MotoGP in Estoril/Portugal (Archivversion) Springinsfeld

Von der seelenlosen Fahrmaschine mit peinlichen Auftritten zum Sympathieträger: Jorge Lorenzos mehr als nur sportlicher Aufstieg aus der 250er- in die MotoGP-Klasse.

Jorge Lorenzo gewinnt einen Grand Prix, rammt in der Auslaufrunde seine schwarze Fahne mit der Aufschrift „Lorenzos Land“ irgendwo ins Kiesbett, macht mit grimmiger Weltuntergangsmiene noch ein paar andere Faxen – billigste Nachahmungen der Späße, die sich der junge Valentino Rossi schon vor Jahren bei ähnlichen Gelegenheiten ausgedacht hatte.

Solche Aktionen führten in den vergangenen zwei Jahren regelmäßig dazu, dass sich Medienvertreter wie auch die allermeisten Rennfans, so sie nicht gerade verblendete spanische Landsleute Lorenzos waren, peinlich berührt oder gelangweilt abwandten, obwohl Jung-Schnösel Lorenzo rein sportlich betrachtet fast alles richtig gemacht hatte: Immerhin war er 2006 und 2007 zweimal 250er-Weltmeister geworden. Trotzdem wurde er mit seiner überheblichen Art weder zum Liebling der Szene noch des Publikums. Da war ja das wortkarge, maschinengleich agierende Vollgastier Daniel Pedrosa, Lorenzos spanischer und deshalb logischer Erzrivale, noch eher auszuhalten.

Nach dem MotoGP-Rennen von Estoril 2008 rammte Lorenzo erneut seine Konquistadoren-Fahne in den Kies, aber dieses Mal war alles anders. Fahrerlager und Fans, einfach alle freuten sich mit ihm. Der 20-Jährige hatte gerade sein erstes Rennen in der Königsklasse überlegen gewonnen. Fast wäre in Vergessenheit geraten, dass er erst zu Saisonbeginn aus der 250er-Klasse aufgestiegen war und bisher nicht mehr als drei MotoGP-Rennen bestritten hat – nachdem er dreimal per Trainingsbestzeit Startposition eins erobert hatte.

Vor allem jedoch war plötzlich der rüpelhafte Youngster Lorenzo vergessen. Die 42000 Fans in Portugal erlebten einen fröhlichen, offenen, lockeren Jorge Lorenzo, der Autogrammjägern ebenso wenig aus dem Wege ging wie den internationalen Medienvertretern, die sich neuerdings für ihn interessieren. Was sich bereits bei den ersten beiden MotoGP-Events in Qatar und Jerez angedeutet hatte: Jorge Lorenzo ist über den Winter in seiner Persönlichkeit gereift, fast in dem Maße, wie der Hubraum seines Arbeitsgeräts von 250 auf 800 cm³ angewachsen ist.

Seine Auftritte sind weiterhin selbst-bewusst und eigensinnig. Doch mittlerweile wirkt selbst die Eroberergeste mit der Fahne nach gewonnenem Rennen überhaupt nicht mehr dümmlich-peinlich. Wenn er mit seinem spanischen König Juan Carlos schäkert wie bei der Siegerehrung in Jerez oder dem Kollegen im Yamaha-Werksteam, dem Hyperstar und siebenfachen Weltmeister Valentino Rossi, den er gerade vernichtend geschlagen hat, gönnerhaft den Rücken tätschelt, strahlt Lorenzo heute unbelastete Souveränität aus, wo noch vor kurzem härteste Verbissenheit herrschte.

Wer offenbar gar nicht mit dem neuen Jorge Lorenzo zurechtkommt, ist Daniel Pedrosa. Der Honda-Werksfahrer, als Zweiter in Estoril im Rennen ohne Siegchance und in der WM-Tabelle punktgleich mit Lorenzo an der Spitze, ist zumindest neben der Rennstrecke ein schüchterner, fast scheuer Zeitgenosse, der die große böse Welt lieber meidet. Er hat offenbar massive Probleme damit, dass ausgerechnet jetzt, wo er endlich nach dem MotoGP-Weltmeister-Titel greifen will, ein anderer, noch jüngerer Spanier nicht nur im Weg steht, sondern sich auch immer breiter macht.

Das frühere Wunderkind Pedrosa zettelte einen Kleinkrieg mit dem Emporkömmling an, der allerdings, sicher auch zur großen Überraschung von Señor Pedrosa, vom Neuling cool weggelächelt wird. „Zu eventuellen Kontroversen mit Pedrosa kann ich nichts sagen“, grinst Jorge und ist sich auch sonst keiner größeren Veränderung in seinem Verhalten und seiner Weltsicht bewusst. „Ich bin mir immer treu geblieben“, erklärt er, „ich bin eher ein offener Mensch, der manchmal vielleicht zu viel redet und gelegentlich eher mal seine Klappe halten sollte. Aber hier ist es wie mit allen Dingen im Rennsport. Mit zunehmender Erfahrung wirst du überlegter und platzt vielleicht nicht immer gleich mit allem raus.“

Die grundsätzliche Wandlung vom Unsympathen zum auch international wahrgenommenen neuen MotoGP-Sympathieträger ist damit freilich nicht ausreichend erklärt. Wobei auch Ex-Rennfahrer Daniel Amatriain, der Manager und persönliche Mentor Lorenzos, so tut, als ob sich über den Winter bei seinem jugendlichen Helden nichts Wesentliches verändert hätte. „Es stimmt, Jorge präsentiert sich tatsächlich souveräner und freundlicher als im letzten Jahr, doch das kommt zu 100 Prozent aus ihm selbst“, versucht Amatriain den Verdacht auf etwaige von außen gesteuerte Image-Korrekturen zu zerstreuen, „er ist einfach ein kleines, aber entscheidendes bisschen älter und reifer geworden. Und er merkt natürlich auch, dass dieser Schritt ihm in jeder Hinsicht gut tut, sportlich, menschlich vor sich selbst und ebenso in der Außenwirkung.“

Jorge Lorenzo schaut also fröhlich lächelnd zu, wie die Rolle des bösen Buben in der MotoGP-Welt allmählich auf seinen Erzfeind Pedrosa übergeht, zumal der sich ganz offenbar nicht gerade leicht tut, damit umzugehen. Und ganz egal, ob bei Lorenzo pünktlich zum MotoGP-Aufstieg die pubertäre Trotzphase zu Ende gegangen ist oder ob Manager Amatriain vielleicht doch ein außerordentlicher PR- und Marketing-Stratege ist: Jorge Lorenzo sowie dem gesamten MotoGP-Zirkus steht die Rolle des unbekümmerten, fröhlichen und insbesondere siegreichen Junghelden ganz hervorragend. Dagegen sieht sogar Weltmeister Casey Stoner, selbst erst 22 Jahre alt, plötzlich schon fast wie ein farbloser Altmeister aus. Und auch Superheld Rossi.

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