MotoGP Grand Prix in Jerez/E (Archivversion) Der Bär ist los

Im Grand-Prix-Sport gibt es zwei neue Helden: Grizzly-Pilot Stefan Bradl zeigt die Tatzen in der 125er-Weltmeisterschaft, Yamaha-Star Jorge Lorenzo macht Valentino Rossi seinen Platz als Superstar in der Königsklasse streitig.

Der Grizzly-Bär macht weiter fette Beute. Nach der tollen Aufholjagd in Qatar zeigte Stefan Bradl ein hinreißendes Duell in Spanien, fuhr bis zur Zielflagge mit Bradley Smith um die Wette, dem mit zwei Trainingsbestzeiten in zwei Rennen schnellsten Piloten der 125-cm³-Kategorie. Trotz überforderter Reifen und heftiger Rutscher bissen sich die beiden derart ineinander fest, dass »kein Messer mehr dazwischen gepasst hätte«, so Stefan Bradl. »Es war spannend. Ich denke, die Zuschauer haben geschwitzt. Aber ich habe auch geschwitzt«, meinte der bayerische Teenager schlagfertig.

Jetzt haben Bradl und sein Grizzly-Gas-Kiefer-Racing-Team einen vierten und einen dritten Platz auf dem Konto, dazu noch einen prestigeträchtigen dritten Trainingsrang in Jerez, wo Bradl erstmals in seiner jungen Karriere in der vordersten Startreihe Aufstellung nehmen durfte. Vor allem aber liegt Bradl an schwindelerregender zweiter Stelle der WM-Wertung. »Uns könnte es derzeit gar nicht besser gehen«, strahlt sein Teamchef Stefan Kiefer, und angesichts der geballten Ladung guter Nachrichten stimmt die gesamte deutsche RennsportFangemeinde in die Jubelgesänge ein.

Die schlechte Nachricht: Es gibt sie nicht. Sicher, mit ein bisschen mehr Erfahrung hätte Bradl dieses epische Duell gegen Bradley Smith gewinnen und im zweiten Rennen den zweiten Podestplatz er­obern können. Es war jugendliches Un-gestüm, dass er Smith bereits am Ende der Gegengeraden attackierte, weil er damit im Finale, auf der letzten halben Runde, vom Jäger zum Gejagten wurde. Im berühmten Stadion, dort, wo die meisten der 133000 Zuschauer von Jerez fahnenschwenkend Fiesta feierten, quetschte sich der Engländer nochmals innen vorbei, vielleicht hätte sich Bradl dort ein bisschen breiter machen können. »Stefan hat noch nicht ausgelernt«, sagt deshalb auch Vater Helmut Bradl, der 250-cm³-Vizeweltmeister von 1991. »Eine reine Schutzbehauptung«, grinst Junior Stefan, der sich schon lange zum Ziel gesetzt hat, »eine Position höher« zu klettern als sein Papa, sprich: dereinst den Titel zu holen.

Wenn er mit dem Gasgriff die gleichen Fortschritte macht wie mit der Zunge, kann die Mission nicht schiefgehen. So hatte Helmut Bradl bewusst auf Vorab-Erläuterungen des Medienrummels bei Podestplätzen verzichtet, um den auf seinem Sohn lastenden Erwartungsdruck nicht zusätzlich zu erhöhen.

Deshalb stand Stefan in Qatar völlig unvorbereitet im internationalen Rampenlicht. Unmittelbar nach dem Zieleinlauf, im von GP-Promoter Dorna zur »Victory Zone« umgetauften Parc fermé, blickte er in die erste Kamera und verhaspelte sich. Beim Interview nach der Siegerehrung, bei dem Bradl seinen Kommentar in zwei Sprachen abgeben musste, würfelte der bayerische Teenager deutsche und englische Brocken noch fröhlich durcheinander.

Doch bereits in der anschließenden Pressekonferenz für Radiovertreter und schreibende Presse hatte er seine Lektion gelernt und gibt seither nicht nur schlüssige Erklärungen zu Trainings- und Rennverlauf ab, sondern vergisst auch nicht, Emotionen zu schüren. »Ich freue mich jetzt schon aufs nächste Rennen, mir macht’s Spaß in dem Team, es ist eine geile Atmosphäre, mir gefällt’s super, danke an die Leute, die mir das ermöglicht haben«, plappert Stefan drauflos, ohne Atem zu holen. Und es klingt in beiden Sprachen glaubwürdig, nach all dem, was der 18-Jährige mit dem Rausschmiss von KTM vor anderthalb Jahren und mit der Trennung vom spanischen Repsol-Honda-Team im letzten Frühjahr an Tiefschlägen weggesteckt hat.

Bradls Enthusiasmus passt auch zur Kombination von Mann und Maschine, denn die Aprilia RSA 125 und ihr Chauffeur scheinen füreinander gebaut. Gemeinsam erreichen sie genau das zulässige Mindestgewicht von 136 Kilogramm, sind damit nicht zu schwer und müssen sich die Balance des Motorrads nicht von angeschraubten Zusatzgewichten verderben lassen.

