Motocross-WM in Zolder/Belgien (Archivversion) Holter di Zolder

Wo ist das Limit? Kein Motorsport bringt seine Akteure derart an ihre fahrerischen und körperlichen Grenzen wie Motocross. Beim WM-Auftakt auf der zerfurchten Piste in Zolder strauchelte Deutschlands Jungstar Maxi Nagl (Foto) – und auch mancher der ganz Großen dieser Disziplin.

Wie gebannt starrt Cédric Melotte auf diese Spurrillen. Nein, auf diese eine, gut dreißig Zentimeter tiefe Rinne. Denn genau diese eine der zwanzig, dreißig Spuren will er treffen. Muss er treffen. Nur bei ihr ist er sich sicher, dass ihn kein Loch, kein Stein überraschen wird, wenn ihn einige Meter später die Absprungkante über den 25 Meter langen Table-top katapultiert. Und nur Kenner dieser Disziplin werden registrieren, wie ihm üble Bremswellen schon bei der Anfahrt die Füße von den Fußrasten heben, wie sich die Werks-Yamaha wie ein nasser Hund schüttelt, wenn Vorder- und Hinterrad von dieser Rille auf Linie gezwungen werden.
Wer genau hinsieht, bemerkt, wie die eingefederte Maschine mit Rahmenunterzug und Fußrasten beim Absprung den Sand kiloweise mit sich reißt, um ihn – dem Schweif eines Kometen gleich – während des Flugs wieder abzuwerfen. Doch alles wird gut gehen. An diesem Table wie an den 14 anderen Sprüngen pro Runde. Alles wird auch gut gehen in den zig Meter langen, knietiefen Rillen, die die Grobstöller in jeder Kurve in den weichen Boden
gefräst haben. Und sogar wenn sich 30 Mann nach dem Start Lenker an Lenker in die erste, kaum zehn Meter breite Kurve quetschen, wird alles gut gehen.
Zumindest für Cédric Melotte lief alles glatt, dem frisch gebackenen Yamaha-Werksfahrer und Sieger beim Auftakt der Motocross-WM in Zolder. Einem Startschuss der besonderen Art. Allein der
Location wegen. Mit Motocross hat die Straßenrennstrecke im Herzen Flanderns erst seit vergangenem Oktober etwas am Hut. Das Motocross der Nationen, hatte den Offroadern die Pforten geöffnet. Damals planierte man die Piste in den Hang entlang der Startgeraden, schob im Innenfeld diffizile Sprünge auf und verbindet
seitdem beide Streckenteile, indem für
die Renntage Tonnen von Sand auf den
Asphalt gekippt werden. Ein Aufwand, der sich im Motocross-begeisterten Belgien – dort rangieren die Crosser gemeinsam mit Fußball und Radrennen an der Spitze des sportlichen Interesses – lohnt.
Und der Austragungsort mit seiner perfekten Infrastruktur passt den Promotern des Motocross in den Kram. Wie nahezu alle Motorrad-WM-Disziplinen wird auch der wilde Sport vermarktet. Freilich, die Ziele sind edel, doch der Weg dahin ist verschlungen. Ob der Austragungsmodus mit ein, zwei oder drei Läufen, das Qualifikationsschema, die Starterzahl oder die Eintrittspreise – kein Versuch, den dieser Sport auf der permanenten Suche nach einer glorreichen Zukunft in den letzten Jahren nicht über sich ergehen lassen musste. Meist mit mäßigem Erfolg. Doch nun – so glaubt die veranstaltende italienische Agentur Youthstream – wird alles gut. Back to the roots, so die Devise. Anders ausgedrückt: neue Namen, alter Modus. Dass nebenbei ausgerechnet die Preis- und
Antrittsgelder der Piloten drastisch gekürzt wurden, wird freilich bei den wenigsten Profi-Crossern das Vertrauen in die Zukunft ihrer WM stärken.
