Motocross-WM (Archivversion) Aus der Tiefe des Traums

Nach Jahren des sportlichen Kriechganges steht 2009 mit Max Nagl, Ken Roczen und Marcus Schiffer nun ein extrem rasantes Trio aus deutschen Landen an den Startgattern der Motocross-Weltmeisterschaft.

Wintercross bleibt Wintercross. Da macht das international besetzte Vorsaisonrennen in Frankenbach bei Heilbronn auch bei seiner 39. Auflage im März 2009 keine Ausnahme. Kein Blättlein an den Bäumen, ein scheinbar tonnenschwerer und schwermütig dunkler Himmel drückt ins Tal, 3500 Paar Zuschauer-stiefel formen immer wieder aufs Neue tiefe Eindrücke in den Matsch.

Marcus Schiffer scheint das alles egal zu sein. Total egal. Am Ende des Renntages ist alles noch dunkler, Regen tropft auf den 21-jährigen Schlaks, kleine Erdklumpen bedecken Hemd, Hose und Stiefel. Er ist verschwitzt, die Haare wirr. Sein Mund steht leicht offen, und er starrt einfach geradeaus. Ein ungewohntes Bild. Normalerweise erlebt ihn das Fahrerlager stets freundlich, lässig und locker. Er bekommt einen Pokal überreicht, ist Zweiter in diesem Rennen und Gesamtdritter des Tages. Was ihn nicht zu interessieren scheint. Der KTM-Fahrer, der dieses Jahr für das Team von Händler Burkhard Sarholz in der MX2-WM antritt, steht auf dem Podium und starrt weiter wortlos auf einen imaginären Punkt.
Würde Schiffer einen Blick nach links riskieren, könnte er sehen, dass Xavier Boog, ebenfalls MX2-WM-Akteur, im Elsaß beheimatet und als einer von drei Suzuki-Werksfahrern mit dem allerfeinsten Material gerüstet, offensichtlich in ähnlicher Ver-fassung ist. Dabei gewann Boog immerhin den ersten Lauf der Open-Klasse. Macht in der Addition mit Platz drei des zweiten Rennens Rang zwei. Aber weder Boog schaut nach rechts, noch blickt Schiffer nach links. Was den versteinerten Gesichtsausdruck betrifft, könnte man sie für ein-eiige Zwillinge halten.
Was Marcus Schiffer auf dem Podium wohl so durch den Kopf ging? Gut, sein Start und die Kollision im ersten Rennen waren nicht zielführend. Aber im Zweiten gelang dem Trainingsschnellsten auf der selbst gewählten linken Bahn ein guter Start. Während des Rennens war sogar sein Coach, der ewig junge Altmeister Collin Dugmore, am Streckenmikro völlig aus dem Häuschen: „Mit diesem Kurvenspeed sehe ich Marcus in der WM ganz vorn bei der Musik.“ Und wirklich: Jede noch so kleine Dreckanhäufung benutzte Schiffer als Anlieger, bretterte in fast waagerechter Schräglage durch die Spurrillen und musste dabei seine langen Beine irgendwo verstauen. Nur selten berührten Hinter- und Vorderrad gleichzeitig Mutter Erde, was jedoch extrem stylish und kontrolliert wirkte. Und abge-sehen davon furchtbar schnell war.

Marcus Schiffer weiß, dass er keine einfache Saison vor sich hat: „Wenn ich mich bis zum Alter von 23 Jahren in der WM nicht durchsetze, muss ich eine Lehre machen.“ Eine klare Ansage von Papa Schiffer. In der öffentlichen Wahrnehmung geht Marcus leider immer ein bisschen unter. Dabei war er schon Neunter in der MX2-WM, ADAC-MX-Masters-Gewinner, Deutscher Meister. Doch er fuhr viele Jahre im gleichen Team mit Max Nagl. Und der war immer ein wenig erfolgreicher als Schiffer. Nagl gab schon vor einigen Jahren zu Protokoll: „Ich habe nicht das Talent wie Marcus Schiffer, aber ich trainiere hart und mache alles für den Erfolg.“

Nun den Umkehrschluss zu treffen, Schiffer trainiere nicht genug, wäre grundfalsch, dafür ist dieser Sport in der Spitze viel zu hart. Aber gerade bei großen Talenten schwingt immer die Unsicherheit mit, dass sie sich darauf zu sehr verlassen. Gab es nicht gerade nach der Ära Lacher/Eckenbach/Beirer eine inzwischen längst wieder verschwundene Generation der großspurigen Talentverschwender? Also kämpft Marcus Schiffer für seine Karriere, an seiner Fitness und an der „Kopfsache“. Obwohl er aufgrund seines Gewichts und der Körpergröße besser auf das dickere 450-cm3-MX1-Motorrad passt, fährt er nach ernüchternder 2008er-Saison lieber wieder mit der 250er-Viertakter. Damit legt er schnellere Rundenzeiten hin, hat mehr Spaß. 2009 muss es in jedem Fall passen, auch ohne die verlorene Werksunterstützung von KTM.

