MotoGP Grand Prix in Doha/Qatar (Archivversion) Tausendundeine Nacht

Regen ist selten am Persischen Golf. Die 80 Millimeter Niederschlag pro Jahr fallen, wenn überhaupt, im Winter. Ab Frühling herrschen nur noch eitel Sonnenschein und klare Sternenhimmel. So jedenfalls die Reiseführer von Qatar.

Doch manchmal – Insh-Allah – ist Gottes Wille anders. Schon in den Trainingstagen zum Grand Prix in Doha hatte es mehrmals getröpfelt. Als die Saison dann endlich, nach einer besonders langen Winterpause, am Abend des 12. April mit dem 125er-Rennen gestartet wurde, zuckten Blitze über den düsteren Himmel. Bald fielen die ersten Tropfen, und als es in Runde fünf stärker zu nieseln anfing, wurden rote Flaggen geschwenkt – Rennabbruch.

Die Piloten zogen sich in die Boxen zurück, und weil der Regen ebenso schnell wieder aufhörte, wie er begonnen hatte, machten sie sich für einen baldigen Neustart bereit. Doch Grand-Prix-Promoter Dorna sorgte sich um die Prime-Time-Sendezeiten für die Königsklasse. Deshalb zog die Rennleitung einen Joker, der nach dem verregneten Indianapolis-Grand-Prix 2008 extra für solche Fälle ins Regelwerk eingebaut worden war: Seit Neuestem genügen schon drei gefahrene Rennrunden, um einen Grand Prix werten zu können und die halbe Punktzahl zu vergeben.

So kam es, dass aus der Box des italienischen Ingetta-ISPA-Aprilia-Teams plötzlich Freudenschreie zu vernehmen waren. Andrea Iannone, nach einem Blitzstart in Führung, war im Rennverlauf zwar zunehmend unter Druck des überlegenen Spaniers Julian Simon geraten, hatte die Nase bei der entscheidenden Ziel-Passage nach vier Runden aber noch als Erster im Wind gehabt und wurde deshalb zum Sieger erklärt.

Nicht weniger glücklich war sein bayerischer Teamkollege Jonas Folger. Noch reaktionsschneller als Iannone, hatte sich der 15-Jährige aus der dritten Startreihe an die dritte Stelle katapultiert und hielt beim Abbruch immer noch den stolzen sechsten Platz. „Die Aprilia ist härter, stabiler und vermittelt mehr Feedback von den Reifen. Ich habe mich auf Anhieb wohl gefühlt“, erklärte der frühere KTM-Pilot die schnelle Wandlung von der Nachwuchshoffnung zum absoluten Spitzenfahrer. „Wir wissen, wie gut Jonas starten und von Anfang an schnelle Runden drehen kann. Ich habe auf den dritten Platz in der ersten Kurve und den fünften Rang nach der ersten Runde fünf Euro gewettet – und gewonnen“, freute sich Papa Jakob Folger mit.

Den Vogel aber schoss Sandro Cortese ab. Im letzten Jahr immer wieder knapp am ersten Podestplatz vorbeigeschrammt, winkte dem Schwaben jetzt endlich die Gunst der Stunde. Cortese lauerte mit knapp zwei Sekunden Abstand auf Iannone in einem hart umkämpften Verfolgerpulk. Das Warten lohnte sich: In der vierten Runde, als die ersten Tropfen fielen, geriet der drittplatzierte Marc Marquez auf den rutschigen weißen Begrenzungsstrich und baute einen kapitalen Sturz, bei dem der viertplatzierte Nico Terol zum Ausweichen gezwungen wurde. Anders als etwa im Vorjahr in Indianapolis, wo Cortese schon den dritten Platz erkämpft hatte, aufgrund des wegen Regen abgebrochenen Laufs aber mit der Wertung nach der vorangegangenen Renn-runde und somit Rang fünf vorlieb nehmen musste, sahnte er diesmal ab. „Ein lang ersehntes Ziel ist erreicht. Im letzten Jahr war es manchmal, als ob ich gegen eine Wand fahren würde. Jetzt endlich den entscheidenden Schritt zu tun, diesen Podestplatz sicherzustellen, der so oft zum Greifen nah war, ist ein riesiges Gefühl der Erleichterung. Ich habe mir selber bewiesen, dass es möglich ist – und möchte nun mit einer kompletten Renndistanz daran anknüpfen“, sprudelte Cortese. „Denn so erobert, wie ich es mir immer vorgestellt hatte, war dieses Podium nicht – ich für meinen Teil wäre gern weitergefahren.“

Das wäre vor allem auch Stefan Bradl. Ausgerechnet der Mann, der die Wiedergeburt des deutschen Grand-Prix-Sports ein Jahr zuvor mit seinem Podestplatz in Qatar begründet hatte, nahm nun nicht an der deutschen Blitzkarriere teil. Seine bisherigen Erfolge waren auf lange, spannende Aufholjagden gegründet, ein Fahrer, der schon im Training nach Belieben schnelle Runden zünden kann, war Bradl noch nie.

In der Qualifikation zunächst weit abgeschlagen, hatte ihn Vater Helmut deshalb „an seine Ziele erinnert“ und ermahnt, auch dann mit Vollgas reinzuhalten, wenn’s im Fahrwerk „wackelt und scheppert“. Der Kiefer-Aprilia-Pilot steigerte sich prompt auf Startplatz sieben, blieb in den ersten Rennrunden aber noch im Feld versteckt und wurde nach einem Fehler bis an die elfte Stelle zurückgereicht.

