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Langstrecken-WM und German Speedweek 2013 in Oschersleben Tummelplatz rennverrückter Motorrad­fahrer

Bereits zum 16. Mal fand 2013 in Oschersleben die German Speedweek statt, in deren Rahmen sich immer die Weltelite der Langstrecken-Racer trifft. Ein echtes Top-Event, das mehr Aufmerksamkeit verdient.

Langstrecken-WM

Bierdeckel sind etwas Wunderbares. Ex-CDU-Finanzvordenker Friedrich Merz wollte einst, dass wir unsere Einkommenssteuer darauf ausrechnen können. Speedweek- Rennleiter Ottmar Bange hingegen kritzelte einst in einer launigen Stunde den Plan für ein Langstreckenrennen auf so einen Bierdeckel. Das Resultat dieser Kritzelei fand in Oschersleben gerade zum 16. Mal statt. Die Langstrecken-Weltelite traf sich dort, um bei der Speedweek die vorletzte Runde der Endurance World Championship auszufechten.

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Fahrer verschiedenster Serien aus allen Himmelsrichtungen

Doch die Acht Stunden von Oschers­leben bieten gerade auch einheimischen Hobby-Teams die Chance, im Rahmen der WM an den Start zu gehen. Das macht die Speedweek zu einem spannenden Tummelplatz rennverrückter Motorrad­fahrer aus allen Himmelsrichtungen. Nirgendwo sonst findet man so viele Fahrer aus den verschiedensten Serien auf einem Haufen – von SBK-WM-Piloten über schnelle Hobbyracer aus der DLC bis hin zu TT-Roadracern war wieder alles vertreten.

Nach den Qualifyings standen allerdings die üblichen Verdächtigen vorn. Allen voran die Weltmeister SERT, gefolgt von BMW France, den Österreichern von YART, Yamaha GMT 94 France und dem Schweizer Bolliger Team – alle innerhalb von 1,42 Sekunden. Die Plätze sechs bis zehn wurden von Teams aus der Superstock-Kategorie besetzt, darunter das deutsche Weltmeister-Team von Rico Penzkofer. Nur auf Platz elf standen die Roadracing-Cracks um John McGuinness und Michael Rutter vom Honda-TT Legends-Team.

Um die Lichtverhältnisse optimal ausnutzen zu können und den Hobby-Teams unnötige Kosten zu ersparen (siehe Interview), entschied sich die Rennleitung, den Start um eine Viertelstunde vorzuver­legen. 12.45 Uhr – vor jubelnder Kulisse sprinteten die Akteure traditionell über die Strecke und sprangen auf ihre Maschinen.

Vincent Philippe war fix auf die SERT-Suzuki gehüpft und zog vorneweg. Nach zwei Runden stürzte Florian Marino, David Checa konnte nicht ausweichen und musste zu Boden. Was dann folgte, macht die ganze Faszination eines Langstreckenrennens aus: Beide Maschinen kamen in die Box zurück und konnten das Rennen wieder aufnehmen. Das Yamaha-Werks­team GMT 94 fiel durch Checas Sturz weit zurück und lag nach einer Stunde auf Platz 28. Bis zum Ende des Rennens hatte sich die Truppe aber wieder zurück auf den fünften Rang gekämpft.

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Deutsches Top-Team auf dem Superstock-Podium

Die Anspannung im Gesicht des ehemaligen Racers Rico „Penz“ Penzkofer war deutlich zu sehen, besonders nachdem eine kleine Panne beim Heraus­nehmen des Hinterrads das deutsche Top-Team wertvolle Zeit gekostet hatte. Für die „13“ lief es ansonsten aber großartig, und als Teamchef Penz später mit Jason Pridmore (USA), dem Spanier Pedro Vallcaneras und dem Briten Steve Mercer auf der obersten Stufe des Superstock-Podiums stand, war alles vergessen. Wäre der Gesamtsieg durch Publikumslautstärke entschieden worden, hätten sie den vor heimischer Kulisse auch noch abgeräumt, obwohl die Zuschauerzahlen leider eher enttäuschend waren.

