MotoGP-Tests (Archivversion) Starker Sprung

Valentino Rossi wagte mit seinem Wechsel von Reifenhersteller Michelin zu Bridgestone einen Sprung ins Ungewisse – und kann sich nach den ersten Testfahrten über eine weiche Landung freuen.

Die kleine Version des Absprungs ins Ungewisse passierte bei 70 km/h. Gleich nach dem Rausfahren aus der Boxengasse der malaysischen Grand-Prix-Strecke Sepang, zwischen erster und zweiter Kurve, überforderte Valentino Rossi seine frischen Reifen und erlebte den ersten Highsider der neuen MotoGP-Saison. »Ich war so locker und es passierte so plötzlich, dass mir sofort der Lenker aus den Händen rutschte«, schmunzelte der Doktor, der für einen Moment mit weit gespreizten Beinen wie ein Tanzakrobat über seiner Yamaha schwebte. Rossi blieb unverletzt und setzte das Programm der ersten, dreitägigen Testfahrten ohne weitere Zwischenfälle fort.

Auch bei seinem großen Abflug ins Unbekannte setzt Rossi zu einer weichen Landung an. Überhöhte Erwartungen, unwägbare Risiken und enormer Erfolgsdruck wurden mit dem Wechsel von Michelin- zu Bridgestone-Reifen heraufbeschworen, den Rossi mit eiserner Faust erzwungen hatte. Doch das Risiko war kalkuliert: Der siebenfache Weltmeister wusste genau, auf was er sich einließ, wo er gewinnen und wo er verlieren würde. »Die Bridgestone-Reifen funktionieren genau so, wie ich es erwartet und bei anderen Fahrern beobachtet habe«, hatte er trotz einer Handverletzung schon bei den ersten Tests in Jerez im November 2007 festgestellt.

«Unsere Reifen scheinen im Aufbau steifer zu sein und verleihen der Yamaha damit mehr Stabilität und Lenkpräzision. Das ist etwas, was Rossi bei etlichen Bridgestone-Piloten gesehen und auch von Michelin gefordert, aber nie erhalten hat«, erklärte der deutsche Bridgestone-Renndienstleiter Thomas Scholz. »Auch die überlegene Traktion beim Beschleunigen mit halb und ganz aufgerichteter Maschine entsprach seinen Vorstellungen. Wo Michelin noch Vorteile hat, ist der seitliche Grip beim Abwinkeln und in voller Schräglage.« Es ist kein Zufall, dass die Bridgestone­Piloten 2007 auf vielen schnellen, flüssigen Pisten die Nase vorn hatten, am Sachsenring mit seinen langen, ineinander übergehenden Kurvenradien aber eine empfindliche Niederlage einstecken mussten.

Was den Bridgestone-Technikern besonders auffiel, war Rossis Hang zu besonders harten Gummimischungen. Schon im Spätherbst von Jerez, wo Bridgestone angesichts kühlerer Asphalttemperaturen nur weiche und mittlere Mischungen dabei- hatte, ließ Rossi die Trucks nach den härtesten verfügbaren Reifen durchkämmen. »Dass Rossi mit so harten Reifen zurechtkommt, liegt an seinem außergewöhnlichen Können. Er bewegt sich konstant im Grenzbereich, aber so gut wie nie darüber hinaus. Bei ihm gibt’s die Ups und Downs der anderen Piloten nicht«, verriet »2D«-Datarecording-Spezialist Dirk Debus.

«Steife Karkasskonstruktion, sehr stabi­les Fahrverhalten – das entspricht meinem Fahrstil«, bestätigte Rossi nun auch öffentlich. »Ich verwende eine harte Federung. Zusammen mit harten Reifen vorn und hinten bekomme ich genau das Feeling, das ich mir versprochen hatte.«

Bridgestones Desinteresse an 16-Zoll-Reifen, die bei Michelin in letzter Zeit wieder verstärkt in Mode sind, stört Rossi dabei wenig. »Michelin steckt viel in die Entwicklung der 16-Zoll-Reifen, Bridgestone nicht. Doch meiner Meinung nach sind 16-Zoll-Reifen für die 800er sowieso nicht der richtige Weg. Sie bieten mehr Traktion bei weniger seitlichem Grip, was vielleicht für die 990er taugte – doch bei den 800ern sind Kurvenspeed und Schräglage gefragt, ein Pluspunkt der 16,5-Zöller.«