Dann freilich kam Bradl in Schwung, war in der fünften Runde Sechster und wäre ohne den Regenguss wohl abermals in Richtung der Podestplätze gestürmt. So blieb ihm, laut Wertung nach der vierten Runde, nur der achte Platz. „An die Gruppe von Cortese wäre ich noch rangekommen, doch was soll’s. Letztes Jahr hatte ich das Glück, diesmal war er zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle“, zeigte sich Stefan als guter Verlierer.

Nur mit der Tatsache, dass die Rennleitung auf einen Neustart verzichtete, war er nicht einverstanden – wie sein Vater Helmut. „Wir haben immer noch eine Weltmeisterschaft mit drei Klassen, doch in Wirklichkeit wird alles auf MotoGP zugeschneidert und die 125er und 250er nach Belieben verschoben oder gecancelt. Was heute passierte, ist eine Farce“, schimpfte der. „Und deshalb wünsche ich mir, dass es beim MotoGP-Start so einen Hagel runterlässt, dass die überhaupt nicht fahren können...“

Erst sah es danach aus, als wäre Helmut Bradls Fluch im Winde verhallt. Das mit Rücksicht auf den Zeitplan von 20 auf 13 Runden gekürzte 250er-Rennen wurde auf mittlerweile abgetrockneter Piste pünktlich gestartet. Ohne Weltmeister Marco Simoncelli, der mit einem erst am Dienstag der gleichen Woche verschraubten Kahnbeinbruch auf den Start verzichtet hatte, herrschte Spannung pur: Hector Barberá holte beim Comeback-Rennen nach einer schweren Verletzung den Sieg, der französische Außenseiter Jules Cluzel erkämpfte Platz zwei, 125er-Weltmeister Mike di Meglio wurde beim 250er-Einstieg Dritter.

Alles lief nach Plan, auch noch, als die MotoGP-Klasse kurz vor 23 Uhr Ortszeit Aufstellung nahm und die Mechaniker nach dem Zeigen der Fünf-Minuten-Tafel den Startplatz räumten. Dann, unmittelbar, bevor die Motoren losdröhnten, hatte Allah doch noch ein Einsehen mit Helmut Bradl. Bei den ersten dicken Regentropfen schauten einige der Fahrer noch verwundert zum Himmel, ob sich die Wetterlaunen ein zweites Mal legen würden. Sekunden später prasselte eine Sintflut auf die Wüsten-Piste herab, wie man sie sonst allenfalls von den Monsunstürmen Südostasiens kennt.

Schon nach den ersten Tests des Scheinwerfersystems der Strecke hatten die Piloten moniert, dass die Lichtreflexionen auf nasser Fahrbahn für gefährliche Blendeffekte sorgen würden. Ein Regenrennen stand deshalb von Anfang an außer Frage. Dem Veranstalter blieb keine Wahl, als das Rennen zunächst abzusagen. „Wenn es am Sonntag regnet, fahren wir halt am Montag“, hatte Nasser Khalifa al Attiya, Präsident des Motorsportverbands von Qatar, angesichts der trüben Wetterprognosen schon tags zuvor vorgeschlagen. Überall sonst auf der Welt wäre das angesichts der komplizierten Logistik eines Grand Prix als Scherz abgetan worden. Doch in einem Land, das täglich 75 Millionen Dollar Gewinn aus seinen Öl- und Gasgeschäften zieht, spielen ein paar Flugtickets eine ebenso geringe Rolle wie die 25000 Liter Diesel, die pro Abend in den Generatoren der Lichtanlage verheizt werden.

Kurz nach Mitternacht stand deshalb fest, dass das Rennen am Montag erneut auf dem Programm stehen würde. Die meisten Fahrer, darunter Valentino Rossi, waren für die Wiederholung. Eine Handvoll Widerständler wie Loris Capirossi, Chris Vermeulen, Casey Stoner und Nicky Hayden meldeten Bedenken wegen des Streckenzustands an, wurden aber überstimmt.

Die Idee, das Rennen schon am Montagnachmittag auszutragen, scheiterte an den Reifen: Die beiden Mischungen, die Bridgestone bereit hielt, eigneten sich für kühle Nachttemperaturen, nicht aber für die Hitze des Tages. So wurde der Start schließlich auf 21 Uhr Ortszeit festgesetzt.

Es war der Zeitpunkt für den Gala-Auftritt von Casey Stoner, der auf seiner Paradestrecke abermals groß auftrumpfte und den dritten Qatar-Sieg hintereinander holte. Valentino Rossi, der sich im Training näher und näher an Stoner herangerobbt hatte, blieb den versprochenen großen Kampf schuldig. Während er noch gegen Lorenzo um den zweiten Platz kämpfte, düste Stoner bereits um zwei Sekunden voraus.

Bis auf den Highspeed-Sturz von Loris Capirossi und den Rammstoß von Alex de Angelis gegen den am Knie verletzten Dani Pedrosa blieb auch das Geschehen weiter hinten im Feld von wirklich spektakulären Szenen frei. Die Hoffnung, dass die neuen Bridgestone-Einheitsreifen zu mehr Ausgeglichenheit und mehr Über-holmanövern führen würden, blieb zumindest in der Wüste von Qatar unerfüllt.

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