MotoGP: Circuit de Catalunya/E (Archivversion) Champions Trick

Nach zwei bitteren Niederlagen, auch und vor allem gegen den eigenen Yamaha-Teamkollegen Jorge Lorenzo, musste der achtfache Weltmeister Valentino Rossi unbedingt zurückschlagen. Und er tat dies in der letzten Kurve des Heim-Grand-Prix seines jungen Kollegen mit der brachialen Macht eines großen Champions.

Valentino Rossi wurde ungeduldig. Jorge Lorenzo hatte ihn schon öfter besiegt als jeder andere Teamkollege seiner Karriere, fünfmal insgesamt, dreimal allein in der neuen MotoGP-Saison, und als der Mallorquiner beim Grand Prix auf dem Circuit de Catalunya an der Peripherie von Barcelona nun abermals die Pole Position abräumte, braute sich in dem achtfachen Weltmeister ein heiliger Zorn zusammen. Wie es denn sei, gegen einen so talentierten Stallgefährten kämpfen zu müssen, wurde er zum Beispiel gefragt. "Zum Glück sehe ich ihn nicht allzu oft, denn wir haben ja eine Trennwand in der Box", antwortete Rossi ruppig.

Ob er sich ein Überholmanöver mit Feindberührung wie gegen Casey Stoner beim USA-Grand-Prix 2008 vorstellen könne, wollte ein anderer Journalist wissen. "Wenn Yamaha zwei so gleichwertige Fahrer in die WM schickt, müssen sie auch auf so etwas gefasst sein", kündigte er seine Kampfbereitschaft an.

Lorenzo selbst versuchte er mit Missachtung zu strafen und fing in der Samstags-Pressekonferenz demonstrativ mit Alvaro Bautista zu plaudern an, während der Jungstar von seinem Weg zur Bestzeit erzählte. Freilich war er dabei an den Falschen geraten – Jorge Lorenzo bat sich selbstsicher Ruhe aus. So leicht lässt der Spanier sich auch von einem achtfachen Weltmeister nicht einschüchtern. Schließlich kennt er das Profi-Geschäft inzwischen seit sieben Jahren. Doch Rossi blieb ja noch das Rennen. Und dafür tüftelte er mit seinem Cheftechniker Jerry Burgess am späteren Samstagabend weitere Setup-Verbesserungen aus, obwohl der wenige Stunden zuvor vom Tod seiner Mutter erfahren hatte.

Denn jetzt, in Lorenzos zweiter Heimat, der Helm und Teile seines Motorrads für dieses Rennen mit den Farben des Fußball-Champions-League-Siegers FC Barcelona geschmückt hatte, war es Zeit, nach den Niederlagen in Le Mans und speziell beim eigenen Heimspiel in Mugello zurückzuschlagen, ein deutliches Zeichen zu setzen und dem bisher so kunterbunten Meisterschaftsverlauf einen Stempel aufzudrücken.

Wo Rossis Wille ist, gibt es auch einen Weg. Das hatte der Superstar bereits ein Jahr zuvor bewiesen, als er beim US-Grand-Prix in Laguna Seca im berüchtigten "CorkScrew" derart an Casey Stoner vorbeirasierte, dass der in einer Staubwolke zurückblieb und wenig später irritiert zu Boden ging. Auch jetzt in Barcelona gab es eigentlich keinen Platz zum Überholen – und dennoch fand Rossi in einem Finale, das wohl in die Rennsportgeschichte eingehen wird, gleich zweimal die nötige Lücke. Das erste Mal, eingangs der vorletzten Runde, pfeilte er sich, unmittelbar vor dem Anbremsen, mit Tempo 300 außen an Lorenzo vorbei, obwohl der selbst schon fast auf dem Begrenzungsstrich entlangzischte. "Rossi hat Knie und Ellbogen eingezogen, um sich durchfädeln zu können. Er ist mit allen Wassern gewaschen", staunte der einheimische 500er-Weltmeister von 1999, Alex Crivillé, voller Bewunderung.

Noch besser freilich war, was Rossi nach Lorenzos Konter vor der letzten Kurve abzog. Das verblüffte nicht nur den Gegner, sondern auch sämtliche Fachleute. Bereits seit der Einfahrt in das Stadion ähnliche letzte Drittel der letzten Runde hatte sich der Kommentator des italienischen Fernsehens in Rage geredet, weil die Entscheidung eigentlich gefallen war. Denn in Barcelona gilt es als ausgemacht, dass, wer in diesem Kurvengeschlängel die Nase vorn hat, bis zum Zielstrich nicht mehr zu schlagen ist. "Ab jetzt ist es unmöglich, die Entscheidung ist gefallen", zeterte der Profi-Tifosi frustriert.
Sekunden später schrie er: "Mamma mia" – weil es das Wort unmöglich für Rossi nicht gibt. Aus der vorletzten Kurve fädelte er sich blitzartig innen neben Lorenzo ein, feilte auf Messers Schneide wieder ohne sichtbare Lücke vorbei – und hatte den Sieg in der Tasche. "Ganz ehrlich gesagt: Damit habe ich nicht gerechnet. Mein Fehler war, dass ich mich nicht breit genug gemacht, dass ich ihm nicht die Tür zugeschlagen habe", räumte Lorenzo wie vom Donner gerührt ein.

