Nachwuchs-Star Ken Roczen (Archivversion) Ken-Zeichen

Motorrad-Fans und -Industrie sind sich einig: Deutschland braucht einen neuen Motorradsport-Star. Warten alle unbewusst auf Ken Roczen? Der Zwölfjährige mischt gerade die nationale Cross-Szene auf - Markenzeichen ist seine spektakuläre Luftakrobatik.

Die Bundesstraße 87 führt von Weimar nach Apolda. Am Straßenrand Plattenbauten, Fast-Food-Filiale, Tanke – danach geht es rechts ab, hinein in ein altes Gehöft, das an der Motocross-Piste von Mattstedt liegt. Zwei Lausbuben sitzen auf einer Bank, über die Wiese stolziert eine mächtige, schwarze Dogge. »Der Kenny?« antworten beide Jungs auf die entsprechende Frage gleichzeitig, »der schläft um diese Zeit noch.« Im gleichen Moment,
die Uhr zeigt kurz nach zehn an diesem Morgen in den Osterferien, biegt ein weiterer junger Bursche ums Eck. Kapuzenpulli, offenes Gesicht, wache Augen. »Hallo, ich bin der Ken.« Sagt’s und jagt mit den
beiden Jungs und der Dogge gleich wieder davon, um Fangen zu spielen.
Ken Roczen – der Name wird Roxen gesprochen – wurde am 29. April 1994
in Apolda in Thüringen geboren und gilt aktuell als das begnadetste Talent im
Motocross-Sport. Mit zweieinhalb Jahren das erste Mal motorisiert unterwegs, fuhr er mit drei Jahren sein erstes Rennen in der Cross-Halle von Rottleben. Es markierte den Anfang einer Laufbahn, bei der Ken, gemessen an seinen Konkurrenten, meistens der Jüngste, der Kleinste, aber auch der Schnellste war – und ist.
Ken fuhr schon früh gegen internationale Konkurrenz, bald eilte ihm sein Ruf voraus. 2004 kam mit zehn Jahren der
Einstieg in die deutsche Junioren-Meisterschaft bis 85 cm3. Er wurde jüngster Meister aller Zeiten und wiederholte seinen Erfolg 2005 mit Leichtigkeit. Bei der international ausgeschriebenen und auch besetzten Serie ADAC-MX-Junior-Cup erreichte Ken vergangene Saison, knapp geschlagen, den zweiten Platz – gegen deutlich
ältere Konkurrenten, die im körperlich entsprechend überlegen sind. Was bei Kens derzeitiger Körpergröße von 145 Zenti-
metern und 37 Kilogramm Gewicht kein Kunststück ist. Am Start eines Rennens stützt er sich auf Holzblöcke, weil seine Beine nicht bis zum Boden reichen. Fehlende Körperkraft gleicht er mit Technik und unglaublichem Siegeswillen aus. Wie beim Abschlussrennen des MX-Junior-Cups in Teutschenthal. Geschwächt durch eine Erkältung, musste er anhalten und sich übergeben. Der Gesamtsieg war damit futsch, aber Ken verlor mit Anstand. Wobei er nicht gerne verliert.
Logisch, dass ein solches Talent nicht unbeachtet bleibt. So bekam, sicher zum ersten Mal in Deutschland, ein Elfjähriger einen Vertrag über fünf Jahre. Suzuki International Europe und ein Team von weiteren Sponsoren schnürten ein komplettes Paket, um ein einziges Ziel zu erreichen: Ken auf schnellstem Weg in die Weltmeisterschaft der großen Jungs zu führen.
Die Tür zur Wohnküche des Elternhauses fliegt auf, und Ken stürmt sichtlich erhitzt herein. »Boaah, hab’ ich einen Durst«, meint er nur und stürzt einen Riesenbecher Orangensaft hinunter. In Windeseile wieder vor der Tür, liefert er sich das nächste Laufduell mit seiner dreijährigen Dogge
namens Blacky und entschwindet über das Hofgelände in Richtung Rennstrecke.
Für die Eltern von Ken bleibt das Leben mit ihrem Wunderkind eine Gratwanderung. Neider und Kritiker treten auf den Plan. Ist das alles seriös? Ist die Last auf den Schultern des kleinen Kenny zu groß? Kann ein so langfristiger Plan überhaupt mit einem Kind durchgezogen werden?
Mit der Schulbehörde gibt es inzwischen einen Kooperationsvertrag, um Fehlzeiten zu kompensieren und größtmögliche Flexibilität zu gewährleisten. Dazu wurden
penibel die Lernziele vereinbart, die Ken erreichen muss. »Er soll mindestens den Realschulabschluss machen«, sagt Mutter Steffi resolut. »Das dauert ja dann noch ein Jahr länger«, knurrt Papa Heiko.
Einerseits ist den Eltern eine gute Erziehung wichtig, der Sohnemann soll nicht verwöhnt werden. Andererseits genießt Ken viele Freiheiten. Einen Trainingsplan gibt es nicht, braucht es bei dem Bewegungsdrang des Jungen allerdings auch nicht. Ken tut, wozu er Lust hat. Freunde sind ihm sehr wichtig, mit ihnen Blödsinn zu machen und Spaß zu haben, lange aufzubleiben und natürlich Sport.
Im Mittelpunkt steht der Knirps immer, und er weiß es. Suzuki ist in den elterlichen Cross-Betrieb eingestiegen, im Hof steht ein riesiges Wohnmobil. Eigene Mechaniker, Fernsehauftritte, unzählige Rennen fahren, das ist sein Leben. Letztes Jahr
ist er in den USA gestartet, und den Amis fiel ob seiner ausgereiften Fahrweise die Kinnlade herunter. Die Ergebnisse waren wegen einiger Stürze mäßig, was jedoch von manchem sogar eher als Vorteil
gewertet wurde: Draufgänger Ken muss
ab und an auch mal eingebremst werden.
US-Superstar Ricky Carmichael lässt ihn
seitdem jedenfalls regelmäßig grüßen und spricht Einladungen für Trainings aus.
Es ist kurz vor drei, Kenny treibt der Hunger zurück ins Haus: »Jetzt hätte ich Bock auf was Ungesundes.« Er steht auf Hühnerkeule und vor allem auf Thüringer Bratwurst. »Aber nicht so Leichenfinger«, fügt er lächelnd hinzu. Kaum stehen die Würste auf dem Tisch, ist er schon wieder Richtung hauseigener Piste unterwegs. Stillsitzen ist einfach nicht sein Ding.
Wenn er könnte, würde er nur noch Viertakter fahren. Lässig kickt er die Suzuki RM-Z 250 an und hämmert davon. Kreuz und quer benutzt er die Strecke, macht Wheelies, driftet über die Wiese und haut über dem längsten Sprung auf der Strecke Whips raus, wie man sie in Deutschland nur selten zu sehen bekommt. Whips, das sind die Flugeinlagen, bei denen das
Motorrad waagrecht in der Luft liegt. Mit den anderen Kollegen, die noch auf der Strecke fahren, albert er herum, begrüßt alle ihm bekannten Zuschauer persönlich. Es ist eindeutig – er ist der Chef, und alle sind irgendwie stolz auf ihn, haben Spaß dabei, ihm zuzuschauen.
Wenn alles klappt, fährt Ken 2009 mit den dazu erforderlichen 15 Jahren in der Topliga des Offroad-Sports. Und selbst wenn das nicht im ersten Anlauf klappt – dieser Typ wird seinen Weg machen.

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