Aber die Gesamtführung hatte SERT nach dem Start nicht mehr abgegeben und Vincent Philippe, Anthony Delhalle und Julien Da Costa fuhren nach 316 Runden das Ding mit zwei Runden Vorsprung souverän nach Hause.

Spannender ging es dahinter zu: Lange sah es so aus, als ob der zweite Platz an Manfred „Mandy“ Kainz‘ YART-Mannschaft gehen würde, doch als Broc Parkes nach einem Pitstop losfuhr, fing das Motorrad Feuer. Durch schnelles Eingreifen konnte alles gelöscht werden. Parkes fuhr zwar mit 1.27,151 min die schnellste Rennrunde, konnte aber das Team von BMW Motorrad France nicht wieder einholen und somit stand das Podest fest: SERT vor BMW France vor YART.

Der Sieg in der Open-Klasse und Gesamtrang 15 ging mit 299 gefahrenen Runden wie im letzten Jahr an das Team mit der Startnummer 56 von RS Speedbikes mit Lars Albrecht, Tobias Kollan und Filip Altendorfer auf BMW.

Feuerwehrmann löschte geistesgegenwärtig

Bemerkenswertes noch im Schnelldurchlauf: Auch der Bolliger-Feuerwehrmann löschte geistesgegenwärtig die brennende YART-R1 in der Boxengasse – und leistete damit seinen Beitrag zur österreichisch-schweizerischen Nachbarschaftsliebe. Nach acht Stunden fehlten den Schweizern dann aber nur knapp 19 Sekunden auf Platz drei und das YART-Team. PS-Racer Horst Saiger und die IDM-Cracks Roman Stamm und Daniel Sutter zeigten wie das ganze Team Bolliger eine groß­artige Leistung. Saiger fuhr in seinem letzten Turn sehr aggressiv und versuchte nochmal alles, den Rückstand auf Platz drei konnte er aber nicht mehr aufholen. Zitat eines eidgenössischen Teammitglieds: „Wir hätten wohl nicht so schnell löschen sollen.“

Wenn es einen Preis für Durchhalten gegeben hätte, wäre er wohl an KTM-Endurance um Konni Schittko gegangen. Im Qualifying war ein Ventil-Shim defekt. Also hieß es: Motor aus- und wieder einbauen. Im Rennen kam es dann ganz dick. Erst war die Kupplung zu wechseln, dann brach das Kettenrad und schließlich hatte Hendrik Ladiges einen schweren Highsider. Das Bike kam buchstäblich in zwei Hälften zurück. Der Fahrer blieb aber zur Freude aller ganz. 59 Minuten arbeitete die Truppe aus Super Duke Battle-Fahrern fieberhaft an der RC 8 und beendete das Rennen mit 81 Runden Rückstand.

Ähnlich schlimm traf es das Team MSD-Steeldesign. Ein Highsider von Onno Bitter eingangs Start/Ziel im Qualifying: Die BMW landete unglücklich, verlor viel Sprit und ging in Flammen auf. Bitter versuchte, das Motorrad aus den Flammen zu ziehen, aber die Griffe waren so heiß, dass seine Finger Abdrücke hinterließen. Bis kurz vor drei Uhr morgens wurde das Motorrad wieder flottgemacht, aber nach fünf Rennrunden musste die Nummer 111 wegen Bremsproblemen aufgeben.

John McGuinness war wieder enttäuscht

Noch so ein Langstrecken-Schicksal? Hayoto Takada vom Völpker Team Schubert Motors stürzte und verletzte sich am Arm. Björn Stuppi und ein heftig humpelnder Robin Taborsky wurden dennoch 35. – mit 199 Runden Rückstand.

