MotoGP-Vorsaisontests in Barcelona/E und Jerez/E (Archivversion) Vorspiel

Letzte Gelegenheit, vor dem WM-Start noch mal das Optimum aus den neuen Motorrädern herauszukitzeln: Bei den offiziellen MotoGP-Tests in Barcelona war Yamaha haushoch überlegen. Eine Woche später in Jerez schlug die Konkurrenz zurück.

Valentino Rossi gähnte, rieb sich die Augen und wirkte, als sei er eben erst aufgestanden. Eine Stunde nach allen anderen Piloten stieg der Weltmeister bei den offiziellen MotoGP-Vorsaisontests in Barcelona am ersten März-Wochenende schließlich in den Sattel seiner Camel-Yamaha. Dann dauerte es genau sechs Runden, bis er die Spitze der Zeitentabelle erklommen hatte. Dort blieb er auch bis zum verregneten Sonntag, an dem er bei tückischen Bedingungen im traditionellen Kampf um den BMW-Award von der Piste rutschte. Glücklicherweise war ja noch der Kollege da. Colin Edwards sprang in die Bresche und sicherte sich den BMW Z4 Roadster mit einer klaren Bestzeit in dem 40-minütigen Rennen gegen die Uhr. Das Yamaha-Werksteam war, alles in allem, drückend überlegen.

Eine Woche später in Jerez freilich, bei der ultimativ letzten Generalprobe, bevor dort am 26. März die WM-Saison beginnt, dämpfte hartnäckiges Chattering die Begeisterung. Michelin hatte über den Winter eine neue Generation von Hinterreifen entwickelt, die noch breiter ist, bei maximaler Schräglage mehr Aufstandsfläche und mehr Grip bietet und Kurvengeschwindigkeiten fast wie mit einer 250er erlaubt. Bis dahin war Yamaha gut mit den neuesten Michelin-Pneus zurechtgekommen; jetzt in Jerez allerdings passte nichts mehr.

Und damit hatten auch die Konkurrenten ihre Chance – vor allem jene, die auf Bridgestone-Reifen unterwegs waren. Suzuki-Fahrer Chris Vermeulen wurde beispielsweise Neunter – auch weil auf dem winkligen Jerez-Kurs eine Schwäche überdeckt wurde, die der brandneuen, mit allerlei elektronischen Fahrhilfen gesegneten Suzuki GSV-R unverändert anhaftet: zu wenig Leistung, zu wenig Topspeed. Dass Geschwindigkeit jedoch nur eine von vielen Komponenten ist, bewies Kawasaki-Star Shinya Nakano. In Barcelona war er mit über zehn km/h Rückstand erstaunlicher Dritter, in Jerez legte er noch eins drauf, stürmte an Tag zwei sogar die Tabellenspitze und behauptete am Ende wieder Rang drei. Zu verdanken war dies der neuen, vollständig in Japan entwickelten ZX-RR. Um das Motorrad so einfach und effizient wie möglich zu machen, wurde mit Elektronik-Hilfen sparsam umgegangen. So funktioniert die Rutschkupplung fürs Hinterrad, im letzten Jahr elektronisch kontrolliert, nun wieder mechanisch.

Just die elektronische Steuerung für die Motorbremswirkung entpuppte sich bei den Barcelona-Tests noch als Pferdefuß des Ducati-Teams. »Es gibt keine Bremszone, bei der ich vorher weiß, wie das System reagieren wird«, stöhnte Sete Gibernau. In Jerez war das Problem aber gelöst: Loris Capirossi holte gleich am ersten Tag die Bestzeit vor Gibernau, am dritten Tag waren sie sowohl mit Qualifikations- als auch mit Rennreifen von Bridgestone überlegen. Capirossi schraubte den inoffiziellen Rundenrekord auf 1.39,411 Minuten.
Auf einen solchen Durchbruch wartet Honda bislang vergebens. Rang sieben und acht als beste Platzierung an den beiden trockenen Tagen in Barcelona war niederschmettend, Rang vier von Dani Pedrosa in Jerez immer noch nicht genug, um Entwarnung zu signalisieren. Außerdem fährt Marco Melandri, Ende letzten Jahres noch als Rossi-Herausforderer gefeiert, seit dem Eintreffen seines neuen Motorrads hinterher. Honda setzte den Motor bei der so genannten Kundenmaschine höher, um das Motorrad so agil zu machen wie eine 250er. Doch dafür wurde die RC 211 V schwieriger zu fahren und abzustimmen.
Auch im offiziellen Repsol-Werksteam ist für Nicky Hayden das ultimative Siegermodell noch nicht gefunden. Wenn es
fertig ist, soll Dani Pedrosa ebenfalls ein
solches Motorrad erhalten. Derzeit wird die Maschine des kleinen Spaniers mit allen Mitteln auf leichte Fahrbarkeit getrimmt – von einer leichter dosierbaren Kupplung bis hin zu einem flexibleren Chassis.
Neben der MotoGP-Klasse, die als Königskategorie das meiste Publikums-interesse auf sich ziehen wird, dürften
die 125er-Rennen aus deutschsprachiger Sicht durchaus spannend sein. Dazu trägt Titelverteidiger Tom Lüthi allerdings eher unfreiwillig bei: Der Schweizer brach sich bei einem Sturz in Barcelona das linke Schlüsselbein, musste die Jerez-Tests sausen lassen und hofft, bis zum GP-Auftakt von den Ärzten das Zeugnis »fit to race« zu bekommen. Während Lüthi den ersten Trainingstag in Barcelona als Viertschnellster beendete, reichte es für seinen neuen deutschen Teamkameraden Sandro Cortese für Rang 16, womit der Schwabe zufrieden war – genauso wie mit den Plätzen neun und 14 in Jerez eine Woche später.
Das KTM-Juniorteam mit Stefan Bradl und Michael Ranseder zeigte die erwar-
tete homogene Leistung. In Barcelona, wo beide 2005 als Wild-Card-Fahrer beim Grand Prix starteten, blieb der Bayer Bradl knapp vor seinem österreichischen Kollegen: Bradl erreichte an den beiden Tagen die Plätze 24 und 31, Ranseder wurde zweimal 33. In Jerez drehte der den Spieß um und blieb vor seinem jüngeren Kollegen – der aber im Gegensatz zu Ranseder noch nie zuvor ein Rennen auf dieser Strecke
bestritten hatte.

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