Motocross-Grand-Prix in Teutschenthal (Archivversion) King Kenny

Ken Roczen krönte sich in Teutschenthal zum jüngsten Motocross-Grand-Prix-Sieger aller Zeiten. Seine Widersacher in der MX2-WM lässt er nicht nur wegen seiner gerade mal 15 Jahren alt aus- sehen. Noch weiter angefeuert wurde die Partylaune der über 32000 Zuschauer durch deutsche Siege in der MX1-WM sowie bei den Damen.

Zwei zweite Ränge in den Rennen zur Motocross-WM der MX2-Klasse für 250er-Viertakter reichten Ken Roczen auf seiner Werks-Suzuki beim deutschen GP in Teutschenthal zum Gesamtsieg, weil die beiden Franzosen Steven Frossard auf Kawasaki und der neuerdings auf KTM fahrende WM-Tabellenführer Marvin Musquin nicht genug Konstanz zeigten, um ihre jeweiligen Einzelsiege auch in den Tagessieg umzumünzen.

Vor allem aber wirken selbst solche Top-Fahrer wie der auch erst 19-jährige Musquin oder Frossard, 20, gegenüber dem jungen Herrn Roczen auf der Piste fast schon wie Veteranen-Crosser. Was weniger daran liegt, dass Ken Roczen noch nicht ausgewachsen ist. Dazu sein persönlicher Manager, der pensionierte Suzuki-Deutschland-Direktor Bert Poensgen: "So ungefähr zehn Kilogramm Körpergewicht könnte Kenny schon noch gebrauchen, um physisch voll konkurrenzfähig zu sein." Vielmehr zelebriert der Youngster einen neuartigen Fahr- und vor allem Sprungstil, wie er in höchster Perfektion von US-Supercross-Überflieger James Stewart gezeigt wird. Ähnlich Skiabfahrtsrennläufern verkürzen die Motocrosser der jüngsten Generation ihre sogenannten "Scrub"-Sprünge durch ein spezielles Manöver vor dem Sprung. Roczen etwa lässt durch eine minimale Kurve vor dem Absprungpunkt das Hinterrad seiner Maschine leicht ausbrechen. Dadurch wird die Flugphase deutlich flacher, kürzer, schneller. Und genau das spart Zeit, weil die "Airtime" erheblich Geschwindigkeit vernichtet.

Besonders deutlich wurde dies in Teutschenthal im direkten Vergleich zwischen WM-Tabellenführer Musquin und Roczen am großen Bergabsprung am nordwestlichen Ende der Piste. Kennys gelbe Suzuki landete regelmäßig mindestens zehn Meter früher als die KTM des Franzosen in den orange Werksfarben. Und zu Beginn des folgenden Streckenabschnitts, einer für heutige Cross-Verhältnisse fast schon klassischen mäandernden Folge von Bergauf- und Bergab-Passagen, hatte King Kenny stets ziemlich genau die gut zehn Meter, die er kürzer gesprungen ist, auf den Spitzenreiter aufgeholt.

Dass es im zweiten Lauf dennoch nicht an Musquin vorbei zum Laufsieg gereicht hat, erklärte Jüngling Roczen im Stile eines abgezockten Routiniers: "Ich habe ja einige Runden geführt. Aber dann nahm der Druck von Musquin zu, und ich wollte nicht den Tagessieg riskieren, indem ich ihn mit zu viel Gegenwehr in ein riskantes Blockpassmanöver gezwungen hätte, bei dem ich eventuell zu Boden hätte müssen."

Doch der Jubel der gut 32000 Motocross-Fans hörte mit Ken Roczens Glanzleistung nicht auf. Auch in der Top-Klasse MX1 für 450er-Viertakter fuhr ein Deutscher ganz vorn. Der Bayer Maximilian Nagl kam als makelloser Doppelsieger vom letzten GP im französischen Ernée nach Sachsen-Anhalt – und machte einfach so weiter. Die begeisternde Solofahrt des KTM-Werksfahrers an der Spitze des ersten Rennens mit bis zu sechs Sekunden Vorsprung wurde zwar in den Schlussminuten vom heranfliegenden WM-Tabellenführer Antonio Cairoli massiv gestört. Nagl konnte allerdings in der letzten Runde dem Yamaha-Werksfahrer widerstehen und rettete mit einer halben Sekunde Vorsprung den Laufsieg. „Am Samstag im Qualifikationsrennen hat mich Cairoli noch abgefangen“, erinnerte sich der Siegertyp, "als ich ihn heute in der letzten Runde wieder an meinem Hinterrad bemerkt habe, beschloss ich, dass er diesmal nicht vorbei kommen würde."

So behielt der Deutsche tatsächlich die Oberhand gegen den Italiener, um so bemerkenswerter übrigens, weil Max Nagl keineswegs 100-prozentig fit ist. "Im Februar, noch in der Saisonvorbereitung, zog ich mir eine Absplitterung im rechten Kahnbein zu", erinnert er sich, "und mein Daumen an dieser Hand muss für die Rennen nach wie vor mit einem Tapeverband ruhig gestellt werden." So müssen wir dem WM-Dritten nachsehen, dass er im zweiten Rennen nach erneutem Blitzstart zunächst Cairoli und gegen Ende des Rennens auch noch den belgischen Suzuki-Werksfahrer Ken de Dycker ziehen lassen musste.
Die Party der deutschen Cross-Fans war damit immer noch nicht vorbei. Denn die Offroad-Damen sorgten für ein Siegerpodest komplett in Schwarz-Rot-Gold. KTM-Werksfahrerin Stephanie Laier übernahm mit einem nie gefährdeten Doppelsieg die WM-Tabellenspitze von der verletzten Französin Lancelot. Zweite in Teutschenthal wie auch in der WM-Wertung wurde Larissa Papenmeier auf Suzuki. Die einheimische Maria Franke komplettierte auf ihrer Pfeil-Kawasaki das deutsche Podium.

Bei aller Begeisterung rieben sich viele der deutschen Cross-Fans freudig verwundert die Augen ob der vor nicht allzu langer Zeit noch für völlig unmöglich gehaltenen Machtdemonstration ihrer Stollenreiter. Ein deutscher Insider des in Belgien – der europäischen Motocrossnation schlechthin – stationierten Suzuki-Werksteams verstieg sich gar zur nicht ganz ernst gemeinten Kampfansage: "Belgien? War da irgendwas mit Motocross in Belgien?"

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