Motocross-WM in Teutschenthal (Archivversion) Spurtreue

Max Nagl, das deutsche Motocross-Aushängeschild, ist bekannt für seine enorme Zielstrebigkeit. Aus der Spur wirft ihn so leicht nichts. Das sollte sich auch beim deutschen WM-Lauf in Teutschenthal nicht ändern. Mit kleinen Überraschungen.

Am Freitag bot das Fahrerlager des deutschen Motocross-Grand-Prix in Teutschenthal ein skurriles Bild. So derb es manchmal auf der Strecke zugehen mag, so kreuzbrav präsentierten sich die Camper im Fahrerlager. Dicht an dicht parkten die ausnahmslos weißen Wohnmobile platzsparend wie die Liegen am Strand von Rimini. Da aber orkanartige Böen übers freie Feld tobten, gingen die üblichen Aufgaben nicht so leicht von der Hand. Vor allem die aufmontierten Satellitenschüsseln rotierten endlos um die eigene Achse.
Als sich die rollenden Schlafstätten inklusive ihrer internationalen Besatzungen noch auf der Anreise in Richtung Teutschenthal befunden hatten, war ihnen immer wieder ein Kollege begegnet: Max Nagl. Deutschlands Vorzeige-Crosser prangte überlebensgroß auf den Plakaten seines Heim-GP. Nach Ende der Ära Pit Beirer und Bernd Eckenbach herrschte hierzulande Trostlosigkeit im Cross-Sport – und nun schien dieses Frühjahr alles anders. Der überraschende Umstieg des KTM-Sarholz-Piloten von der kleineren MX2-Klasse auf den großvolumigen 450-cm3-Viertakter der WM-Top-Klasse MX1, sein runder, eher unspektakulärer Fahrstil, ein neuer Fitnesstrainer, fünf Kilogramm mehr Muskelmasse. Plötzlich befindet sich der jugendliche Angreifer auf Augenhöhe mit den Besten seiner Zunft. Max Nagl verblüffte alle und strafte jene Lügen, welche schon nicht mehr an den Durchbruch des erst 19-Jährigen geglaubt hatten.
Wobei selbst seine Top-Platzierungen bei den internationalen Frühjahrsklassikern die Kritiker nicht restlos überzeugten.
Die eher enttäuschende WM-Saison 2006 schien einfach noch zu präsent. Aber Max zeigte sich auch beim WM-Auftakt in bestechender Form und demonstrierte bereits beim zweiten Rennen in Spanien mit einer Podiumsplatzierung endgültig, wo er hin will: »Maximum« möchte Weltmeister werden. Diesem hohen Ziel ordnet der ehrgeizige Sportler sein Leben seit frühester Kindheit unter. Keine Discos, keine Flausen, nur Training, Training, Training. Und dabei gibt es den in Belgien lebenden Exil-Bayer nur im Doppelpack. Ob im Wohnmobil, an der Strecke, im Vorzelt – Vater Hubert ist immer dabei.
Die beiden ignorieren Schulterklopfer ebenso hartnäckig wie Ratgeber und Kritiker. Für Teutschenthal gab es sogar Ratschläge aus ganz berufenem Munde. Die wahrlich sturzerfahrenen Ex-Piloten Pit Beirer und Stefan Everts rieten von einem Start ab. »Kein Kommentar«, grinste Multi-Champion und neue KTM-Lichtgestalt Stefan Everts. Aber warum eigentlich nicht starten? Beim portugiesischen GP hatte der Traum des Max Nagl den ersten Knacks im wahrsten Sinne des Wortes erhalten. Ein Sturz, und das Schlüsselbein brach glatt durch. Was für den Normalbürger eine längere Pause bedeutet, gilt nicht für WM-Motocrosser. Eine schnelle Operation in Belgien, und ab ging es zu den nächsten WM-Rennen nach Italien. Eindeutig zu früh, wie sich zeigen sollte. Max musste, ohne eingreifen zu können, das Rennen sausen lassen und seine ganze Energie auf Teutschenthal fokussieren.
Vor Schmerzen war an Nachtruhe in den Tagen vor dem Rennwochenende kaum zu denken, und während die WM-Kollegen am Freitag im Camper die Beine hochlegten, testete der Lädierte seine Leistungsfähigkeit auf einer kleinen Strecke in der Nähe von Teutschenthal, allerdings mit niederschmetterndem Ergebnis: Es ging gar nichts. Der Teutschenthaler Club hatte zu der Zeit die Hoffung in Max und dessen Teamkollegen noch nicht aufgegeben. Schließlich sind mit dem ebenfalls 19-jährigen Marcus Schiffer in der kleinen Hubraumklasse und mit Max Nagl in der MX1 zwei deutsche Top-Piloten beim Heimrennen am Start, zur Freude der alljährlich wiederkehrenden gut 30000 Zuschauer.
Dazu wartete dieses Jahr im Talkessel von Teutschenthal eine weitere Bewährungsprobe: ungewohnter Sand. Zu schnell, zu gefährlich, so das Urteil der verantwortlichen Rennbürokraten über die rasante Hartbodenstrecke. Die nun im Laufe der nächsten Jahre mit Hilfe von tonnenweise Sand entschärft werden soll. Dass die Fahrer Teutschenthal nicht gerade zu ihrer Lieblingsstrecke auserkoren, daran änderte allerdings auch der Sand nichts. Streckensprecher Karsten Wernado ließ bei der Übersetzung seiner Interviews mit ausländischen Fahrern einiges unter den Tisch fallen. So meinte MX2-Sieger Cairoli in der abschließenden Pressekonferenz: »Ich bin froh, dass ich hier gewonnen habe, denn dann gewinne ich überall.«
Während eines aufgrund von Sturm verkürzten Trainingssamstags waberten schon die ersten Gerüchte durchs Fahrerlager, und der kurzfristig angereiste KTM-Deutschland-Geschäftsführer Norbert Zaha zeigte sich sehr stolz, als bei einer eiligst anberaumten Pressekonferenz Max Nagl von KTM-Motocross-Chef Pit Beirer als neuer Werksfahrer mit Dreijahresvertrag ab 2008 vorgestellt wurde. »Max hat die Motivation für fünf Motocrosser«, so Pit Beirer. »Er wird aber auf jeden Fall diese Saison im Sarholz-Team zu Ende fahren.« Nicht unerwähnt sollte diesbezüglich bleiben, dass die vom Sarholz-Team vorbereiteten Motorräder momentan besser funktionieren als die sehr kapriziösen Werksbrenner. Bereits vor dieser Ankündigung hatte Nagl selbst für eine Überraschung gesorgt, als er unter Aufbietung aller Kräfte auf einen neunten Startplatz gedonnert war. Und auch Teamkollege Marcus Schiffer hatte trotz einer sturzbedingten mächtigen Gehirnerschütterung Startplatz zehn in der kleinen Klasse eingefahren.
Vielleicht aber verbrauchte dieser Trainingssamstag schon genug an Glücksvolumen. Schiffer verbuchte ein gutes erstes Rennen mit Platz sieben und, wegen der Gehirnerschütterung geschwächt, Platz 20 im zweiten Lauf. Nagl wiederum hämmerte extrem vehement in die erste Kurve und Runden, musste auf die absolute Sensation allerdings dennoch verzichten. In beiden Rennen ging ihm beim Anbremsen einer Kurve der Motor aus, fortan plagte er sich schmerzverzerrt im Mittelfeld. Doch auch ein neunter und ein 16. Platz können ihn sicher nicht aus der Spur werfen, denn für ihn gibt es ja nur das eine Ziel.

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