MotoGP in Jerez de la Frontera/E (Archivversion) "Die Angst ist besiegt"

Als Führender der MotoGP-WM zog Jorge Lorenzo zu seinem Heim-Grand-Prix nach Jerez, angriffslustig, wie ein Spanier dort nur sein kann. MOTORRAD-GP-Reporter Friedemann Kirn hat sich vor dem Rennen mit dem 22-Jährigen unterhalten – und danach, als er zum tragischen Helden geworden war.

Endlich Frühling. Endlich Grand Prix von Jerez. Schon vor Tagesanbruch hupen und trommeln die Fans ungeduldig von den Naturtribünen. Als ihre Helden losbrausen, wird das mit 123240 Zuschauern gefüllte Stadion zum Hexenkessel. Dani Pedrosa stürmt mit Blitzstart in Führung, reißt sofort eine Lücke auf. Seine kaum ausgeheilte Knieverletzung, fehlende Wintertests, Fahrwerkssorgen, die von den im Vergleich zu Michelin steifer konstruierten Bridgestone-Reifen stammen und auf die Honda bislang nur mit Stückwerk reagiert – nichts kann den kleinen Spanier bei seinem Heimspiel aufhalten.

Sein spanischer Erzrivale Jorge Lorenzo liegt nach kurzem Scharmützel mit Valentino Rossi dagegen nur an vierter Stelle, und auch das ist eine Überraschung. Eine Woche zuvor hat der 22-Jährige in Japan einen grandiosen Sieg errungen, hatte Rossi, Pedrosa und Casey Stoner mit den gleichen Reifen niedergekämpft und die WM-Führung erobert. Beflügelt vom Erfolg in Motegi, legte Lorenzo in Jerez gleich mit der Pole Position nach.

? Jorge, welcher MotoGP-Sieg war schöner, Ihr allererster vor einem Jahr in Portugal oder der nun in Motegi?

Diese Chance gibt es jetzt beim Heimspiel seltsamerweise nicht. Lorenzo dreht einsame Runden, die Kampfszenen um die Podestplätze spielen sich unerreichbar weit vor ihm ab. Rossi bremst erst Casey Stoner aus, einmal, zweimal, bevor er den Ducati-Star abschütteln kann. Dann macht der Weltmeister Jagd auf Pedrosa, unbeirrt von dessen Vorsprung, weil er weiß, dass die Honda den Hinterreifen früher vernichten wird als seine Yamaha. Nach zwei Renndritteln ist auch Pedrosa gestellt, und Rossi führt mit dem nächsten Ausbremsmanöver vor, wie flink sich die Yamaha durch kleinste Lücken fädeln lässt.

Nur Lorenzos Motorrad liegt nicht wie gewünscht, und so werfen sich Fragen auf, die Lorenzo eigentlich schon in Japan beantwortet zu haben glaubte.

? Wie haben Sie die Umstellung von Michelin- auf Bridgestone-Reifen bewältigt?

? Stimmt es, dass man für die Bridgestone-Reifen mehr Gewicht am Hinterrad braucht und deshalb etwas an Gefühl für den Vorderreifen verloren geht?

Vor allem jener nicht, den Lorenzo am Rennsonntag in Jerez montiert hat. Schon in der Aufwärmrunde fehlt das Feedback von den Reifen, Lorenzo spürt drohende Rutscher. Und weiß noch nicht, wie er den Zwei-Sekunden-Rückstand auf Stoner gutmachen und den dritten Platz auf dem Siegerpodest erreichen soll.

? Wie gewinnt man gegen Typen wie Rossi und Stoner?

Am Mut liegt es nicht, denn den hat Lorenzo nach den Rückschlägen und Verletzungen im letzten Jahr wiedergefunden.

? Nach Ihren schweren Stürzen im letzten Jahr hatten Sie einige Zeit Angst vor dem Fahren. Wie haben Sie die überwunden?

? Hat Ihnen irgendetwas oder irgendwer bei diesem Prozess geholfen?

Deshalb schaltet Lorenzo in Jerez doch noch auf Angriff, etwa zu jenem Zeitpunkt, an dem Rossi im Stadion an Pedrosa vorbeigeht. Obwohl die Reifen schon nachzulassen beginnen, werden Lorenzos Rundenzeiten schneller und die Schräglagen tiefer. Ganz langsam kommt Lorenzo näher an Stoner heran, 60, 50, dann 40 Meter, setzt alles auf eine Karte.

? Was für ein Ziel haben Sie sich beim Heim-Grand-Prix gesetzt?

Rang zwei oder drei ist vielleicht noch ein Genuss, dieser vierte Platz indes gewiss nicht. Lorenzo will unbedingt aufs Podest, schon allein deshalb, weil auch sein Paradegegner dort oben stehen wird.

? Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Freund Dani Pedrosa?

Die Konkurrenz zu Pedrosa stachelt Lorenzo an, er spürt die Erwartungen des Publikums. Vor allem aber hat er ein Kämpferherz, das ihm die Knochenbrüche der vergangenen Jahre nicht haben brechen können. Dieses Herz nimmt er nun in beide Hände – etwa so wie Jonas Folger im Rennen der 125er-Klasse. Nach einem Motorschaden im Training auf den letzten Startplatz zurückgeworfen, hatte der bayerische Teenager im Rennen mit Fabel-Rundenzeiten das gesamte Feld von hinten aufgerollt, kämpfte mit Pol Espargaro in der vorletzten Runde um den unglaublichen zweiten Platz – und übernahm sich dann in der Spitzkehre vor der Zielgeraden. "So wie der reingestochen ist, habe ich gleich gesehen: Jetzt scheppert’s", berichtete Augenzeuge Sandro Cortese. "Mist – es hätte ein Podest sein können", sagte Folger selbst, sah den Verlauf des Schicksals jedoch etwas anders. "Als ich auf Pol Espargaro und Marc Marquez auflief, wollte ich mich vorbeibremsen, war bereits auf der Ideallinie, aber dann ist der Espargaro von der Seite gekommen, hat mich berührt. Und mir ists Vorderradl weggerutscht. Es freut mich aber trotzdem, dass ich gezeigt habe, dass ich vorne mithalten kann. Es war wirklich der Wahnsinn. In den schnellen Kurven war ich schneller als die anderen, auch beim Bremsen war ich stark, und so habe ich step by step jede Runde ein paar Gegner geschnappt."

Während Jonas Folger bei seinem Sturz Espargaro torpedierte, rutscht Jorge Lorenzo einsam und ohne Feindberührung ins Aus. Fünf Runden vor Schluss des Rennens ist sein Kampf in der Motorsport-Arena von Jerez abrupt zu Ende, und für eine Weile sinkt auch die Moral.

? Jorge, hatten Sie bei der Jagd nach Casey Stoner womöglich etwas zu wenig Angst?

Doch Stürze gehören nun mal zum Motorrad-Rennsport. Der Blick auf die WM-Tabelle schmerzt, die den eigentlich schon abgehängten Pedrosa jetzt punktgleich mit Lorenzo führt. Ein spanischer Journalist klopft Lorenzo auf die Schulter, sagt, dass er immer noch der Beste ist, dass es richtig war, sein Glück zu versuchen, dass er trotz des Missgeschicks sehr stolz er auf ihn ist.

So stolz, wie die deutschen Fans auf Jonas Folger sein können.

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