Rossi dagegen platzte schier vor Stolz. "Lorenzo ist schwierig zu schlagen, intelligent, aggressiv und fahrerisch sehr stark. Ihn so zu überholen, in der letzten Kurve, war ein bisschen wie das Tor von Maradona in der Fußball-WM 1986 (gegen Deutschland, Red.), als er aus dem Mittelfeld nach vorn stieß, alle Gegner stehen ließ und das entscheidende 3:2 schoß. Ich wusste nicht, ob es klappen würde. Doch ich habe Ähnliches schon mit Stoner und anderen Piloten gemacht, deshalb habe ich es probiert. Ich brauchte Mut, aber das allein reichte nicht: Ich bin auch gut gefahren. Mit 180 auf eine 35 Zentimeter breite Innenspur zu zielen und dann am Kurvenausgang die Ideallinie nicht zu verpassen ist nicht so einfach. Ich bin glücklich, dass es geklappt hat und die Aktion blitzsauber war. Lorenzo und ich haben uns nicht berührt", schwärmte er. "Der Angriff heute war noch besser als der gegen Stoner in Laguna Seca, dort ist Casey ausgerutscht, und ich musste das Rennen alleine zu Ende fahren. Hier dagegen passierte alles in der letzten Runde."

Seit diesem historischen Finale herrscht ein ebenso historischer Gleichstand in der WM-Tabelle. Rossi, Lorenzo und der in Barcelona wegen Magenkrämpfen um knapp neun Sekunden zurückgefallene drittplatzierte Casey Stoner liegen punktgleich mit jeweils zwei Siegen an der Spitze der Tabelle, im Prinzip geht die WM beim nächsten Rennen in Assen am 27. Juni von vorn los.

Doch Statistiken sind nur die halbe Wahrheit – schließlich kommt es auch darauf an, wie sie zustande kommen. In Barcelona bewies Valentino Rossi, dass er auch mit 30 Jahren immer noch das "Fenomeno", immer noch der "Außerirdische" ist, der sein Team, seine Fans, selbst die Fans des Gegners begeistern kann. Nach der Zielankunft drückten die Rossi-Mechaniker in ihrem Jubel fast die Wände der Yamaha-Box ein, während Rossi sich draußen auf der Ehrenrunde immer wieder vor dem fahnenschwenkenden Publikum verneigte und im Zielraum, noch vor den Fernsehinterviews auf die Zielgerade rannte und dort in tosendem Applaus badete. Rossi war endlich wieder der Superstar, der die Schwierigkeiten der letzten Rennen, vor allem den gründlich missglückten Frankreich-GP in Le Mans mit Abstimmungsschwierigkeiten im Training und einem peinlichen Sturz im Rennen endlich abhaken konnte. "Dort ging ich durch die Hölle. Ich fühlte mich wirklich, als säße ich in den Flammen des Infernos," schilderte er dramatisch. "In Mugello ging es zwar schon besser, aber erst hier konnte ich wieder so fahren, wie ich gern möchte. Bereits gestern nach dem Training habe ich zu Jerry Burgess gesagt: Jetzt fahren wir wieder wirklich Rennen, anstatt uns nur durchzukämpfen." Dass ihm am Ende ein solches Überholmanöver gelang, war das entscheidende Sahnehäubchen. "Ich habe ein Fanal gesetzt und gezeigt: Wer Valentino hinter sich hat, muss vorsichtig sein", grinste Rossi.
Vorsicht ist freilich auch für Rossi selbst angebracht, denn so oft er auch wiederholte, wie wertvoll dieser Sieg gewesen sei: Lorenzos Selbstsicherheit blieb unerschüttert. Im Zielraum folgte er Rossis Beispiel und hüpfte auf die Zielgerade, um sich ebenfalls vom Publikum feiern zu lassen.

Lorenzo sah sich zwar als Zweiter, nicht aber als Verlierer. "Heute war auch ich tapfer. Natürlich willst du immer gewinnen, und du hast einen bitteren Geschmack im Mund, wenn du am Ende einen kleinen Fehler machst", räumte er ein. "Doch ich habe nur knapp gegen den besten Fahrer der Welt verloren und bin deshalb zufrieden. Es werden noch andere Gelegenheiten kommen wie diese heute. Die Rennen werden in diesem Stile weitergehen – und ich habe noch lange nicht ausgelernt." Jorge Lorenzo scheint aus anderem Holz geschnitzt zu sein als die von Rossi gedemütigten Ex-Rivalen Max Biaggi, Sete Gibernau oder Casey Stoner.





















Daniel Pedrosa hatte sich bei einem Rutscher in Mugello eine heftige Zerrung im Gesäßmuskel zugezogen, inklusive Haarriss am Muskelansatz des rechten Oberschenkelknochens. In Barcelona brauchte der Spanier noch schmerzstillende Spritzen – kein Gedanke an einen Heimsieg wie im Vorjahr. Damit ist Honda seit über einem MotoGP-Jahr sieglos. Stattdessen sorgte in Barcelona das Scot-Team für vergnügliche Honda-Schlagzeilen, weil neben Yuki Takahashi ein neuer Teamkollege auftrat: Der Ungar Gabor Talmacsi, 2007 125er-Champ, hatte sich im Streit vom spanischen Aspar-Aprilia-250-Team getrennt und mischt sich nun als MotoGP-Rookie ins Geschehen. Ohne jede Praxis auf einer MotoGP-Maschine qualifizierte er sich 3,8 Sekunden hinter Lorenzo als Letzter und hielt auch im Ziel mit fast anderthalb Minuten Rückstand ehren-voll die rote Laterne. Trotzdem sitzt Talmacsi dank der ungarischen Mineralölfirma Mol fest im Sattel und soll die Saison zu Ende fahren, im wie auch immer gearteten Erfolgsfall auch 2010.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel