MotoGP: Datenflut fürs Fernsehen (Archivversion) Grosser Lauschangriff

Atemberaubende Schräglagen und beinharte Ausbremsmanöver reichen den TV-Produzenten der MotoGP-Weltmeisterschaft nicht mehr, um die Fans am Fernseher zu faszinieren. Deshalb hören sie selbst bei 300 km/h die Datenleitungen der Rennmaschinen ab und liefern anatomische Feinheiten der schnellen Runden wie Höchstgeschwindigkeiten, Maximaldrehzahlen und Schräglagenwinkel live in Wohnzimmer weltweit.

Besser als die Formel 1«, sagt Jordi Sais, »sind wir allemal.« Es huscht nur ein kurzes Lächeln über das Gesicht des Spaniers, der bei MotoGP-Vermarkter Dorna für Zeitnahme- und Computertechnik verantwortlich ist, als er dem Multimillionen-Dol-lar-Spektakel F1 zumindest in einer Disziplin den Titel »Krone des Motorsports« streitig macht – bei der TV-gerechten Aufbereitung der Highspeed-Wettkämpfe. »Formel-1-Autos sind groß, da ein paar Kameras und Sensoren dranzubauen ist nicht weiter schwierig«, sagt Sais. »Auf MotoGP-Motorrädern ist viel weniger Platz, außerdem haben sie nur zwei Räder. Deshalb brauchen wir eine deutlich höher entwickelte Technologie, um Onboard-Bilder und Telemetriedaten ins Fernsehen zu bringen.«

Das ist nicht von der Hand zu weisen. Ein Formel-1-Renner ist rund viereinhalb Meter lang, bis zu 1,80 Meter breit, 600 Kilogramm schwer und am Ende der Zielgeraden in Barcelona 310 km/h schnell. Ein MotoGP-Motorrad misst von vorne bis hinten etwas über zwei Meter, wiegt bei rund 66 Zentimeter Breite 148 Kilogramm und fährt in Barcelona 320 km/h – bevor es dann von seinem Piloten in eine fahr-physikalische Spezialsituation gezwungen wird, die Formel-1-Fahrern fremd ist: volle Schräglage.

Genau das ist es, was Jordi Sais und seine Truppe den MotoGP-Fans am Fernsehschirm so nahe wie möglich bringen wollen: die schier unglaubliche Action dieses Sports, die Naturgesetze wie die Schwerkraft zu verspotten scheint, den absoluten Wahnsinn auf zwei Rädern. Um das zu bewerkstelligen, muss auch hinter den Kulissen im roten Bereich gearbeitet werden. Zusätzlich zu den 80 bis 100 Mitarbeitern, die bei jedem Grand Prix vor Ort für Produktion und Aufbereitung der Fernsehbilder zuständig sind, kümmern sich ein Dutzend Spezialisten des »Timing & Computing Department« der Dorna da-rum, dass die bewegten Bilder nach Bedarf mit animierten Grafiken garniert werden können, die den Stand des Rennens zeigen, aktuelle Runden- und Zwischenzeiten oder auch den momentanen Stand der Weltmeisterschaft. Richtig delikat wird es jedoch, wenn Aufnahmen von Onboard-Kameras die Piloten beim Turnen auf ihren Maschinen filmen oder in Echtzeit Motordrehzahl, Geschwindigkeit oder Schalt-vorgänge eingeblendet werden.

Damit das klappt, ist erheblicher technischer Aufwand nötig. Sechs Tonnen Ausrüstung lässt Sais zu jedem Rennen trans-portieren, vor Ort wird ein Netzwerk aus 50 PC-Workstations und einigen Macintosh-Rechnern für die Videobearbeitung auf-gebaut. Die zwölf »Timing & Computing«-Techniker arbeiten auf engstem Raum in einem mit Technik vollgestopften, hinter den Boxen geparkten Sattelauflieger. Um für möglichst alle Fälle gerüstet zu sein, werden bis zu 15 Rennmaschinen mit maximal je vier Minikameras bestückt, hinzu kommen Sensoren für Telemetriedaten. Während des Rennens können die Daten von bis zu vier Motorrädern simultan empfangen und auf dem Bildschirm zum Vergleich gegenübergestellt werden.

»Wir sind stolz auf die geleistete Arbeit«, sagt Dorna Managing Director Manel Arroyo, auch, weil der Weg zum heutigen Status quo nicht immer leicht war. »Vor sechs Jahren haben wir damit begonnen, die Drehzahl anzuzeigen. Wir haben die Teams gebeten, uns die Daten aus ihrer Motorelektronik zu geben – aber die haben uns ausgelacht.« Das spornte die Dorna-Programmierer erst recht an. Arroyo: »Wir entwickelten eine Software, mit der wir die Motorgeräusche auswerten konnten, die von den Mikrofonen der Onboard-Kameras geliefert wurden. Damit haben wir die Drehzahlanzeige realisiert.« Nach einiger Zeit bat ein Team-Ingenieur darum, sich die Daten einmal ansehen zu dürfen. Er verglich sie mit den Werten aus seiner Motorelektronik, stellte 90 Prozent Überein-stimmung fest und gab dann seinen Widerstand auf: »Okay, ihr habt gewonnen.«

Seitdem ist die anfängliche Skepsis einer gedeihlichen Zusammenarbeit im Sinne der Show gewichen. Informationen wie Drehzahl, Getriebestufe, Gasgriff- und Bremshebelposition, die auf den Motor-rädern ohnehin per CAN-Bus transportiert werden (siehe Kasten), können die Dorna-Leute jetzt direkt abgreifen und an ihre Databox weitergeben, von der sie für den Versand aufbereitet werden. Allerdings ist die Databox über eine Art Firewall an das Bordnetzwerk angeschlossen. Offiziell, damit die TV-Technik nicht in die Motorsteuerung pfuscht. Vielleicht aber auch, damit die Motorradingenieure nicht ihre letzten Geheimnisse preisgeben müssen. Dass beispielsweise die Motordrehzahl vor der Übergabe an das Dorna-System mittels eines Korrekturfaktors für die Darstellung in der Öffentlichkeit angepasst wird, mag Jordi Sais nicht ausschließen: »Die Daten gehören den Teams.« Reifentemperaturen, die ebenfalls erfasst werden, sind beispielsweise absolut tabu.

Ansonsten zeigen sich die Motorradhersteller kooperativ. Die Halterungen für die Minikameras und spezielle, teilweise von der Dorna bereitgestellte Sensoren, sind sozusagen serienmäßiges Zubehör jeder neuen Werksmaschinen-Generation. »Wobei wir natürlich die Wünsche der Hersteller berücksich-tigen und unsere Teile nach ihren Vorgaben bauen«, präzisiert Jordi Sais. Was für die Dorna-Leute kein Problem ist, weil sowohl die winzigen Kameras als auch besondere Fühler wie die Schräglagen- oder GPS-Positionssensoren Eigenentwicklungen sind und häufig in Handarbeit hergestellt werden. Besonders stolz ist Sais auf den Schräglagensensor: »Knapp 50 Grad Schräglage – damit kann jeder Motorradfahrer etwas anfangen. Die Fliehkraftanzeige bei Formel-1-Übertragungen liefert dagegen für Autofahrer nur einen sehr abstrakten Wert.«

Neu ist 2008, dass die Übertragung vom Motorrad zur TV-Produktion auf Digitaltechnik umgestellt und die Telemetriesignale in den Strom der Videodaten eingebettet wurden. »Das gibt uns eine viel größere Bandbreite«, erläutert Jordi Sais. »Wir empfangen zwar im Prinzip dieselben Daten wie 2007, aber mit deutlich höherer Aktualisierungsfrequenz. Deshalb ist die Anzeige noch exakter als bisher.« Doch dabei wird es nicht bleiben, denn in der Dorna-Zentrale in Barcelona arbeiten zwei dreiköpfige Entwicklerteams ständig an neuen Ideen. Als nächstes könnte die Übertragung biometrischer Daten wie etwa der Pulsfre-quenz des Piloten oder seine Körpertemperatur auf dem Programm stehen. Die Technik, um diese Informationen zu erfassen, ist bereits erprobt, zur Databox am Motorrad würden sie aus dem Höcker der Rennkombi per drahtloser Bluetooth-Verbindung gefunkt. Als er das erzählt, zeigt Jordi Sais wieder sein feines Lächeln. Und verspricht: »Wir werden noch besser werden.“

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