Mechaniker-Job bei Weltmeister Valentino Rossi (Archivversion) Beziehung ohne große Worte

Brent Stephens ist einer der drei Mechaniker, die das Motorrad von Weltmeister Valentino Rossi betreuen. Ein Traumjob? Eine Ehre? Eher ein Arbeitsverhältnis der besonderen Art.

Die Szene ist MotoGP-Fans ein Begriff: Mechaniker halten das startbereite Motorrad von Superstar Valentino Rossi, aus dem Dunkel der Box erscheint in voller Montur der Meister, tritt auf das Motorrad zu – und geht vor ihm in die Hocke, als hätte er mit der rechten Fußraste etwas zu besprechen. Ein Augenblick höchster Konzentration, bevor Rossi sich in den Sattel schwingt, um der Konkur-renz einmal mehr zu demonstrieren, wer der Chef ist im Ring.
In diesem Moment blicken sie auf den 26-Jährigen herab: Crew-Chef Jeremy Burgess, 51 Jahre alt, die Mechaniker Bernard Ansiau, 45, Alex Briggs, 35, und Brent Stephens, 40, manchmal auch Gary Coleman, 53, der Chauffeur des Yamaha-Gauloises-Team-Trucks.
Es hat seinen Grund, dass Rossis
persönliche Truppe so viel älter ist als
ihr Hauptdarsteller. Denn wo jugendliche Unbekümmertheit hilfreich sein mag, wenn es darum geht, auf der Piste am Limit zu balancieren und dabei jeden Gedanken an die körperlichen Konsequenzen eines noch so kleinen Fehlers im System auszublenden, ist bei der Besetzung der Nebenrollen jahrelange Erfahrung gefragt. Wie findet
so ein Team zusammen? Bewerbungen
für den Job könnten Teamdirektor Davide
Brivio geschickt werden (Yamaha Motor Italia SpA, Via A. Tinelli, 67-69, 20050
Gerno di Lesmo (MI), Italien). Doch das wäre ein wenig aussichtsreicher Versuch, im wirklichen Leben läuft’s anders.
Brent Stephens stieß vor der Saison 2004 zu Rossis Mannschaft – Burgess, Briggs, Ansiau und Coleman brachte der Weltmeister bei seinem spektakulären Wechsel von Honda zu Yamaha mit. Bis Ende 2003 hatte Stephens als Mechaniker im Yamaha-Werksteam für den Spanier Carlos Checa gearbeitet. Dass er zu Rossi berufen wurde, liegt nicht etwa daran, dass er sich durch besondere Heldentaten am Schraubenschlüssel hervorgetan hätte. Sondern hat schlicht und ergreifend damit zu tun, dass er aus Neuseeland stammt, ein Mann aus Down under ist – wie
Burgess, Briggs und Coleman, allesamt
in Australien zu Hause, lebt auch Stephens seit mehr als acht Jahren dort.
»Es kommt nicht so sehr darauf an, was du kannst, sondern wen du kennst«, antwortet Brent Stephens auf die Frage, wie er den Job in Rossis Team bekommen hat. Das ist etwas übertrieben, aber tatsächlich ist Stephens’ Weg ins Yamaha-Werks-
team geradezu typisch für Mechaniker seiner Generation. Im Alter von 16 Jahren absolvierte er eine Motorradmechanikerlehre, schraubte an Serienmotorrädern.
Er machte Karriere, vom Mechaniker zum Motorradverkäufer – trotzdem nicht gerade das, was Stephens als Traumberuf vorschwebte: »Verkäufer – weitere Aufstiegsmöglichkeiten gab’s da nicht.«
Das war 1995, und als ihn sein Freund Simon Crafar, damals bereits in der Superbike-WM aktiv, fragte, ob er keine Lust habe, als Rennmechaniker mit nach Europa zu gehen, war der Entschluss schnell gefasst. Als das Marlboro-Yamaha-Werksteam Crafars Chefmechaniker anheuerte, um Carlos Checa bei den 500er-Grand-Prix zu betreuen, wurde Stephens erneut gefragt, ob er mitkommen wolle – die Eintrittskarte fürs GP-Fahrerlager. Dann kam Rossi zu Yamaha – der Rest ist bekannt.
