Motocross-WM in Namur/B (Archivversion) Wolke sieben

Stefan Everts schwebte beim im GP belgischen Namur in Hochstimmung – nicht nur wegen seines Gesamtsiegs vor den heimischen Fans.

Als Sportler gehört Stefan Everts zu jenen Menschen, die es tunlichst meiden, ein Krankenhaus von innen zu
sehen. Aber am Freitag vor dem Namur-Grand-Prix wäre der Motocross-Superstar aus Belgien lieber noch im Hospital von Hasselt geblieben, als zur Rennstrecke zu fahren. Denn diesmal hatte ihn nicht eine lästige Verletzung, sondern ein überaus
erfreuliches Ereignis in die Klinik geführt: die Niederkunft seiner Freundin Kelly, die ein kleines Söhnchen namens Liam zur Welt brachte. Stolz berichtete der Papa vom schönsten Tag seines Lebens und dass die Geburt nur rund eine halbe
Stunde gedauert hätte – also gerade mal so lange, wie ein WM-Rennen läuft. Und die technischen Daten seines Sprösslings hatte Stefan Everts selbstverständlich auch parat: 53 Zentimeter, 3760 Gramm.
Schweren Herzens, aber im Hochgefühl des Glücks hatte sich der WM-
Leader der MX1-Topklasse also auf den Weg nach Namur gemacht. Zu einem Rennwochenende, das auch ohne die
Vaterfreuden für Everts zu einem ganz
besonderen geworden wäre. Der Event rund um die mächtige Zitadelle über
der Stadt an der Maas ist für den siebenfachen Champion und viele seiner Fahrerkollegen das Highlight der Saison, quasi das Monaco des Motocross.
Die Parallelen zwischen dem Formel-1-Stadtkurs an der Cote d’Azur und dem Cross-Klassiker in Belgien sind nicht zu verkennen. Gegen beide Rennstrecken gibt es durchaus Sicherheitsbedenken,
angesichts der langen Tradition und der enormen Popularität drückt man in diesem Punkt jedoch gerne mal ein Auge zu. In Monte Carlo reizt der Nervenkitzel in den engen Straßenschluchten und der Schickeria-Rummel, Namur ist ein Cross-
Gelände vom herben, alten Schlag. Als modern geht hier lediglich der stadionartige Start-und-Zielbereich auf dem Plateau der Zitadelle durch. Danach verschwinden die Akteure im Wald, wo der gewaltige Sound der Viertakter noch beeindruckender erschallt als sonst. Die Fahrer zischen haarscharf an Bäumen vorbei, stürzen sich fast senkrechte Abfahrten hinunter, passieren am tiefsten Punkt der Strecke ein paar Häuser, ehe der Kurs nach einem gewaltigen 20-Meter-Sprung in steilen Rampen wieder hoch zur Zitadelle führt. Zwar
wurde die Auffahrt zur Festung in den
letzten Jahren entschärft, der spezielle Charakter der Strecke blieb jedoch weitgehend erhalten. Ein technisch anspruchsvolles Geläuf mit hohen Anforderungen. Hier zählt der Fahrer mehr als auf allen
anderen Pisten, und es gilt, für den gerade in den Waldpassagen oft rutschigen Kurs eine möglichst weiche Abstimmung von Motor und Fahrwerk zu finden.
Die einzigartige Atmosphäre wissen die meisten Piloten sowie die Zuschauer gleichermaßen zu schätzen. 28000 Fans pilgerten Anfang August zum Grand Prix von Wallonien in Namur. Im ersten Lauf
der MX1-WM – 450er-Viertakter fahren gegen eine immer kleiner werdende Fraktion von 250er-Zweitaktern – gab es eine eindrucksvolle Show des derzeitigen Motocross-Überfliegers zu bewundern. Gerade mal eine Runde lang ließ Stefan Everts
seinen belgischen Landsmann Steve Ramon auf der Werks-KTM an der Spitze
gewähren, ehe der Chef im Ring mit seiner Yamaha das Zepter übernahm. In der
Anfangsphase konnte sich noch Mickaël
Pichon auf Schlagdistanz halten, dem es
in den zurückliegenden Grand Prix immerhin mehrmals gelungen war, Everts zu
besiegen. Der kann es sich bei seinem
gewaltigen Punktevorsprung in der WM-Tabelle mittlerweile leisten, seine Kräfte einzuteilen und muss nicht zwingend stets am Limit fahren – welch ein Luxus. Im
ersten Heat von Namur ging von Pichon allerdings keine große Gefahr für Everts aus. Nach einem Sturz fiel der französische Honda-Pilot, für den Namur nicht
gerade zu den Lieblings-Rennstrecken
gehört, einige Plätze zurück, Everts’ Kreise an der Spitze wurden fortan bis zum Ende des Rennens von niemandem mehr gestört. Joshua Coppins (Honda) und Steve Ramon hatten im Ziel sieben respektive
24 Sekunden Rückstand auf den Sieger.
Auch im zweiten Heat sah zunächst
alles nach einem Alleingang von Stefan Everts aus. Schon kurz nach dem Start
düpierte er den führenden Pichon mit
einem sehenswerten Überholmanöver auf der Außenbahn. Aber in der zweiten Runde sorgte der Yamaha-Star dann unfreiwillig für Spannung. Am Ende einer Bergab-
Passage verlor der Spitzenreiter kurz die Kontrolle über sein Bike, stürzte und
musste Mickaël Pichon passieren lassen. Bis Everts wieder in Gang gekommen war,
hatten ihn auch noch Kevin Strijbos auf
der Werks-Suzuki und Joshua Coppins überholt. Einen Platz holte Everts bis ins Ziel wieder auf, und so konnte sich der Yamaha-Pilot vor der riesigen Steintribüne auf der Zitadelle als Gesamtsieger des Wallonien-Grand-Prix feiern lassen. Pichon war am Ende des heißen Renntages ebenfalls in Sektlaune: Mit seinem Triumph
im zweiten Lauf konnte der Franzose
den Fehler vom ersten Durchgang wieder ausbügeln.
Aus deutscher Sicht gibt es achtbare Resultate zweier Teams zu berichten. Ken de Dijker, ein 19-jähriges belgisches Talent in Diensten der Sarholz-Honda-Mannschaft, schaffte im ersten MX1-Heat einen starken fünften Platz. Josef Dobes, ein
gebürtiger Tscheche, der in Deutschland aufgewachsen ist und mit deutscher Lizenz für das Team Suzuki-Kurz crosst, hält als einer der wenigen noch die Zweitaktfahne in der Königsklasse hoch. Er überzeugte mit den Plätzen zwölf und neun.
Maxi Nagl verzichtete dagegen auf
einen Start. Die Hoffnung der heimischen Cross-Szene, in der MX2-WM (125-cm3-Zweitakt/250-cm3-Viertakt) derzeit mit 49 Punkten auf dem 28. Platz, startete stattdessen bei einem DM-Open-Lauf und holte vorzeitig den Titel. Beim nächsten GP ist Maxi wieder dabei, denn der wird ein Heimspiel für den 18-jährigen KTM-Fahrer: am 29. August in Gaildorf (siehe Kasten).
Dieser Kurs gehört wie Namur zu den Klassikern im WM-Kalender. Wenn alles klappt, kann Stefan Everts dort sein derzeitiges Hochgefühl noch einmal toppen: Er hat in Gaildorf die Chance, vorzeitig den achten WM-Titel zu gewinnen. Die Fahrt ins Schwäbische hat aber noch Zeit. Von Namur aus düste der frisch gebackene
Vater erst mal auf dem schnellsten Weg zurück ins Krankenhaus.

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