Deutschlands „echter“ KTM-Werksfahrer, Max Nagl, hat in Frankenbach nur von oben herab zugeschaut. Nicht hochnäsig, das wäre nicht sein Stil, sondern verletzungsbedingt aus dem Streckensprecherturm. Auch das ist Nagl 2009. Seit sein Erfolg den Motocross-Sport hierzulande wieder mehr in die Öffentlichkeit zieht, tut er seine PR-Pflicht, schreibt artig Autogramme und beantwortet Fragen. Bei einem Fototermin gestürzt, hat er sich den Daumen angeknackst. Gleichwohl steht der WM-Fahrplan. Nagl ging bislang beharrlich seinen Weg, gewann letztes Jahr eindrucksvoll seinen ersten Grand Prix und gilt für 2009 gar als einer der Titelanwärter in der MX1-WM. Was ihm viele, speziell Ein-geweihte, nicht zugetraut hätten. Max ließ sich dafür aber auch auf einen speziellen Deal ein: Er macht, was die KTM-Verantwortlichen Stefan Everts und Pit Beirer ihm vorgeben. Training, Technik, Taktik – einfach alles. Ohne Wenn und Aber. Max Nagl ist kein ausgeflippter Hund, kein Partykracher. Zwischen ihm und Marcus Schiffer ist es relativ eisig, auch da ist Konsequenz angesagt. Wobei es kaum diszipliniertere Menschen gibt als den ruhigen Exil-Bayern. Der ehrgeizige belgische Multiweltmeister Stefan Everts lotet daher ganz genau die Stärken und Schwächen seines Schützlings aus, und der Erfolg gibt ihm Recht. Inzwischen hat sich Max mit Freundin Sabrina für die nächsten Jahre in Belgien nieder-gelassen, um konsequenter trainieren zu können. Wer ihn aus dem WM-Spitzenfeld vertreiben will, muss schneller sein.

Doch kommen wir zurück auf die Sache mit dem Podium in Frankenbach. Der Grund für die versteinerten Mienen von Boog und Schiffer steht zwischen ihnen, in der Mitte als Sieger ganz oben, hat eine Zahnspange und ist erst 14 Jahre alt: Ken Roczen aus Mattstedt in Thüringen. In seiner Laufbahn war er immer überall der Jüngste, der Kleinste und der Schnellste. Seine bisherige Karriere kennt keine Lücken. Bereits mit zwölf besaß er einen Suzuki-Vertrag mit dem Ziel Weltmeisterschaft. Nun sitzt er auf einer Werks-Suzuki und greift ab dem Lauf in Portugal in der MX2-WM an. Dann ist er 15. Für die ersten drei WM-Rennen ist er noch zu jung.

Für Ken Roczen ist alles so logisch wie unspektakulär. „Ich habe mich schon immer nur mit Älteren gemessen.“ Und weiter: „2009 wird ein Lehrjahr, nächstes Jahr werde ich Weltmeister. Und dann muss ich schnell in die USA.“ Wenn er so dasitzt, mit den Füßen wippt und solche Ansagen macht, klingt das weder überheblich noch unkontrolliert. Er meint das so. Von ihm geht eine unsichtbare Energie aus. Spaß und Leistungswillen finden harmonisch zu-sammen. Nebenbei muss er noch die Schule abschließen, auch wenn es sehr zum Ärger seiner Mutter nur die neunte Klasse ist. Danach folgt zum ersten Mal gezieltes Kraft-, Konditions- und Konzentrationstraining. Jede Menge Termine, das Training auf der Strecke in Belgien, der Umgang mit den Werksmotorrädern, Abstimmungsarbeit. Eine Menge Holz für einen Teenager. „Freundin geht nur, wenn sie Motocross akzeptiert.“ Die Mädels werden wohl trotzdem bald Schlange stehen. Mit Marcus Schiffer versteht sich Ken Roczen prächtig. Die beiden blödeln gern miteinander herum. Wenn allerdings das Startgatter fällt, wird aus dem lieben kleinen Kenny eine Kampfmaschine mit Killerinstinkt. Na, wenn das keine Aussichten für eine äußerst unterhaltsame Motocross-WM-Saison 2009 sind.

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