Den einzigen klaren Vorteil hat Michelin bei einzelnen, schnellen Qualifikationsrunden. »Wenn Michelin-Fahrer Qualifikationsreifen aufziehen lassen, gewinnen sie sofort eine Sekunde. Wir dagegen sind bislang nur wenig schneller. Des Rätsels Lösung ist einfach: Michelin hat Qualifyer für beide Räder, Bridgestone nur fürs Hinterrad. Ich ziehe den Hut vor Stoner, dass er es letztes Jahr trotzdem meist in die erste Startreihe geschafft hat«, erklärte Rossi. »Vorderrad-Qualifier stehen auf meiner Wunschliste daher auch ganz oben.«

Die meisten anderen Wünsche sind bereits in Erfüllung gegangen. So bestand der neue Yamaha-M1-Reihenvierzylinder mit pneumatischer Ventilsteuerung seine Bewährungsprobe in der Hitze von Malaysia perfekt. Nachdem der erste Prototyp beim Misano-GP im September 2007 vor Zehntausenden entsetzter Valentino-Fans einem Defekt im Zylinderkopf zum Opfer gefallen war, hatte Yamaha mit technischer Schützenhilfe von Toyota einen komplett neuen Pneumatik-Ventiltrieb entwickelt. Jetzt glänzen die Aggregate nicht nur durch mustergültige Zuverlässigkeit, sondern auch mit dem nötigen Speed. Laut Rossi fehlen zu den schnellsten Ducati zwar immer noch fünf km/h, doch immerhin wurde der Rückstand spürbar reduziert.

Ein neues Chassis macht das Motorrad außerdem handlicher und flinker bei schnellen Richtungswechseln. Verbesserte elektronische Fahrhilfen schließlich erleichtern vor allem das Einbiegen in die Kurve. »Letztes Jahr war das Motorrad schwer zu kontrollieren, wenn ich etwas zu schnell an einer Kurve ankam. Bei meiner Renn­simulation hier habe ich kein einziges Mal die Ideallinie verpasst, die Rutschkupplung hat problemlos und stets vorhersehbar funktioniert«, urteilte Valentino, der sich nach dem schweißtreibenden Marathon in brütender Tropenhitze erst einmal einen Eisbeutel auf den Kopf setzte.

Vier Yamaha in den Top acht, das stellte den Ingenieuren ein bravouröses Zeugnis aus. »Als Team sind wir die Stärksten«, konstatierte Rossi befriedigt – und wischte die schnelleren Zeiten des drittplatzierten Jorge Lorenzo und von Colin Edwards auf Rang vier mit einem eleganten Verweis auf deren Michelin-Qualifyers beiseite.

Viel Teamgeist ist bei Yamaha freilich nicht zu spüren. Colin Edwards leistet zwar nach wie vor viel Testarbeit und probierte das neue Chassis beispielsweise am zweiten Tag gründlich aus, bevor es Rossi dann an Testtag drei einsetzte. Doch zwischen Rossi und seinem eigentlichen Yamaha-Werksfahrerkollegen Jorge Lorenzo kann von Kommunikation keine Rede sein. Weil der 250er-Weltmeister auch auf der MotoGP-Maschine tüchtig Gas gibt und seinem berühmten Stallgefährten nach Kräften auf der Nase herumtanzt, wird er von Rossi ostentativ ignoriert. Bei einem Foto-Studiotermin in Italien wechselte Rossi ­beispielsweise kein Wort mit Lorenzo.

An den Rennstrecken kommt es sowieso nicht zum Gespräch. Die Yamaha-Box mit Lorenzo und Michelin-Reifen auf der einen sowie Rossi und Bridgestone-Pneus auf der anderen Seite ist zweigeteilt wie Berlin vor 1989, inklusive Grenzbewachung. Als einer der Lorenzo-Mechaniker sich bei den Malaysia-Tests kurz auf die Rossi-Seite verirrte, dauerte es nur Sekunden, bis er nach einem ärgerlichen »Was machst du da?« wieder hinausgeworfen wurde. Lorenzo hat auf dem Weg nach oben nur Vorjahresdaten von Rossi und Edwards zur Verfügung – den Rest muss er sich selbst erarbeiten.

Erstmals in seiner MotoGP-Karriere ­residiert Rossi in seiner eigenen Box und zimmert nicht nur an einer neuen Welt – technisch, sportlich und persönlich. Nach dem Steuerskandal des vergangenen Som­mers hat sich Rossi von seinem bisherigen Manager Gibo Badioli und der Firma Great White London getrennt und sucht sich derzeit eine neue Crew seines Vertrauens zusammen. Im Kampf mit den Finanzbehörden glätten sich die Wogen, es wird allerdings noch um die Höhe der fälligen Nachzahlung gefeilscht. »Allmählich entwickle ich mich zum Steuerexperten«, gewann Rossi auch diesem düsteren Kapitel seine guten Seiten ab.

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