Motocross-WM in Teutschenthal (Archivversion) Der Nächste, bitte

Für Stefan Everts (72) gibt es dieses Jahr ein letztes, klares Ziel: Er will seinen zehnten Weltmeistertitel einfahren und glorreich die WM-Bühne verlassen. Die Konkurrenz zerfällt. Sie steht sich selbst im Weg, ist verletzt oder stürzt beim Start.

Was verbindet MotoGP-Champion Valentino Rossi und Motocross-Fahrer Stefan Everts? Klar, beide sind Yamaha-Werksfahrer. Aber da gibt es noch eine gemeinsame Leidenschaft. Der italienische Straßenstar wie auch der belgische Geländekönig beherrschen und praktizieren in ihrem Sport die Kunst der psychologischen Kriegsführung.
Gegner im Rennen zu überholen und abzuhängen ist das eine, ihren Willen im Vor- und Nachspiel zu brechen das andere. Beispiel gefällig? Wenn sich der Staub
im Teutschenthaler Kessel zu Boden senkt und weiches Abendlicht das Fahrerlager erhellt, schnappt sich der frisch geduschte Everts sein Fahrerlager-Moped samt Söhnchen Liam und sucht nach Beute. Stefan Everts entdeckt Landsmann Steve Ramon, der ihn kurz zuvor beim samstäglichen Qualifikationstraining noch auf Platz zwei verwies, dreht bei und stoppt beim Suzuki-Werksfahrer. Der scheue Ramon, der mehr Talent als Aggressivität besitzt, senkt den Kopf. Breit grinsend lässt Everts seinen Sohnemann herzhaft am Gasgriff drehen. Die Botschaft ist deutlich: Opa und Fa-
milienältester Harry Everts war mehrfacher Weltmeister, Sohn Stefan peilt den unglaublichen zehnten Titel an, und Liam ist irgendwann auch so weit, die Cross-Pisten zu beherrschen.
Im Mai 2006 kommentiert Stefan Everts die aktuelle Situation in der MX1-WM folgendermaßen: »Jetzt, wo die starken Gegner wie Coppins, Tortelli und Pichon verletzt sind, möchte ich nicht die Konzentration verlieren und den verbliebenen Konkurrenten Respekt zeigen.« Vernichtender lässt es sich nicht ausdrücken.
Seine Widersacher müssen eingestehen: Solange Everts sich nicht verletzt,
ist er auf der Strecke kaum zu schlagen. Besonders frustriert zeigt sich die KTM-Mannschaft, die in diesem Jahr Everts’
Triumphzug einen orangefarbenen Riegel vorschieben wollte. Doch vor allem KTM-Werksfahrer Mickael Pichon sorgt für Verwirrung. So verlas der Streckensprecher eine Erklärung Pichons, in der nebulös
von einer Viruserkrankung, Antibiotika und
dem Karriereende die Rede war. Darauf
angesprochen, reagiert der im Rollstuhl sitzende KTM-Sportmananger Pit Beirer nur mit Achselzucken und Ironie: »Der Fitteste in
der Truppe bin wohl ich.« Wobei Pichons Energie rasch zurückkehrte: Eine Woche nach dem abgesagten WM-Auftritt startete er bei einem Lauf zur deutschen MX-Masters-Serie in Österreich und gewann souverän.
Zurück nach Teutschenthal bei Halle,
das sich, nachdem Gaildorf nicht mehr im
Kalender der MX1- und MX2-WM vertreten ist, gut etabliert hat. Ein Ticket kostet für
WM-Verhältnisse vergleichsweise moderate 23 Euro, Zutritt zum Fahrerlager inklusive. Das sorgt auf der gut einsehbaren Strecke für kräftigen Publikumszuspruch – am Rennsonntag sind es bei angenehmen Temperaturen rund 20000 Zuschauer.
Betrübt sind freilich die Fans, die nach deutschen Fahrern Ausschau halten. Am Startgatter der MX2-Kategorie, an dem wie auch in der 450er-MX1-Klasse kein einziges Zweitaktmotorrad mehr knattert, finden sich gerade mal Deutschlands aktuell bester Cross-
Pilot Max Nagl und sein Teamkollege Marcus Schiffer auf den 250er-Viertakt-KTM des
Sarholz-Teams. Max Nagl spricht Klartext: »Ich hatte einen sehr schlechten Saisonstart und bin alles andere als zufrieden, doch warum sich einige deutsche Fahrer hier nicht mal um die Qualifikation bemühen, verstehe ich nicht.«
Der in Belgien lebende Nagl erklärt seine aktuellen Schwierigkeiten so: »Meine Starts sind momentan das Problem, ich bekomme den Anschluss zwischen dem zweiten und dritten Gang nicht in den Griff.« Zu seinem weiteren Weg meint Max: »Mein Team und mein Motorrad sind
gut, da gibt es keine Ausreden, ich muss mich international verbessern. In der MX2-Klasse werde ich bleiben, da ich für die MX1 körperlich nicht geeignet bin – für die Deutsche Meisterschaft reicht es jedoch auf der 450er-Viertakter.«
Und Marcus Schiffer, dem Max Nagl mehr Talent attestiert als sich selbst, braucht noch Konstanz und die Coolness, um im Rennen bestehen zu können. So
enden die beiden Läufe für Nagl und Schiffer nach guter Qualifikation reichlich durchwachsen. Null Punkte für Schiffer und ein einigermaßen versöhnlicher achter Platz im zweiten Lauf für Nagl. Der Südafrikaner und WM-Favorit Tyla Rattray aus dem KTM-
Werksteam konnte unterdessen seine bisher makellose Saisonbilanz mit drei Siegen aus drei Rennen nicht fortschreiben. Teamkollege Marc de Reuver und der 17-jährige Franzose Christophe Pourcel ließen ihm keine Chancen – lediglich Gesamtrang drei für Rattray.
Auf der Bolzerstrecke in Teutschen-thal, die nur wenige Überholmöglichkeiten, dafür hohe Geschwindigkeiten zulässt, ist auch in den MX1-Rennen ein guter Start bereits die halbe Miete. Ob sich das
Spektakel unter diesen Umständen für die Zuschauer lohnt? Spätestens beim Start zeigt sich: aber sicher. Es ist, als ob eine zugedröhnte und dem Rinderwahnsinn verfallene Bullenherde auf die erste Kurve zurast. Der Boden vibriert, die Ohren
wackeln. Dann legt sich der Staub. Die Letzten steigen wieder auf ihre eben
zerstürzten Mopeds, und Stefan Everts
kontrolliert in der Zwischenzeit schon seine wenigen, jugendlichen Herausforderer. Es passiert nicht mehr viel an diesem lässigen Frühjahrstag. Everts macht, was nötig ist, kann auf jede Attacke hin noch zulegen und gewinnt souverän seine Abschiedsvorstellung bei einem Motocross-Grand-Prix auf deutschem Boden.

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