Motoball-EM in Deutschland (Archivversion) Planspiele

Kaum zu glauben, dass ein Ballsportler Spielereignisse
erfassen, auf sie blitzschnell reagieren und gleichzeitig
auf höchst unkonventionelle Weise ein Motorrad bewegen
kann. Die deutsche Motoball-Nationalmannschaft
wurde nach einem knallharten Plan auf diese Aufgabe
vorbereitet – jetzt ist sie Europameister.

Ois müasst’r no macha. On dann bitte koi Kischt meh.« Bundestrainer Bernd Schäfer redete Klartext. In Badisch, der Amtssprache der deutschen Motoball-Nationalmannschaft, deren acht Feldspieler und zwei Torhüter allesamt im Raum Karlsruhe zu Hause sind. Der Region mit der wohl größten Dichte an Motoball-Clubs in Deutschland und dieses Jahr Schauplatz der Motoball-Europameisterschaft.
Schäfers Ansage war nötig. Sein Team hatte es ins Endspiel geschafft, gegen den haushohen Favoriten Russland, der schon zwölf Mal Europameister war. Aber nach dem dritten von vier Spiel-Vierteln stand es unentschieden drei zu drei – es blieben nur mehr 20 Minuten, um so etwas wie das Wunder von Mörsch zu schaffen und zum vierten Mal den EM-Titel nach Deutschland zu holen. Die Spieler hatten verstanden: Ein Tor wollte Schäfer von ihnen noch
sehen, und dann keinen Gegentreffer mehr. »Die nächsten 20 Minuten werdet ihr in
eurem Leben nicht mehr vergessen«, beschwor er seine Leute.
Ganz offensichtlich wollten die Motorrad-Kicker diese 20 Minuten lieber in guter Erinnerung behalten. Vier Minuten nach dem Anpfiff des letzten Viertels lieferten sie. Mit dem vier zu drei schoss Frank
Bücher nicht nur das deutsche Team in Führung, sondern machte sich auch selbst zum Helden – er hatte alle vier Treffer
der Partie erzielt. Ausgerechnet Bücher, der gleich am ersten der fünf EM-Spieltage beim Warmfahren gestürzt war, sich den rechten Ringfinger angebrochen hatte und seitdem mit Tape-Verband und Schmerzmitteln am Start war. Sein Tor brachte die Russen so in Rage, dass die holländischen Schiedsrichter innerhalb kürzester Zeit zwei Spieler wegen rüder Fouls mit der roten Karte vom Platz schickten. Das war die Entscheidung – im extra für die EM neu gestalteten Erwin-Schöffel-Stadion in Rheinstetten-Mörsch jubelten 4000 Fans dem neuen Europameister Deutschland zu.
Sie zelebrierten einen Sieg, der nach den ersten beiden Spieltagen alles andere als selbstverständlich erschien. »Heute Abend gegen Frankreich –, das ist wie ein vorgezogenes Endspiel«, kommentierte Hans Weber bereits am Freitag, nachdem donnerstags gegen Titelverteidiger Weissrussland nur ein 2:2 herausgekommen war. »Wenn wir das verlieren, haben wir fast keine Chance mehr, am Sonntag ins Endspiel zu kommen.« Als Vorsitzender des MSC Taifun ist Weber Gastgeber in Mörsch, das neben der Motoball-Arena in Ubstadt-
Weiher einer der beiden Austragungsorte
der insgesamt 23 EM-Begegnungen war. Deutschland gelang gegen Frankreich ein 0:0 – was nur bedeutete, dass auch die letzte Vorrundenpartie am Samstagabend gegen Russland für die Deutschen zu einer Art Vorab-Endspiel wurde. Mit dem 3:2-Sieg in dieser Partie sicherten sie sich die Finalteilnahme, pflegten aber auch während des großen Showdowns weiterhin
Minimalismus: 0:1-Rückstand nach dem ersten Viertel, 2:2 nach dem zweiten,
3:3 nach dem dritten Spielabschnitt – nichts für schwache Nerven.
Einen konnte das nicht erschüttern: Bernd Schäfer. Aber der wusste natürlich auch ganz genau, was er von seinem
Team erwarten durfte. Erst Ende 2004
