aber eine finanzielle Sackgasse, weil es am Ende nicht gelang, eine Werksmaschine zu beschaffen.
Das Jahr mit West war unabhängig von seiner Staatsbürgerschaft eine superschöne Saison, die wir als bestes Privatteam der 250er-Klasse abgeschlossen haben. Wir haben Top-Ten-Plätze erreicht und hatten einen Fahrer, der zeigte, was mit einer Standard-Aprilia mit Kit überhaupt möglich ist.

Warum gelang es nie, eine konkurrenz­fähige Werksmaschine zu besorgen? Ist Grand-Prix-Rennsport für deutsche Verhält-nisse einfach zu teuer?
Es ist in Deutschland mit Sicherheit extrem schwer, egal, ob für einen deutschen Fahrer oder für einen Anthony West, ein Budget zusammenzukriegen von damals rund 600- bis 700000 Euro. Und im Nachhinein betrachtet: Selbst wenn wir am Ende die Kosten für ein Top-Motorrad gestemmt hätten, wären womöglich viele hohe Erwartungen unerfüllt geblieben. Denn letztes Jahr waren die Dinger ja wirklich schlecht. ­Da hätten wir dann schon mit einem richtigen Werksmotorrad antreten müssen, wie es Tom Lüthi fährt. Dann reden wir hier über 1,5 Millionen. Und die zu finden ist naturgemäß sehr, sehr schwierig. Zumindest musst du sagen können: Wir fahren um den WM-Titel.

Ist Deutschland einfach ein schlechtes Umfeld für diesen Sport?
Nein. Das glaube ich wirklich nicht. Eins gilt für alle Länder: Es ist immer schwierig, so viel Geld für ein Team zu besorgen. Sicherlich, jetzt hat es Daniel Epp mit Lüthi geschafft. Aber vor allem, weil Tom 2005 eben Weltmeister wurde. Gehen wir mal davon aus, es würde sich in den nächsten ein, zwei Jahren ein deutsches Talent hervortun, das um die WM fährt. Dann, glaube ich, können wir auch in Deutschland Sponsorengelder in siebenstelliger Höhe gewinnen.

Das Kiefer-Team hat mit Stefan Bradl den talentiertesten deutschen Fahrer zur Verfügung. Wie liefen die ersten Tests?
Wir haben in Valencia und Jerez getestet und sind sehr zufrieden. Es hat alles geklappt, das Team funktioniert sehr gut und harmoniert super. Wir haben ein bisschen befürchtet, dass drei Fahrer zu viel sein könnten und ein Durcheinander ent­stehen könnte, doch das war keineswegs der Fall. Technisch wie fahrerisch hat alles funktioniert. Vor allem in Jerez: Stefan ist dort schneller gefahren als je zuvor mit einer Runde von 1.48,5 Minuten.

Sie haben einen weiteren prominenten Deutschen im Aufgebot – Ralf Waldmann. Soll er die jungen Piloten neben seinen technischen Aufgaben auch mit guten Tipps beflügeln?
Wir haben den Waldi als Chef­techniker für Robert Muresan eingestellt. Waldi war einer der wenigen sehr erfolg­-reichen deutschen Motorradrennfahrer, der Robert sicher weiterbringen wird. An eine Funktion als Coach für alle drei Fahrer haben wir dabei nicht gedacht – die drei Teams sind, was die Arbeit in der Box und den Wettkampf auf der Strecke angeht, klar voneinander getrennt.

Stefan Bradl ist jetzt 125er-Werksfahrer. Hat er alles, was er sich wünschen kann, oder müssen Sie 2008 Kompromisse eingehen?
Wir mussten keinerlei Kompromisse machen. Wir hätten Stefan höchstens noch ein zweites Motorrad zur Verfügung stellen können. Derzeit haben wir nur ein Motorrad mit Ersatzmotor, mit vollem Support von Aprilia. Zwei Maschinen sind im ersten Werksfahrer-WM-Jahr nicht notwendig und wären auch zu teuer geworden. Darüber kann man nachdenken, wenn klar ist: Jetzt geht’s um die WM.

In Zahlen und Fakten ausgedrückt: Was erwarten Sie von der Saison 2008?
Wir wollen mit Stefan auf jeden Fall unter die ersten zehn der Gesamtwertung kommen. Wenn da mal ein Ausreißer nach vorne passiert, sind wir natürlich happy – doch erwarten tun wir’s nicht.

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