Bei der Abstimmungsarbeit gelingen dem Team Paradestückchen wie in Jerez, wo nach dem passenden Setup für den neuen Öhlins-TTX-Hinterrad-Stoßdämpfer geforscht werden musste und Bradl trotzdem in die erste Reihe fuhr. »Seine Aussagen sind sehr präzise – selbst dann, wenn’s mal nicht so läuft. Stefan sagt frei raus, wenn er nicht gut drauf ist, ohne das Motorrad zu beschuldigen«, erklärt Cheftechniker Jürgen Lingg.

Meistens aber ist er gut drauf und verblüfft Fans wie Ingenieure sowohl in Qatar als auch in Jerez mit den besten TopspeedWerten der 125er-Klasse. Zum einen Teil ist das sicher der guten Arbeit von Lingg und seinen Mechanikern zu verdanken, die nach jahrelanger Erfahrung mit Aprilia Production Racern nun auch für Bradls Werksmaschine zielsicher die richtige Bedüsung finden – und das ohne die Hilfe eines von Aprilia entsandten Spezialingenieurs, der in anderen Werksteams gang und gäbe ist.

Zum andern liegt der tolle Topspeed an Bradls Fahrweise. »Die Leistung ist gleich wie bei den anderen acht RSA-Fahrern, da habe ich bestimmt keinen Vorteil vom Motor her. Doch ich kann mich unmittelbar nach der Kurve sehr schnell auf dem Motorrad klein machen. Das ist ein Fahrstil, der sich sehr positiv auf die Beschleunigung auswirkt«, verrät Bradl.

So früh wie möglich ans Gas zu gehen ist der Schlüssel zum Erfolg, und einer, der an dieser Kunst seit Kindesbeinen feilt, ist Jorge Lorenzo. »Ich habe mir von An-fang an angewöhnt, schon bei der Kurven-durchfahrt immer etwas Gas zu geben«, erklärt der Mallorquiner, der sich wegen halsbrecherischer Überholmanöver auf der Außenspur bereits vor Jahren den Spitz-namen »por fuera« (außen) verdiente und den englischen Begriff »outside« mit einer symbolisierten Zielscheibe zu seinem Markenzeichen erkor.

Man kann »por fuera« aber auch als »happening«, wild, ein bisschen exzentrisch übersetzen. Jorge Lorenzo hat diesen Ruf über Jahre hinweg aufgebaut, als Krieger mit Goldhelm, Derwisch mit Luftgitarre, als GP-Sieger und 250er-Weltmeister, der selbst im Mannesalter mit den Lutschern seines ersten Sponsors Chupa-Chups auf die Siegerpodeste hüpft. Nach zwei 250er-Titeln mischt er jetzt die Königsklasse auf und gilt nach zwei Trainingsbestzeiten und zwei Podestplätzen in den ersten beiden Rennen bei Enthusiasten bereits als neuer Rossi.

Für die Erfolgsplanungen bei Yamaha – Rossi-Siege in der Gegenwart, Lorenzo für die Zukunft – kommen die Husarenstückchen des 21-jährigen Haudegens viel zu früh, weshalb Rossi mit Lorenzo das tut, was er mit gefährlichen Gegnern schon immer getan hat: Er ignoriert ihn und vermeidet auch bei gemeinsamen Auftritten jedes unnötige Wort an die Laus, die ihm da in den Pelz gesetzt wurde.

Nur, dass Lorenzo diese Art der Miss-achtung wenig anficht. Er sieht die Konkurrenten »quasi schwarz angemalt«, ohne Rang und Namen also. Einschüchterungsversuche prallen an ihm ab. Im Kampf mit seinem großen Teamkollegen steht es derzeit eins zu eins: Konnte Rossi in Qatar mit seinen Bridgestone-Reifen nicht mithalten und fiel, von Lorenzo ordentlich abgeledert, auf den fünften Platz zurück, so hielten Lorenzos Michelins in Jerez nicht durch. Sein infernalisches Trainingstempo entpuppte sich im Rennen als Strohfeuer, Rossi schlug zurück und wurde Zweiter. Das Gewicht des Steins, der Rossi da vom Herzen fiel, lässt sich an seiner geballten Faust bei der Siegerfeier erahnen.

Freilich kämpft Lorenzo noch an einer anderen Front – gegen seinen Landsmann Dani Pedrosa nämlich. Beide sind Volkshelden – die sich gegenseitig aus tiefstem Herzen verabscheuen. So schlug Pedrosa die von Lorenzo angebotene Hand nach dem Abschlusstraining in Jerez demonstrativ aus. »Warum tust du das?« hakte Lorenzo nach. »Weil du öffentlich schlecht über mich redest«, konterte Pedrosa.

Im Rennen behielt der oft schüchtern und verschlossen wirkende Pedrosa die Oberhand, was das Verhältnis zwischen ihm und Lorenzo auch nicht verbesserte. Seiner Majestät Don Juan Carlos I., dem in Spanien hoch verehrten König, gelang es nur mit Mühe, die beiden auf dem Podest zum Handschlag zu bewegen.

Viel tiefer war die Zuneigung, die Lorenzo seinem Regenten bei der Pokalübergabe zeigte: Er zwinkerte Seiner Majestät zu, als seien sie seit Jahren alte Freunde.

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