Und die Namen? Die bisherige 650er-WM nennt sich jetzt MX3, die 125er-Klasse MX2 und die 450er-Vorzeige-Kategorie
MX1. Allerdings: Die MX3-WM, von Youth-
stream nur noch als Reservat aussterbender Hubraumriesen angesehen, hat ab sofort in der Erstliga Hausverbot.
Dafür fährt der Rest künftig doppelt so oft. Mit je zwei Läufen pro Klasse soll der neue Austragungsmodus die Erinnerung an die guten alten Zeiten wecken. Dass die erfolgreichsten Motorradsportserien der Welt – die Straßen-WM und die US-Supercross-Meisterschaft – ausgerechnet auf ein leicht verständliches Format mit einem Lauf respektive einem Finale setzen, wird im Überschwang der Reformen dabei geflissentlich vergessen.
Sei’s drum, das Motto ora et labora, bete und arbeite, hat die Stollenbranche ohnehin längst verinnerlicht und kon-
zentriert sich auf das Wesentliche. Was
bei Sturm und Graupelschauern immerhin 15000 Fans an die Strecke etwa 80 Kilometer östlich von Brüssel lockte. Denn – Vermarktung hin, Format her – Fakt ist: Wer in der Motocross-WM zu den Großen gehören will, der tritt in der MX1-WM an. Und die ist – bis auf das Kawasaki-Werksteam, deren Viertaktmaschine (siehe Seite 160) erst Mitte der Saison in der WM eingesetzt wird, und das deutsche Kurz-
Suzuki-Team um Frontmann Josef Dobes auf 250-cm3-Zweitakt-Suzuki – inzwischen komplett in der Hand der 450er-Viertaktmaschinen.
Yamaha schickt Superstar Stefan Everts nebst Neuzugang und belgischem Landsmann Cédric Melotte auf piek-
feinen Werksmaschinen ins Rennen, KTM richtet sein Engagement auf den Norweger
Kenneth Gundersen und den letztjähri-
gen 125er-Weltmeister Steve Ramon aus
Belgien, Honda setzt auf den neuseeländischen Kämpfer Joshua Coppins, Ex-Weltmeister Mickaël Pichon plus den hochtalentierten Iren Gordon Crockard, Suzuki debütiert den Viertakt-Prototyp unter Edel-Crosser Joël Smets und Nachwuchsstar Kevin Strijbos. Die unbestrittenen Stars der
Szene, Rekord-Weltmeister Stefan Everts und Kollege Joël Smets schwächelten
jedoch beim Auftakt. Smets hatte sich bei seiner Rennpremiere auf der Suzuki im
Februar das Innenband am rechten Knie abgerissen, Everts lädierte sich eine
Woche vor Zolder eine Rippe bei einem Lauf zur belgischen Meisterschaft.
Und wie immer, wenn die Katzen aus dem Haus sind, tanzten die Mäuse auf dem Tisch. Everts strauchelte zweimal mit Platz fünf auf Gesamtrang 4, Smets musste sich gar nach den Plätzen 13 und sieben mit Rang neun begnügen. Wobei niemand so genau weiß, ob die Herren Stefan und Joël gegen die formidablen Auftritte der Konkurrenz auf der völlig zerfurchten Piste hätten gegenhalten können. Wie dem auch sei, nach einem Triumph des Sandspezialisten Ramon auf der KTM in Heat eins bescherte sich der 25-jährige Melotte die erste WM-Führung in seinen Leben.
Worauf die beiden einzigen qualifizierten deutschen Offroader wohl noch eine Weile warten müssen. Der 21-jährige Bayer Josef Dobes blieb in der MX1-Liga ebenso ohne Punkte, wie der erst 16-jährige Maxi Nagl bei seinen MX2-Auftritten. Worüber der Youngster dennoch glücklich sein
sollte. Er touchierte ausgerechnet beim höchsten Sprung der Strecke einen Konkurrenten, stürzte spektakulär und konnte
von Glück sagen, mit einer geprellten Hüfte glimpflich davongekommen zu sein.

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