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Finale: Motorradrennen auf der Skipiste.

Zur Abkühlung: Motorradrennen auf der Skipiste Snow Speed Hill 2016

Alle sind sie gekommen. Der Reitbauer-Peter, der Stocker-Daniel, der Scheiflinger-Christian und die übrigen knapp 170 Gipfelstürmer, die beim Snow Speed Hill im österreichischen Pichl die Reiteralm "aufi" donnern.

Stopp, Widerspruch. Das mit der Gaudi hören sie beim veranstaltenden MSC Reiteralm nicht so gerne. „Naa, des is ned nur a Gaudi“, sagt der MSC-Pressebetreuer, der Erhardt-Franz. „Wir hoam Top-Athleten doa.“ Top-Athleten? Na ja, sagt Erhardt, immerhin zähle ein Sieg beim Snow Speed Hill etwas in der Motorrad-Szene. Er meint wohl: in der österreichischen Motorrad-Szene.

Erhardt steht im Startbereich, links neben der Reiteralm-Talstation, und schaut nach oben: 550 Meter Piste (Bezeichnung: „Grande Finale“), von den Pisten-Bullis schön plan präpariert, bis 40 Grad steil. Das mit den Top-Athleten stimmt insofern, als das Marcel Hirscher hier war. Hirscher, Österreichs Vorzeige-Skirennläufer, trainierte auf der Grande Finale für die beiden Weltcup-Riesenslaloms in Hinterstoder. Hirscher kommt öfter auf die Grande Finale. Die Motorrad- und Skidoo-Piloten nur einmal im Jahr, zu diesem Snow Speed Hill.

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"Oaber goanz so oifach ist des ned"

Das Spektakel funktioniert nach einem einfachen Muster: Jeweils sieben bis neun Mann stellen sich unten in Motocross-Manier nebeneinander auf. Das Startband springt hoch, alle rasen den Berg rauf. Die ersten drei kommen eine Runde weiter, der Rest muss in den Hoffnungslauf. So geht das, bis zum Finale.

„Oaber goanz so oifach ist des ned“, sagt der Stocker-Daniel, der das Snow Speed Hill Race mehrfach gewonnen hat. Es beginne, so Stocker, immer mit der einen Frage: „Welche Linie ist diesmal die schnellste? Eher links, wie im Jahr zuvor? Oder ist diesmal, da der Schnee härter ist, die Spur ganz rechts außen besser?“

Wenn die Presse einen kompetenten Gesprächspartner verlangt, dann empfehlen sie beim MSC Reiteralm den Stocker-Daniel. Der 41-Jährige fuhr einst die Enduro-WM, bei den Six-Days war er dabei, hatte auch einen Werksvertrag von KTM. Der Marke ist er treu geblieben: Er nutzt eine 560er-Supermoto, vom Tuner seines Vertrauens verfeinert. Stocker verrät, worauf es beim Motorrad ankommt. Erstens Power – je mehr, umso besser. Zweitens: Gewicht – je weniger, umso besser. Deshalb sucht man beim Snow Speed Hill, anders als bei den sommerlichen Hillclimb-Rennen, Vehikel mit extralangen Schwingen vergebens. Das würde nur schwer und träge machen. Leicht und stark, das zählt hier.

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Spikes sind strengstens verboten

Darüber hinaus kommt den Reifen entscheidende Bedeutung zu. Denn Spikes sind strengstens verboten. Reiteralm-Freaks wie Stocker wissen, dass es im Grunde nur einen Reifen-Typ gibt, mit dem man hier gewinnen kann. Welcher genau? Stocker stockt. Ob er’s verraten soll? Doch fast jeder hier im Fahrerlager weiß Bescheid, also rückt er heraus: „Mitas, der C10 oder der C12.“ Der Mitas, für Schnee und Schlamm konzipiert, verfügt über eine extrem weiche Gummimischung. Der Schlüssel zum Erfolg. In diesem Jahr hat sich Stocker für den C12 entschieden, weil dessen Profil eine größere Auflagefläche hat als das des C10. Angesichts des harten und eisigen Schnees ein Vorteil, glaubt Stocker. Und weil er es perfekt machen wollte, hat er dem Mitas C12 zusätzliche Lamellen reingeschnitten, von Hand. Stunden hat er dran gesessen.

Die Geschichte des Snow Speed Hill begann 2003. Es war eine Handvoll steirischer Spezis aus dem Raum Schladming-Pichl, die gelegentlich abends, nach Pisten-Schließung, mit ihren Motorrädern die Reiteralm hochbrausten. Zum Vergnügen der Ski-Touristen unten in der Kuhstall-Après-Ski-Bar. Die machten große Augen, denn die verrückten Locals fuhren mit ihren Bikes dort hoch, wo sie selbst auf Skiern kaum heil runterkamen. „Wir dachten uns: Wenn die Leute so viel Spaß dran haben – dann lasst uns ein richtiges Rennen machen“, erzählt der Erhardt-Franz, einer der Männer der ersten Stunde. Sie gründeten den MSC Reiteralm, und 2006 fand es statt: das erste offizielle Snow Speed Hill.

Startplätze nach wenigen Minuten vergeben

Welch enormer Beliebtheit sich der Reiteralm-Event erfreut, wird alle Jahre wieder bei der Einschreibung deutlich. Auf der Website des Vereins zählt eine Uhr die Zeit bis zur Eröffnung der Einschreibefrist herunter. Sekundengenau. Am 13. Januar 2016 um 9.00 Uhr war’s dann so weit. Fünf Minuten später waren alle 170 Startplätze vergeben. Die allermeisten der knapp 600 Piloten, die sich einschreiben wollten, hatten das Nachsehen.

Das Snow Speed Hill ist ein Spaß unter Flutlicht. Training ab 17.30 Uhr, Vorläufe ab 18.30 Uhr, Finalläufe ab 20.00 Uhr. Zuvor noch die Fahrerbesprechung: 170 Mann in Rennklamotten warten im Fahrerlager, oberhalb im Schnee steht der Pürstl-Hans, Präsident des MSC Reiteralm, und gibt die Benimmregeln aus. Ganz wichtig: „Legt’s immer schee die Umweltmatten unter eicherne Motorradeln!“ Die Aufseher, von der Umweltanwältin des Bundeslandes Steiermark geschickt, dürfen auf keinen Fall verärgert werden.

Hat Präsi Pürstl seine Ansprache beendet, wird’s ernst. Ein Lauf nach dem nächsten startet, ein Stakkato an Rennen, die Piloten preschen „aufi“ und zuckeln danach im Schritttempo links neben der Piste wieder „oabi“ (runter). Aufi-oabi, aufi-oabi, irgendwann verliert der Beobachter den Überblick: Ist das jetzt ein Hoffnungslauf oder noch ein Vorlauf? Sei´s drum, Hauptsache Action. Frische Bergluft? Nicht an diesem Abend.

Dann das Ergebnis: Der Stocker-Daniel hat alle niedergerungen. Später, auf der zünftigen Party im Fahrerlager, gehen dann aber noch mal alle richtig steil.

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