Interview Sete Gibernau (Archivversion) »Mein Leben ist ein Traum«

Nach elf Jahren im GP-
Zirkus hat sich der Spanier Sete Gibernau als Siegfahrer etabliert. MOTORRAD-Sportreporter Friedemann Kirn erzählt der 30-Jährige, warum er sich für einen Glückspilz hält.

Du hast in dieser Saison drei Siege, fünf Podestplätze und den zweiten Platz in der WM-Tabelle erbeutet. Bist du mittlerweile reif für den Titelkampf? Siege kommen nicht zufällig. Sie kommen dank harter Arbeit, eines guten Teams und guten Motorrads sowie einer guten Vorsaison. Und sie kommen, weil ich in all den vorangegangenen Jahren gut Motorrad gefahren bin und nie locker gelassen habe. Ich habe mir gesagt: Du bist hier, um zu lernen – für jenen Tag, an dem ich dereinst ein besseres Motorrad haben werde. Für diese Situation wollte ich vorbereitet sein. Wie siehst du die Politik im Hause Honda? Würde man es dort je zulassen, dass ein Fahrer außerhalb des eigentlichen Werksteams Weltmeister wird? Prinzipiell hat sich meine Situation bei Honda seit Jahresbeginn nicht geändert. Ich muss also noch mehr Rennen gewinnen und auf diese Weise ver-suchen, eine noch bessere Position in der Hierarchie zu erkämpfen. Derzeit ist Valentino die Nummer eins und hat das beste Motorrad, weil er der beste Fahrer ist. Punktum. Nach dem Südafrika-GP musste man dich förmlich auf die Werksmaschine zwingen. Wir hatten mit dem Standardmotorrad eine gute Vorsaison absolviert, ich fühlte mich wohl auf der Maschine. Die Werksmaschine besitzt viel mehr Abstimmungsmöglichkeiten. Damit hat sie im Prinzip deutlich mehr Potenzial. Doch wenn du dieses Potenzial nicht richtig zu nutzen verstehst, bewegst du dich auch schnell in die falsche Richtung, und das Motorrad wird deutlich schlechter als die Standardware. Mein Problem: Wir haben die Werksmaschine vor der Saison nicht getestet, uns fehlt also die nötige Basis. Ich sehne mich nach mehr Rennen. Denn nur dort kann ich auf diesem Motorrad die nötige Erfahrung sammeln und die Vorsaison im Eilverfahren nachholen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Valentino Rossi Honda verlässt: Bist du weit genug für den Nummer-eins-Status? Ich weiß, dass ich noch viel lernen muss, doch ich will auch dann noch weiterlernen, falls ich in diese Situation komme. Ich würde diese Herausforderung annehmen. Einer besteht sie, der andere nicht. Mein Selbstvertrauen ist aber stark genug. Ist es dein Traum, Hondas Nummer-eins-Fahrer zu werden? Mein ganzes Leben ist ein Traum, und deshalb schätze ich mich sehr glücklich. Selbst wenn ich könnte, gibt es nichts, was ich an meinem Leben ändern würde, auch nicht im Nachhinein. Sogar letztes Jahr war ich glücklich, trotz mangelnder Resultate, weil ich das tun durfte, was mir unter allen Dingen auf der Welt am meisten Freude macht. Das Einzige, worum ich bitte, ist, respektiert zu werden – auch dann, wenn es mal nicht so gut läuft. Du machst tatsächlich fast immer einen fröhlichen Eindruck und trägst ständig ein Lächeln im Gesicht. Ist das der wahre Sete Gibernau? Ich versuche, ich selbst zu sein. Ich denke, es ist nur recht und billig, dass ich glücklich wirke, denn ich führe ein glückliches Leben. Ich könnte mir wirklich kein besseres Leben wünschen. Ich habe eine großartige Familie, ich verdiene mir meinen Lebensunterhalt mit Motorradrennen, was stets mein Traum war. In der Ära Mick Doohans herrschte Eiszeit im Fahrerlager, weil er sich auf Psychokriege spezialisiert hatte. Ist diese Waffe aus dem Fahrerlager verschwunden? Die Dinge ändern sich. Derzeit erleben wir eine großartige Phase des Motorradsports – tolle Rennen, eine beeindruckende Atmosphäre, Respekt unter den Fahrern. Den