Interview Stefan Bradl und Sandro Cortese (Archivversion) "Man kann nicht sagen: Ich hole die WM"

Die beiden Deutschen Stefan Bradl und Sandro Cortese zählen zum Kreis der Favoriten auf den 125-cm³-WM-Titel. Sie sprachen mit MOTORRAD-Grand-Prix-Reporter Friedemann Kirn über die kommende GP-Saison.

Stefan Bradl, Sandro Cortese, die Winterpause war diesmal besonders lang. Wie fühlt ihr euch vor dem ersten Rennen?

Stefan Bradl: Die ersten Tests waren nicht ganz der Hit, doch zum Ende hin haben wir den Anschluss an die Spitze wiederge-
funden. Ansonsten war die Pause angenehm und ruhig. Ich habe viel trainiert, Rad fahren, Joggen, Sessions mit dem Fitnesstrainer, Fitnessstudio, Ski fahren. Dazu gab’s einen neuen Hauptsponsor.

Sandro Cortese Ich war hauptsächlich daheim. Ich habe Konditionstraining gemacht, bin auch ein bisschen Supermoto gefahren, in der Halle. Außerdem war ich zweimal bei meinem neuen Ajo-Team in Finnland. Wir sind Eisrennen gefahren, auf einem zugefrorenen See den ganzen Tag über. Mit Spikes, das war richtig cool.

Wohl und Wehe des deutschen Grand-Prix-Sports hängen an euch beiden. Beschäftigt euch das, oder könnt ihr das beim Fahren ausblenden?

Cortese: Sicher ist einem das bewusst. Aus Italien etwa sind 20 Fahrer in allen drei Klassen vertreten. Aber ich denke, dass wir zwei auf dem besten Weg sind, es hinzukriegen, dass Deutschland wieder da hinkommt, wo es früher mal war.

Bradl: Italien und Spanien sind uns weit voraus. Bei uns wird die Entwicklung dauern. Man merkt schon den verstärkten Druck.

Was gehört zu einem Sieger? Was ist der Unterschied zwischen vorn mitfahren und Rennen gewinnen?

Bradl: Man muss Erfahrung haben. Ich denke nicht, dass zum Beispiel Jonas Folger einen GP anführen kann, ohne nervös zu werden. Ich habe mir die Erfahrung auch erst erworben. Als ich 2008 in Le Mans zum ersten Mal führte, hatte ich schon den Podestplatz von Qatar im Rücken. Als ich vorn war, habe ich einfach mein Ding durchgezogen. Ich war schnell und dachte mir: Die sind jetzt alle hinter mir, ich fahre einfach so weiter, wie es mir gefällt, und wenn mich einer ausbremst, ist es auch egal, dann schau ich den wieder an.

Cortese: Technisch und fahrerisch vorbereiten kann man sich auf die Situation, ein Rennen anzuführen, sowieso nicht. Du kannst nicht üben, wie du morgen im Rennen vorn liegst. Wenn man einen guten Windschatten hat und vom dritten auf den ersten Platz fahren kann, ist die Chance da. Du musst sie nutzen, anstatt vor lauter Respekt früher zu bremsen.

Bei Stefan Bradl war das Umfeld 2008 ideal, mit einem deutschen Team und Vater Helmut als Berater. Sie, Sandro Cortese, waren bislang in einem italienischen, sind jetzt in einem finnischen Team. Hatten Sie daher mehr zu kämpfen?

Cortese: Nein. Mir hat es an nichts gefehlt, damals nicht und heute auch nicht. Ich war mit den Italienern gut vertraut, kannte ein paar von denen schon von 2007. Das war für mich kein Problem. Es waren Top-Mechaniker, wir haben uns respektiert und hatten eine gute Harmonie im Team. Die finnische Mentalität ist natürlich komplett anders. Die Italiener sind aufbrausend, jetzt läuft alles ganz ruhig ab. Die Finnen ähneln dem deutschen Stil. Man ist sehr konzentriert, erst kommt die Arbeit, dann alles andere. Die Arbeit wird konsequent durchgezogen, solange meine Eindrücke von der Strecke frisch sind. Eine Pause gibt es erst, wenn die Arbeit erledigt ist. Und das ist wirklich immer sehr spät. Teamchef Aki ist nicht mit Druck dahinter, sondern bringt mich mit ruhiger Weise auf den richtigen Weg. Wenn ich einen Fehler auf der Strecke mache, kommt man zusammen, analysiert. Er sagt: Sandro, das war nicht das Motorrad, das musst du überarbeiten. Er hat eine sehr ruhige Art, und das kommt mir zugute, weil ich mehr Deutscher bin als Italiener. Ich bin sicher, dass 2009 besser wird als 2008.

