Motorradsport in der Türkei (Archivversion) Orient-Express

Motorräder und Motorradsport in der Türkei: Im Gegensatz zur Formel 1 ist sowohl
der türkische Motorradmarkt wie auch der Rennsport noch ausbaufähig.

Mit der Türkei steht neben
Qatar ein weiterer GP-Termin an einem exotischen Schauplatz im
Kalender. Ist das Motorradspektakel auf der erst dieses Jahr im August mit dem Formel-1-GP eingeweihten Strecke am äußersten östlichen Rand des Stadtgebiets von Istanbul besser aufgehoben als in der Wüste?
Motorräder, zumal Supersportler, die auf ein Interesse am Thema schließen lassen könnten, sind im türkischen Straßenbild eher die Ausnahme. Was nicht daran liegt, das
Fireblade & Co. am Bosporus schwer zu beschaffen wären, selbst eine
MV Agusta F4 1000 S war hinter der Haupttribüne ausgestellt. Eher schon daran, dass derartige Maschinen
für türkische Normalbürger kaum
erschwinglich sind. Das monatliche Durchschnittseinkommen liegt bei umgerechnet 540 Euro, eine Suzuki GSX-R 1000 schlägt mit 14400 Euro zu Buche, ist somit fast 1500 Euro teurer als in Deutschland. Dagegen ist die BMW K 1200 S für weniger
als 12000 Euro fast schon ein
Schnäppchen – verglichen mit den
15000 Euro, die in Deutschland dafür aufgerufen werden. Bei rund 69
Millionen Einwohnern wird unter den
Türken eine Zielgruppe von 600000 Interessenten für Motorräder über 400 cm3 Hubraum geschätzt. Das sind meist gut verdienende junge Städter, an die pro Jahr um 1200 Maschinen hauptsächlich als Freizeitgerät verkauft werden. Der Bestand an zugelassenen Motorrädern über 400 cm³ soll bei 8000 liegen – in der gesamten Türkei.
Unübersichtlicher und wesentlich umfangreicher ist der Markt für kleine Motorräder und Scooter, die als alltägliche Transportmittel eingesetzt werden. Aber knapp 5000 Euro für einen 250er-Suzuki-Cruiser sind immer noch sehr viel Geld in der Türkei, zumal das fast ebenso hübsche Pendant aus chinesischer Fertigung bereits für rund 2000 Euro zu haben ist. »Ich glaube, es gibt hier fast 50 verschiedene chinesische Motorradmarken«, sagt Kenan Sofuoglu, als Vizemeister des Superstock-1000-FIM-Cup einziger türkischer Rennfahrer von internationalem Rang, dessen Bruder Sinan, ebenfalls Racer, in Adapazari, 140 Kilometer östlich von Istanbul, einen Motorradladen betreibt und im letzten Jahr 480 China-Bikes von Jinlun absetzte.
Die schwierige wirtschaftliche Lage der Türkei – zuletzt konnte
die Inflationsrate und damit die andauerende Verteuerung von Konsumgütern auf knapp über 18 Prozent gesenkt werden – lässt den Leuten keine andere Wahl, als jede Lira zweimal umzudrehen, bevor sie ausgegeben wird. Was beim Kauf eines China-Motorrads zu sparen ist, geht schnell für den Betrieb drauf: Ein Liter Super bleifrei kostet stramme 1,64 Euro, da lief es selbst den zwischenzeitlich
an hohe Spritpreise gewöhnten deutschen Besuchern beim Tanken kalt den Rücken runter. Die Eintrittspreise für den Istanbul-Grand-Prix reichten von knapp zehn Euro (Stehplatz am Sonntag) über rund 30 Euro (billigster Sonntags-Sitzplatz ohne Blick auf
Videowände) bis 250 Euro (Topticket) – Inhaber dieser Karten durften mit dem Wagen quasi auf ihrem Tribünenplatz parken, da können selbst die als superbequem geltenden Amis noch etwas lernen.
Die Formel-1-Hysterie der Türken, durch den Bau der Rennstrecke angefacht und zum Renntag auf
einem Höhepunkt angelangt, der mit 100000 Besuchern für ein beispielloses Verkehrschaos sorgte, machte das Autospektakel zum Erfolg – die türkischen Autofahrer, von denen jeder sich für den besten der Welt hält, wollten einfach sehen, was die internationale Konkurrenz drauf hat.
Dieser Effekt war beim Motorrad-GP nicht zu erwarten. Gerade einmal 40 Straßenrennfahrer gibt es in der Türkei, von denen sich die Hälfte in der Supersport-600-Klasse herumtreibt, die nochmals in vier Kategorien von »Profi« bis »blutiger Anfänger« unterteilt ist. »Je nachdem wie es läuft, fährt nach einem Rennen jeder, der ins Ziel kam, mit einem Podestplatz heim«, spottet Kenan Sofuoglu,
dessen Bruder die Klasse nach Belieben beherrscht. Das 600er-Rahmenrennen am Grand-Prix-Wochenende gewann Sinan Sofuoglu mit
22 Sekunden Vorsprung vor dem Zweitplatzierten.
Doch selbst unter diesem Aspekt waren die 14351 Besucher, die zum Istanbul-GP anreisten, ein niederschmetterndes Ergebnis. »Veranstalter und Föderation haben wirklich alles für dieses Rennen getan, ganz Istanbul hängt voll mit Plakaten«,
ärgerte sich Kenan Sofuoglu, der in den Tagen zuvor selbst von TV-Interview zu TV-Interview geeilt war, um Reklame zu machen. Für ihn besonders tragisch: Wenn seine Landsleute ordentlich Interesse am Motorradsport gezeigt hätten, wäre der türkische Verband wohl bereit gewesen, ihm beim geplanten Einstieg in die Superbike-WM 2006 finanziell unter die Arme zu greifen. So, wie
es jetzt aussieht, wird Sofuoglu den Helm mangels Budget wohl an den Nagel hängen müssen. abs

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