Langstrecken-WM Oschersleben (Archivversion) Ganze Kerle

Langstrecken-Rennfahrer sind eine ganz besondere Spezies. MOTORRAD schaute beim 24-Stunden-WM-Lauf in Oschersleben zwei ebenso lebensfrohen wie schnellen Piloten über die breiten Schultern.

Als der Karl Truchsess direkt vor mir abflog, verdunkelte sich kurz die Sonne«, schildert Tim Röthig vom Bridgestone Bikers Profi-Team mit einem schelmischen Augenzwinkern den furiosen Auftakt des 24-Stunden-WM-Rennens in Oschersleben. Bereits in der zweiten Runde gingen beinahe alle Fahrer der Top-Teams auf einer Ölspur zu Boden. Unter ihnen eben auch der bullige Yamaha-Austria-Racing-Team-Pilot Truchsess, zigfacher österreichischer Staatsmeister und langjähriger 500er-WM-Starter. Von der Statur her nicht eben das, was sich leidlich interessierte Menschen unter einem Motorradrennfahrer vorstellen. Weil das Fahrerlager heutzutage einem Hochsicherheitstrakt gleicht, bekommen Normalsterbliche die Grand-Prix-Helden nur noch aus der Ferne via TV-Übertragungen zu Gesicht. Zumeist sind es kleine, bis in die letzte Muskelfaser durchtrainierte Athleten: Wesen aus einer anderen, künstlichen Welt. Der Österreicher Karl Truchsess wirkt im Vergleich dazu wie die personifizierte Lebensfreude. Ein bäriger Typ mit Stiernacken. Indiskrete Fragen nach dem Kampfgewicht sorgen bei seinem Team zunächst für ein Schmunzeln, dann gibt Teamchef Mandy Kainz lachend zum Besten: »Unser Karli ist neuerdings wieder Uhu – unter hundert Kilogramm.«Um Röthigs Gewicht ranken sich Legenden. Er gibt kurz angebunden zu Protokoll: »Ich wiege unter 70 Kilogramm – und zwar, seit ich 18 bin.« Inzwischen zählt er 34 Lenze, fährt seit einer halben Ewigkeit Motorradrennen – und macht keinesfalls den Eindruck, seit seiner Volljährigkeit den Gaumenfreuden entsagt zu haben. Bestes Indiz dafür: das Catering bei Bridgestone. Gleich drei Köche kümmern sich während des Rennwochenendes um das leibliche Wohl der Mannschaft. Maître Uli Beckmann versteht sich vor allem auf köstliche Pasta und leckere Dessertvariationen. Wie soll man da auf sein Gewicht achten? Und wozu auch? Endurance ist Hochleistungssport. Außerdem hält Essen und Trinken bekanntlich Leib und Seele zusammen. Beckmann weiß das und setzt mit seinem Kochzelt gleichzeitig einen Trend: In dem für alle frei zugänglichen Bereich zwischen Boxenanlage und Fahrerlager – besonders in den Nachtstunden flanieren hier während des Rennes zigtausend Menschen auf und ab – ist zwischen den Teams, darunter 27 aus Deutschland, beinahe so etwas wie ein Koch-Grand-Prix entbrannt: Überall wird gut sichtbar gebraten und gebrutzelt, was die Pfannen und Töpfe hergeben.Gutes Essen, rund um die Uhr, ist sicherlich eine Motivationshilfe für die komplette Mannschaft, für all die Helfer, die ihre Freizeit für diesen ebenso einzigartigen wie faszinierenden Sport drangeben. »Langstreckenrennen bedeutet Teamsport, das macht den Unterschied zu Sprintwettbewerben aus, das lieben wir«, sagt Röthig. »20 Freunde treffen sich ein paar Mal im Jahr, um möglichst lange Motorrad zu fahren – und um gewaltig Spaß zu haben.« Selbst beim semiprofessionellen Yamaha-Team aus Österreich geht ohne freiwillige Helfer nichts. »Wir haben hier vom Bundesheer-Soldaten bis zum Uni-Professor lauter Endurance-Verrückte beieinander«, schwärmt Truchsess’ Chef Kainz.Erst vor zwei Jahren sind die Österreicher in die WM eingestiegen, dieses Jahr kämpfen sie bereits um Podestplätze. In Oschersleben springt trotz anfänglichen Sturzpechs Rang sieben heraus. Als Zweite in der Superbike-Wertung kommen die Österreicher gar aufs Stockerl. Auch dank der tatkräftigen Mithilfe von Karl Truchsess. Er feierte in Oschersleben Premiere: Im zarten Alter von 38 bestritt er sein erstes 24-Stunden-Rennen. Tim Röthig schätzt die Zahl seiner Einsätze dagegen auf rund 20. Was die beiden Rennhaudegen auszeichnet? Schnelligkeit, Konstanz und Zähigkeit. Gerade der Österreicher braucht von Letzterem eine gehörige Portion. »Die lassen uns auf dieser engen Strecke über 70 Minuten je Turn draußen, das schlaucht unglaublich.« Sport als Vor-bereitung für diese Tortour? Falls es der Job als Autohaus-Besitzer zulässt.Und noch etwas gehört in Langstrecken-Kreisen zum guten Ton: der Respekt für die Leistung anderer. »Was der David Checa von GMT 94 da in der Nacht abgezogen hat, Wahnsinn! Fährt doch glatt 32er-Zeiten. Dem hat wohl keiner gesagt, dass es stockfinster ist«, lobt Truchsess, selbst kaum langsamer unterwegs, den kleinen Bruder von MotoGP-Held Carlos Checa. Die Anstrengungen des jungen Spaniers sollten sich lohnen: GMT 94, ebenfalls in den Sturz zu Rennbeginn verwickelt, holte sich nach einer fulminanten Aufholjagd zum zweiten Mal den Gesamtsieg in Oschersleben. Tim Röthig landete mit seiner Crew nach kleineren technischen Problemen auf dem respektablen zwölften Gesamtrang.Die packende Vorstellung von GMT 94 begeisterte noch einen aus der »Je öller, je döller«-Fraktion: Michael Schulten, Ü 40 und amtierender deutscher Supersport-Champion, schlenderte in Oschersleben ganz entspannt als Renntourist durchs Fahrerlager. »Die Fans sprechen mich dauernd an, warum ich beim 24-Stunden-Rennen nicht mitfahre. Geht leider aus zeitlichen Gründen nicht. Aber nächstes Jahr würde mich das hier wirklich wieder reizen. Allerdings nur mit Top-Material in einem Profi-Team.« Bitte Michael, schon mal den Termin zum Vormerken: 11. bis 15. August, German Speedweek 2004.

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