Wie sehr interessiert euch die Technik?

Cortese: Bis zu einem gewissen Level interessiert sie mich schon, doch wenn es sehr ins Detail geht, kommt man als Fahrer irgendwann nicht mehr mit. Ich denke, dass zu viel technisches Wissen eines Fahrers gar nicht so gut ist. Sonst macht man sich auf der Piste zu viel Gedanken. Man sollte verstehen, was das Motorrad tut, aber mehr Techniker zu sein als Fahrer bringt nichts.

Bradl: Stimmt, wenn man sich zu sehr reinhängt, geht’s nach hinten los.

2008 war Stefans Motorrad oft am schnellsten. Ärgerte Sie das, Sandro?

Cortese: Klar denkt man drüber nach, wenn ein anderes Motorrad schneller ist als das eigene: Was macht der jetzt, schaltet der anders? Dann geht die Frage weiter: Warum?

Bradl: Ich fahre in die Kurve rein, meistens bremst man vorher, und dann geht man ans Gas. Mein Cheftechniker Jürgen Lingg hat das Motorrad einfach gut auf meinen Fahrstil abgestimmt. Das Wichtigste für mich ist die Gasannahme. Wenn ich merke, das Motorrad kommt sauber aus den Ecken raus, dann fühle ich mich einfach wohl und kann effizient beschleunigen.

Wie liegen die Karten für die Saison 2009?

Cortese: Von Julian Simon, der bei den Jerez-Tests so schnell war, darf man sich nicht ablenken lassen. Tests sind komplett anders als Rennen. Erst nach drei GP kann man abschätzen, ob Simon auch WM-Favorit ist. Am Schluss kommt’s auf die Konstanz an, denn es zählen alle 16 Rennen.

Bradl: Ein GP-Wochenende ist völlig anders als ein Test, der über zwei oder drei Tage läuft. Ich denke, dass Simon schnell sein wird beim ersten Rennen, aber ob er gewinnt, ist eine andere Frage. Bei einem GP hat man viel weniger Zeit. Uns kommt zugute, dass wir uns 2009 auf viele wertvolle Daten vom Vorjahr stützen können.

Würdet ihr lieber gegeneinander oder lieber mit Spaniern und Italienern um den Sieg kämpfen?

Bradl: Man wird nicht gefragt, was einem lieber ist.

Cortese: Auf der Rennstrecke gibt es keine Nationalitäten. Da muss ich mit Stefan kämpfen, genauso wie etwa mit Bradley Smith.

Eure Ellbogen werden also nicht breiter, wenn ihr gegeneinander fahrt?

Cortese: So breit wie auch gegen den Smith, denke ich.

Bradl: Ich komme mit dem Sandro gut aus, ich komme aber auch mit dem, hm, ja zum Beispiel dem Simon gut aus.

Was kann der deutsche Rookie Jonas Folger erreichen, der bei den Jerez-Tests sehr schnelle Zeiten vorgelegt hat?

Cortese: Er ist ein guter Fahrer und kennt fast alle Strecken, weil er schon überall gefahren ist, in Jerez bestimmt schon hundertmal. Jetzt muss man schauen, wie er sich schlägt, wo er noch nicht war, etwa in Qatar. In Europa kann er sicher Highlights setzen.

Bradl: Das erste GP-Jahr ist nicht einfach und auf Strecken, die man nicht kennt, doppelt schwierig. Bei den Tests schlug sich Jonas gut. Doch es wird sich auch zeigen müssen, wie er es verarbeitet, wenn einmal ein Sturz dazwischenkommt. Auch bei ihm zählt die Konstanz. Vielleicht kann er ja Weltmeister werden.