Was ist das für ein Job, den Stephens und Co. machen? Jedem Yamaha-Werksfahrer sind drei Mechaniker zugeteilt, die einem Crew-Chef unterstehen. Außerdem sind dieser Mannschaft ein japanischer Yamaha-Ingenieur, ein Data-Recording-Spezialist und ein Truck-Fahrer zugeordnet, der auch als Aushilfsschrauber einspringen kann. Alles, was zu tun ist, um die Motorräder für Trainings- und Renneinsätze vorzubereiten, gehört zu den Aufgaben der drei Mechaniker, bis hin zum Wechseln der Getriebeabstufungen oder Einspritzdüsen. »Nur die Motorinnereien, die bekommen wir nicht zu sehen«, sagt Stephens, »und die Verkleidungen putzt normalerweise der Lkw-Fahrer.« Normalerweise, denn wenn Not am Mann ist, packen sie alle mit an – Teamwork zählt.
Der Arbeitstag im Fahrerlager dauert gewöhnlich zwölf Stunden und beginnt
für die Mechaniker immer mindestens eine Stunde vor dem ersten Einsatz des Motorrads – am Mittwoch und Donnerstag vor einem Rennen um 8.30 Uhr, am Freitag, Samstag und Sonntag um 8 Uhr. »Hört sich heftig an«, sagt Stephens, »ist aber kein Problem. Während der Saison ist zwischen zwei Rennen ja meist eine Woche Pause.« Im Sommer haben die Mechaniker zwei Wochen Urlaub, weitere sechs Wochen
gibt es über den Winter – und dann ist
auch schon wieder ein neuer Arbeitsvertrag fällig. Der wird stets für ein Jahr direkt
mit dem Yamaha-Werk geschlossen. Das Thema Geld will Stephens nicht diskutieren, doch Spitzenkräfte dürften bei einem Jahresgehalt von 40000 Euro liegen.
Welche besonderen Talente unterscheiden einen Moped-Schrauber von einem Werks-Mechaniker? »50 Prozent oder mehr macht die Persönlichkeit aus«, ist Brent Stephens überzeugt, »der Rest ist technisches Können.« Sich ins Team einzufügen, als angenehmer Kollege wahrgenommen zu werden, mit dem gerade auch in Stresssituationen gerne zusammengearbeitet wird, das ist ausschlaggebend. »Diese Reife muss sich entwickeln«, sagt Stephens,
»die Ochsentour zu machen, anfangs mit Schlafen im Truck und so, ist da gar nicht so verkehrt.«
Von Valentino Rossi dürfen die Mechaniker in der Box schon mal ein freundliches Wort erwarten – mehr nicht. Rossi taucht fünf Minuten vor dem Training auf, redet kurz mit Jeremy Burgess und fährt raus. »Wir haben ja mit ihm nichts zu besprechen«, sagt Stephens. Rossi folgt seiner persönlichen Philosophie: »Es ist wichtig, die Kommunikationswege klar und einfach zu halten, um Missverständnisse zu vermeiden. Ich rede lediglich mit einem sehr kleinen Kreis von Leuten direkt, die gemeinsam entscheiden, was getan werden muss – und dann die Mechaniker instruieren. Ich weiß, dass die ihren Job perfekt machen, wir haben mit ihnen eine gute Arbeitsbeziehung entwickelt.«
Eine Arbeitsbeziehung, die von großem gegenseitigem Vertrauen geprägt sein muss: Rossi verlässt sich auf Stephens, Ansiau und Briggs, denn die montieren schließlich sensible Teile wie die Bremsanlage. Aber es ist eben nur eine Arbeitsbeziehung. Dazu eine Hand voll Euro und zehn Monate im Jahr fern der Heimat – Traumjob Rossi-Mechaniker? »Es ist etwas Besonderes, für ihn zu arbeiten«, sagt Brent Stephens. »Ich gehe jeden Morgen gerne zum Job. Wie viele Menschen
können das von sich behaupten?“

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