MotoGP: Italien feiert WM-Titel Ducati-Fans im Titel-Fieber

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"Warum kann der den Titel nicht bei einem europäischen Grand Prix holen?" grummelt Giuseppe aus einem Dorf im Apennin. „Dann hätte ich nicht in aller Herrgottsfrühe aufstehen müssen." Früh ist es tatsächlich: Um die Live-Übertragung vom Moto-GP-Rennen aus Japan ja nicht zu verpassen, drängeln sich rund 1000 Fans schon um sechs Uhr an diesem Sonntagmorgen vor dem Ducati-Werk im Bologneser Stadtteil Borgo Panigale. Auf dem Parkplatz hat Ducati eine Großbildleinwand installiert, versorgt die fröstelnden Motorradfahrer bei kühlen zehn Grad im Morgengrauen mit heißem Espresso und frischem Gebäck. „Hoffentlich lohnt es sich überhaupt“, meint Giuseppe zweifelnd. Vom neunten Startplatz aus geht Ducati-Pilot Casey Stoner ins Rennen, vor Rossi muss er ins Ziel kommen, um sich den WM-Titel schon jetzt, wo noch die Moto-GP-Läufe in Australien, Malaysia und Valencia ausstehen, zu sichern.

Es soll sich lohnen, aber das wissen die Ducatisti und die zahlreichen Mitarbeiter des Werks, die gemeinsam den Triumph ihrer Leib- und Magenmarke erleben wollen, zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ducati und Stoner machen es spannend, tauchen ihre Fans in ein Wechselbad der Gefühle. Zwar geht es gut los, denn Stoner legt einen Superstart hin und liegt zunächst vor Rossi. Aufgeregtes Tröten, Böller krachen, immer wieder brandet Applaus auf, lachend und schulterklopfend bereitet man sich bereits auf den Triumph vor. Doch ganz allmählich wird es stiller, denn Rossi holt sichtbar auf, zieht schließlich 13 Runden vor Schluss an Stoner vorbei. Die Menge vor dem Werk versinkt in trübsinniges Schweigen, ein paar Fans wenden sich bereits von der Leinwand ab.

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Doch halt, in Japan passiert etwas: Das Rennen wurde mit Regenreifen gestartet, nun trocknet die Strecke ab, immer mehr Piloten fahren an die Box und wechseln das Motorrad. Ducati-Pilot Loris Capirossi ist unter den Ersten, was sich als kluge Taktik herausstellen soll. Doch zunächst herrscht Chaos, weder die Fans vor dem Werk noch die Kommentatoren des italienischen Fernsehens blicken noch durch. Wer führt, und wo, zum Teufel, ist Stoner? Nach turbulenten Minuten stellt sich heraus, dass Capirossi an erster Stelle liegt. Ein Mega-Applaus brandet auf. "Das hat er echt verdient", seufzt Christina aus Bologna. „Das und noch mehr.“ Bei aller Liebe zur Marke: Dass Capirossi im nächsten Jahr nicht mehr für Ducati, sondern für Suzuki fährt, haben die Fans noch nicht verschmerzt.

Doch zurück zur Leinwand: Wo ist Stoner? Relativ weit hinten, Achter oder Neunter, sagen die Kommentatoren aus Japan, während Rossi nach dem Boxenstop als Zweiter auf die Strecke zurückkehrt. Wieder sinkt die Stimmung in den Keller. Bis die Kamera einen Rossi zeigt, der langsamer wird und nochmals in die Boxengasse einschwenkt. Nun brandet erstmals echter Jubel auf, doch dann herrscht atemlose Spannung – noch glauben die Fans nicht so recht an den Sieg. "Hoffentlich reicht das Benzin", stöhnt Bruno aus Rimini.

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Erst, als Stoner um exakt 7.48 Uhr Ortszeit den Zielstrich überfährt, entlädt sich die Spannung. Sechster ist er nur geworden, sein schlechtestes Ergebnis in diesem Jahr. Doch egal, Rossi ist nur 13. und somit mathematisch chancenlos. Die Fans fallen einander um den Hals, schwenken Fahnen, lassen die Sektkorken knallen. Auf der Wand des Fabrikgebäudes entfaltet sich ein Transparent: „Ducati und Stoner: WELTMEISTER“. Der Triumphmarsch aus Aida wird über Lautsprecher eingespielt, und als per Übertragung aus Japan dank des Sieges von Capirossi die italienische Hymne ertönt, kennt der Jubel keine Grenzen mehr. Inzwischen ist das ganze Viertel Borgo Panigale erwacht, Nachbarn kommen vorbei, um sich der Siegesfeier anzuschließen. Irgendwo in der Menge lassen sich die Ducati-Bosse feiern, alte wie neue: Neben dem neuen Ducati-Chef Gabriele del Torchio hat sich auch sein Vorgänger Federico Minoli eingefunden, einer der Väter des Erfolges: "Dass eine so kleine Firma wie Ducati die versammelten Japaner schlägt, ist schier unfassbar", sagt Minoli sichtlich gerührt. Und dass Ducati diesen Triumph ausgerechnet in Montegi einheimst, auf der Hausstrecke von Honda, gefällt sowohl dem alten wie dem neuen Boss ganz besonders.

Vom Bologneser Bürgermeister und vom italienischen Wirtschaftsminister treffen schon bald Gückwunschbotschaften ein, das italienische Fernsehen bringt zur Feier des Tages Sondersendungen über den Hersteller aus Bologna, die Tageszeitungen hieven den Triumph am nächsten Tag selbstredend auf den Titel und bringen ganze Extras über das Ereignis. "Italien kann stolz sein", titelt die Gazzetta dello Sport, der lokale Corriere dello sport spricht vom "welmeisterlichen Bologna" und selbst die seriöse Repubblica lässt sich zu einem "ciao ciao, Japaner" hinreißen. Der Resto del Carlino verdeutlicht den Triumph mit einem Rechenexempel: „Auf ein Motorrad, das Ducati produziert, kommen 360 Motorräder von Honda. Und trotzdem sind wir besser!“ Ein wahrer Triumph für das ganze Land sei der Sieg von Ducati, da sind sich alle einig, ein Hoffnungssigal für die italienische Technologie und für die Universitäten, für das "made in Italy" schlechthin. Und ein Kommentator versteigt sich sogar zu der Formulierung: "Die Welt muss uns dankbar sein – denn wir Italiener sind es, die ihr die wahren Helden schenken." Auch wenn Stoner Australier ist: Am Tag eines großen und historischen Erfolges ist so Manches erlaubt.

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