MotoGP-Tests: Yamaha gegen Honda (Archivversion) Chefsache

Yamaha verlässt sich im Kampf um den MotoGP-WM-Titel auf einen einzigen Superstar, Honda auf eine bunte Truppe. Womöglich zu bunt, wie Beobachter Mick Doohan befürchtet.

Toni Elias starrte auf die Blasen an seinen Händen. Dann hielt er den Kopf vor den Ventilator in seiner Yamaha-Box und rollte erschöpft die Augen. »Sechs Tage Tests in gut einer Woche. Das geht in die Knochen«, seufzte der kleine Spanier, der von seinem Sponsor Fortuna um der Werbung willen vorzeitig von der 250er-
in die MotoGP-Klasse versetzt worden war. »Das Fahren macht Spaß, doch die Umstellung ist gewaltig. Eine MotoGP-Maschine fordert dich in jedem Moment mit deiner ganzen Konzentration und bis zur letzten Muskelfaser.« Drei Tage Malaysia, drei Tage Australien, an die 500 Runden, und am Schluss verlor Elias immer noch rund drei Sekunden auf die Bestzeit.
Siegverdächtig präsentiert sich auch Ruben Xaus noch nicht. Landsmann und Teamkollege von Elias, hatte sich der
Spanier mit viel Talent, viel Mut und spektakulären Stürzen in der MotoGP-Szene etabliert. Weil sie völlig anders zu fahren
ist als die Ducati Desmosedici, die er zuvor gesteuert hatte, eröffnete ihm die Yamaha YZR-M1 ihre Geheimnisse vorläufig ebenfalls nicht. Fortuna-Yamaha steht klar im Schatten – vor allem in dem des eigenen Bruder-Teams in Gauloises-Lackierung.
Dort trägt Colin Edwards seit dem Wechsel von Honda ein breites Grinsen im Gesicht. »Ich bin jetzt schon schneller
als beim Grand Prix letztes Jahr auf der Honda. Dort haben wir uns bei der Abstimmung im Kreis gedreht, hier machen wir
jeden Tag Fortschritte«, bestätigte er nach den Tests in Australien, bei denen er bis auf eine halbe Sekunde an Rossi herangekommen war.
Am Thron des Weltmeisters wird er dennoch nicht rütteln, weil alle Neuentwicklungen bei Yamaha auf Megastar
Valentino Rossi zugeschnitten werden. »Das Fahrwerk ist besser geworden«, bemerkte Rossi, der bei den ersten Wintertests noch über mangelnde Handlichkeit geklagt hatte, in Phillip Island dann aber Bestzeit vorlegte. »Das Motorrad lässt sich flinker umlegen, ohne dass die Stabili-
tät darunter gelitten hätte.« Nun müssten die Techniker am Motor arbeiten. »Die
Zielgerade hier in Phillip Island deckt Unterschiede bei der Leistung schonungslos auf. Auf die Honda fehlen uns immer noch sechs bis acht km/h.«
Yamaha und Honda hätten sich verbessert, doch er sei trotzdem mal wieder einen Schritt voraus, grinste Rossi zum Schluss mit Genugtuung. »Die Kombination aus Cheftechniker Jerry Burgess und Valentino Rossi wird auch in diesem Jahr schwer zu schlagen sein. Egal für wen«, prognostizierte Zaungast Mick Doohan.
Freilich trugen die wichtigsten Honda-Teams in Australien ebenfalls eitel Zuversicht zur Schau, nachdem sie dem
Weltmeister bei den Rundenzeiten dicht auf den Pelz rücken konnten. Nur eine Zehntelsekunde fehlte Nicky Hayden, nur zwei Zehntel büßte Max Biaggi ein, der
ein enormes Pensum absolvierte und in drei Tagen auf Phillip Island 309 Runden drehte. Auch Sete Gibernau gab sich keine Blöße: Am zweiten Test-Tag stanzte er
mit der Konstanz eines Computers eine Superzeit nach der anderen in den Asphalt. Michelin-Rennleiter Nicolas Goubert verfolgte das Spektakel von der Boxenmauer und rieb sich vor Vergnügen die Hände, weil er die jüngsten Vorstöße von Bridgestone hatte parieren können.
Neben einem neuen Wunder-Hinterreifen profitierte Gibernau von einer Fahrwerksabstimmung, von der er so felsenfest überzeugt war, dass er den dritten Tag sausen ließ und vorzeitig abreiste. »Ich habe alles getestet und mich für eine Richtung entschieden. Jetzt gibt’s nichts mehr zu tun«, zuckte er mit den Achseln. »Zumal mein Material von einem anderen Team
gebraucht wird...« fügte er hinzu.
Bei diesem Teil drehte es sich wohl um das Chassis. Gibernau war der erste der Honda-Piloten, der ein Fahrwerk aus dem Jahr 2003 hervorkramen ließ, bei dem die progressive Hebelumlenkung nicht über, sondern auf klassische Weise unterhalb der Hinterradschwinge angeordnet war. Plötzlich war das gefürchtete Chattering eingedämmt, plötzlich gab es bei der
Abstimmung des Federsystems den lange vermissten Spielraum. Biaggi probierte erst alle anderen Möglichkeiten durch, bevor er es Gibernau nachmachte.
Was die gute Laune im Honda-Lager weiter steigerte, war das Husarenstück von Makoto Tamada: Bei den Australien-Tests von einem schweren Sturz eingebremst, legte er in Malaysia und später in Qatar jeweils eine furiose Bestzeit hin
und kündigte an, den beiden Siegen
2004 in dieser Saison eine Reihe weiterer folgen zu lassen. Lediglich der von Yamaha ins Gresini-Team übergewechselte
Marco Melandri und die beiden Camel-
Piloten Troy Bayliss und Alex Barros hinken noch etwas hinterher.
Starke Piloten hat Honda also in Hülle und Fülle. Wer im Kampf gegen Rossi allerdings das Heft in die Hand nehmen soll, ist völlig offen – und das könnte 2005 wieder zum gleichen Kannibalismus führen, mit dem sich die Honda-Piloten schon 2004 gegenseitig zerfleischt hatten. »Honda muss sich, wie zu meiner Zeit, wieder für einen Fahrer entscheiden. Das Problem: Valentino ist derzeit der einzige Pilot, der eine solche Last schultern kann«, legte Mick Doohan den Finger in die Wunde.
Momentan sieht es so aus, als würden die Karten für Sete Gibernau gemischt. Das bislang eherne Credo, das Repsol-Honda-Team sei das einzige offizielle Werksteam und habe deshalb einen Führungsanspruch, wird weiter aufgeweicht. Nachdem Gibernau bereits technisch mit Biaggi und Hayden auf eine Stufe gestellt wurde, deutet sich nun auch eine politische Gleichstellung an: Repsol will sich dem Vernehmen nach von seiner Rolle als Hauptsponsor
eines einzigen Top-Teams verabschieden und sich künftig als technischer Ausrüster, womöglich mehrerer Teams, präsentieren. Damit wäre der Tisch für Gibernau und
Telefonica MoviStar gedeckt.

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