Das bringt uns zur nächsten Frage: Weltmeister di Meglio ist zu den 250ern aufgestiegen. Wird einer von euch sein Nachfolger?

Stefan Bradl: Schaun’ mer.

Cortese: Ja, schaun’ mer. Man kann nicht sagen: Ich werde den Titel holen. Es gehört sehr viel harte Arbeit dazu. Und etwas Glück.

Stefan Bradl: Das wollte ich auch gerade sagen.

Cortese: Man kann zehnmal gewinnen. Aber wenn man fünfmal stürzt, wird einer mit 13 zweiten Plätzen Weltmeister.

Stefan Bradl: Was sind deine Ziele für die neue Saison? Das ist die blödeste Frage, die ein Journalist stellen kann. Und doch fragt es jeder. Dann sage ich: Wart halt mal die ersten drei, vier Rennen ab, dann kann ich sagen: Jetzt bin ich WM-Tabellenführer, jetzt will ich Weltmeister werden. Aber wenn ich in Qatar Fünfter werde und in Motegi 13., weil das Motorrad abkackt, dann sieht’s anders aus. Dann kann ich vielleicht sagen, ich will unter die ersten Drei. Meine persönliche Zielsetzung ist deshalb eine andere: Ich will GP-Siege.

Kann es in Deutschland wieder zu der alten allgemeinen GP-Begeisterung kommen, so wie sie letztes Jahr beim Sachsenring-GP aufflammte?

Bradl: Am Sachsenring-Wochenende waren keine Olympischen Spiele, keine Fußball-Bundesliga, nichts. Da war Motorrad-GP auf dem Sachsenring, und der Bradl ist Zweiter geworden. Dann stehe ich auf den Titelseiten, und die Tagesschau zeigt einen langen Beitrag, weil sie nix anderes haben. Ein paar Wochen danach habe ich in Brünn gewonnen. Es waren die Olympischen Spiele in Peking, es war Fußball-Bundesliga. Der Bradl ist GP-Sieger, und was kommt in der Tagesschau? Ein kurzer Ausschnitt. Im Vergleich zum Sachsenring war gar nichts los.

Cortese: Auf Deutschland bezogen ist zu viel Fußball im Vordergrund. Und Formel 1. Vor allem jedoch Fußball. Selbst wenn es keine Spiele gibt, ist es den Medien wichtiger, was Bayern-Manager Hoeneß macht, als von Motorrad-GP-Siegen zu berichten. Aber wenn einer von uns zwei Weltmeister wird, wird sicher mehr los sein.

Bradl: Man merkt halt, dass wir nur drei GP-Fahrer sind in Deutschland, und die auch noch in der kleinsten Klasse.

Wenn ihr nächstes Jahr die Klasse wechseln würdet, dann lieber auf eine 250er oder eine Viertakt-600er?

Cortese: Immer noch 250er.

Bradl: Ja, ich auch.

Cortese: Eine 600er wäre zu riskant im Wechseljahr, in dem beide Konzepte gegeneinander fahren dürfen. Wenn du mit der 600er schlecht bist, dann heißt’s: Das ist ja eine Pfeife. Und dann nimmt das Team für die echte 600er-Zeit einen anderen.

Bradl: Ich glaube, dass man nicht 250er-Zweitakter und 600er-Viertakter zusammen fahren lassen kann. Die Unterschiede sind zu groß. Gut möglich, dass sich zum Beispiel das Racing Team Germany eine 600er kauft und damit rumgurkt, weil es billig ist. Aber dass ein Mitfavorit wie Alvaro Bautista auf einer 600er gegen Weltmeister Simoncelli auf einer 250er antritt, kann ich mir nicht vorstellen.

Stefan Bradl, nagt es an Ihnen, dass es mit dem Klassenwechsel 2009 noch nicht geklappt hat?

Bradl: Als ich die Honda von Raffaele de Rosa bei den Jerez-Tests gesehen habe, dachte ich: Das wäre schon nicht schlecht. Doch was will ich machen? Darüber nachzudenken bringt mich überhaupt nicht weiter. Es würde mich jedoch schon reizen, mal eine 250er zu fahren.

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