Enttäuscht war der 20-malige TT-Sieger John McGuinness von Oschersleben. „Ich bin ein paar mal zum Testen hier gewesen und bislang drei Rennen gefahren. Die Strecke gefällt mir wirklich gut, aber es nervt mich langsam, dass es schon wieder nicht fürs Podest gereicht hat.“ Naja, vielleicht klappt es nächstes Jahr.

Dieses Event hätte auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit verdient, zumal im Rahmenprogramm auch Klassik-Endurance- und Superbike-Rennen sowie diverse Cups stattfinden und die E-Racer an den Start gehen. Mehr Infos: www.german-speedweek.de

Speedweek-Rennleiter im Interview

Foto: Bower
Langstrecken-WM und German Speedweek 2013 in Oschersleben.
Langstrecken-WM und German Speedweek 2013 in Oschersleben.

Leider kamen wenig Zuschauer zur 16. Speedweek, warum?

Bange: Es wird immer schwieriger, Zuschauer zur Rennstrecke zu bewegen – nicht nur hier. Die Zuschauer werden dazu immer älter und sind nicht mehr in dem Maße bereit, so lange auszuhalten oder im Zelt zu schlafen.

Diesmal ist der Start vorgezogen worden. Das Rennen endet vor endgültiger Dunkelheit. Aus finanziellen Gründen?

Bange: Ja. Ich habe an die nationalen Teams gedacht. Sie hätten sonst sehr viel in die Beleuchtung investieren müssen. Beleuchtete Startnummern sind dieses Jahr das erste Mal Vorschrift. Die sind nicht billig und auch schwer zu bekommen. Um den Teams etwa aus dem DLC den Start zu ermöglichen beziehungsweise günstiger zu machen, habe ich den Start vorgezogen.

Wird es bei der Speedweek irgendwann wieder ein 24-Stunden-Rennen geben?

Bange: Das sehe ich nicht. Es gibt mehrere Gründe dafür. Zum einen wird die Genehmigung immer schwieriger, sowohl im Umfeld als auch hier in Oschersleben. Außerdem ist es sehr schwierig, die nötige Anzahl an Helfern zu bekommen. Bei einem 24-Stunden-Rennen sind das über 250 Helfer nur für die Strecke – ohne Parkplätze und Security. Und die Kosten für die Teams sind einfach enorm hoch.

Dieses Jahr besteht die Lang­strecken-WM aus nur vier Rennen, Doha ist raus. Befindet sich die Serie im Abwärtstrend?

Bange: Momentan gibt es eine feste Planung für sechs Rennen in der Saison 2014.

Auf der Strecke ist alles relativ glimpflich abgelaufen, und in der Boxengasse gab es außer einer kleinen Verpuffung auch nichts Gravierendes. Trotzdem seid ihr sehr streng gewesen, was die „Ein-Meter-Abstand-Regelung“ beim Tanken betrifft. Dafür habt ihr erstmals zugelassen, dass gestrandete Maschinen mit dem Hänger zurückgebracht werden konnten. Eigentlich musste das auf der Langstrecke immer der Fahrer ohne fremde Hilfe bis zur Boxeneinfahrt schaffen. Habt ihr da ein Auge zugedrückt?

Bange: Nein, das ist seit diesem Jahr fest im Reglement vorgesehen und auch umgesetzt worden. Auch beim Bol d‘Or und in Le Mans wird so verfahren. Wir wollen einfach den Teams die Chance geben, länger im Rennen zu bleiben.

Gibt es besondere Momente aus den 16 Jahren, die in Erinnerung bleiben?

Bange: Oh, da gibt es sehr viele Geschichten, aber eine werde ich sicher nie vergessen: Das chinesische Zongshen-Team ist hier einmal ausgefallen, Stéphane Mertens war gestürzt. Die Chinesen sagten mir, es wäre bei ihnen so Brauch, dass sie bei einem Ausfall entweder ein Huhn killen oder den Verantwortlichen, also mich. Wir haben innerhalb von einer halben Stunde ein lebendes Huhn besorgt und es in die chinesische Box gebracht. Die haben es dann gegrillt, und ich war aus dem Schneider.

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