hatte er den – ehrenamtlichen – Job des
Nationaltrainers übernommen und für die Europameisterschaft im eigenen Land ein
Vorbereitungsprogramm ausgearbeitet, das es im deutschen Motoball-Sport so noch nicht gegeben hatte. Übungen mit den Sportgeräten, in der Regel 50 PS
starke 250er-Zweitakter des spanischen
Herstellers GasGas, die mit tiefer gelegten Fahrwerken sowie weiteren Um- und
Anbauten Motoball-tauglich gemacht werden, waren lediglich eine Etappe auf dem Marsch zur EM.
»Ich wollte die besten Voraussetzungen für die Mannschaft haben. Wenn das ganze Drumherum stimmt, kann ich auch besondere Leistungen erwarten«, formuliert Schäfer sein Rezept. Das fängt für den 37-Jährigen, der selbst 1989 aktiver Motoballer wurde, bei der richtigen Ernährung an und geht über hartes Konditionstraining, Video-Analysen von Spielen der Konkurrenz bis hin zu Motivationsmaßnahmen. Insbesondere zum Thema Motivation gelang Schäfer ein besonderer Coup: »Vom EM-Quartier in der Sportschule Schöneck reisen wir in dem Luxus-Mannschaftsbus, der vor zwei Jahren die deutsche Fussball-Nationalmannschaft transportiert hat, zu den Spielorten Mörsch und Weiher – die Jungs sollen kapieren, dass auch sie ein Nationalteam sind.«
Die Sportschule Schöneck, ein auf dem Turmberg bei Karlsruhe-Durlach traumhaft gelegenes Trainingszentrum für Sportarten von Motoball bis Schach, war eine Woche vor der EM Schauplatz eines verschärften Fitnessprogramms. »Die Männer reißen ihre 100-Kilo-Motorräder während eines Spiels zigmal am Lenker hoch, um sie per Powerslide in Position zu bringen. Das kostet viel Kraft«, erklärt Bernd Schäfer. Sein Credo: Spiele werden hinten gewonnen, durch eine perfekt stehende Abwehr. Bei gerade mal vier Feldspielern, die gleichzeitig auf dem Platz sein dürfen, ist zu jedem Zeitpunkt volle Konzentration gefordert. »Die behalten sie nur, wenn Kondition kein
Thema ist«, sagt Schäfer.
Was eine Mannschaft in Top-Form auf dem Spielplatz in Fussballfeld-Abmessungen vorführt, ist spektakulär. Die modernen Stadien in Mörsch und Ubstadt-Weiher haben eine Beton- oder Asphalt-Spielfläche, auf der eine dünne Splitt-Streuung blitzschnelle Drifts erlaubt – die Cracks wenden ihre Motorräder praktisch auf der Stelle. In rund fünf Sekunden hechten sie von einem Spielfeldende zum Tor auf der anderen Seite und werden dabei knapp 80 km/h schnell – die Torhüter, zu Fuß unterwegs, brauchen ein gerüttelt Maß an Vertrauen, um da nicht einfach die Flucht zu ergreifen. Sekundenlang sieht es aus wie Fußball, dann wieder wie Eishockey, wie Speedway und nicht selten wie eine Massenschlä-
gerei mit Motorrädern. Bei alldem ist es
so einfach zu verstehen wie Fußball. »Ein
guter Motoball-Spieler ist auch ein guter
Fußballer«, konstatiert Bernd Schäfer.
Es war 19.12 Uhr, als der Schlusspfiff in Mörsch die Motoball-EM 2005 beendete, das deutsche Nationalteam als Sieger feststand und vom Publikum frenetisch
gefeiert wurde. Zwei Menschen im Stadion schien das kalt zu lassen. Äußerlich ungerührt räumten Michael Gütlich und Klaus Rieger, die beiden Mechaniker der deutschen Mannschaft, in der Box ihre Utensilien zusammen, als hätten sie mit dem
Erfolg nichts zu schaffen gehabt. Um 19.16 fiel die Hecktür ihres Werkstatt-Transporters ins Schloss. Job erledigt, Feierabend. Gratulanten wurden knapp beschieden, auf Badisch: »Es isch en Ordnong.“

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