Psychokrieg gibt es trotzdem, zum Beispiel zwischen Valentino Rossi und Max Biaggi. Wenn Rossi in Barcelona lächelnd von einem »Podium der Freunde« spricht, ist das natürlich auf Biaggi gemünzt, der Vierter wurde. Was hast du nach deinem Sieg in Assen gemacht? Ich bin am Samstag nach dem Rennen kurzfristig nach Barcelona geflogen. Eigentlich war geplant, direkt in die Schweiz zu gehen, doch nach meinem Sieg wollte ich mit meinen Eltern zu Abend essen. Warum bedeutet die Familie so viel für dich? Weil sie mich als Person und nicht wegen des Ruhms oder des Geldes liebt. Als Sete, den Sohn, den Vetter oder den Bruder. Das behütet mich, in dieser Umgebung fühle ich mich entspannt und kann Kraft tanken fürs nächste Rennen. Was ist deine stärkste Erinnerung an deinen Großvater, Bultaco-Firmengründer Paco Bultó? Jedes Wochenende auf seinen Cortijo, eine Farm enormer Größe im Süden von Sitges, zu gehen und Motorrad zu fahren. Es war stets eine Ehre für mich, mit meinem Großvater, meinen Vettern, meiner Schwester und vielen anderen Ausflüge zu machen. Wir waren stets mit 20 Motorrädern unterwegs, anschließend hüpften wir in den Pool oder spielten Tennis. Wir hatten unendlich viel Spaß. Deine größte Tugend ist dein Mut. Hat er mit der Umgebung zu tun, in der du aufgewachsen bist? Ich weiß nicht. Ich kann nur sagen, dass ich die Dinge mein ganzes Leben über aus dem Herzen heraus betrieben habe. In meiner Familie gab es die Möglichkeiten dazu – wir fuhren Motorrad, Ski, sprangen wie Tarzan am Seil von Bäumen. Heutzutage habe ich Respekt vor den Dingen, aber keine Angst. Hat der tödliche Unfall deines Teamkollegen Daijiro Kato in Suzuka daran etwas geändert? Seit dieser Tragödie arbeite ich noch härter, um mich zu verbessern. Denn je besser du wirst, desto mehr verringerst du das Risiko bei den Rennen. Man muss sich als Fahrer verbessern, und man muss den ganzen Sport verbessern, um das Risiko zu senken. Deshalb haben wir auch die Fahrerkommission für mehr Sicherheit gebildet, die auf jeder Strecke jeweils nach dem Training zusammen mit Fahrervertreter Franco Uncini und der Dorna über nötige Umbauten und weitere Sicherheitsmaßnahmen diskutiert. Wir haben einen schönen Sport, den wir alle zusammen weniger gefährlich machen können. Denn wenn du stürzst und es ist kein Hindernis im Weg, passiert normalerweise nichts. Auf dem Podium schaust du nach wie vor zum Himmel auf, um Daijiro Kato zu grüßen. Empfindest du den Verlust noch genauso wie beim ersten Rennen nach dem Unfall? Ich bin ruhiger geworden. Doch bis zum Ende meiner Karriere möchte ich mit dem Bewusstsein leben, dass mich Daijiro begleitet. Mir gefällt dieser Gedanke. Ich fühle, dass er bei mir ist, und ich möchte ihm dafür danken. Das ist alles. In deiner bisherigen Karriere bist du stets wie eine Katze auf die Füße gefallen. Bist du ein Glückspilz? Für den Erfolg braucht es Glück, keine Frage. Aber man muss dem Glück auch eine Chance geben. Ich denke, dass ich mit richtigem Einsatz gespielt habe. Ich habe immer so gut wie möglich meine Arbeit gemacht, und das ist zum Saisonende immer jemandem aufgefallen. Die Zeit regelt alles und bringt jeden an seinen Platz. Was ist dein ultimativer Traum? Mein größter Traum ist, mein Leben weiterleben zu können wie bisher. Ich verlange nichts mehr. Ich möchte nichts über meine Zukunft wissen, denn dazu gefällt mir die Gegenwart zu sehr. Gleichzeitig habe ich keinerlei Angst davor, irgendwann mit dem Rennfahren aufzuhören und etwas anderes zu machen. So, wie ich erzogen wurde, bin ich sicher, dass ich auch dann wieder etwas finden werde, was mir Spaß macht!

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote