Nachwuchsförderung bei KTM (Archivversion) Flügel-Stürmer

Dass der Mangel an deutschsprachigem Rennsportnachwuchs ein Naturgesetz sein soll, wollte KTM nicht einsehen. Die Oberösterreicher machten sich auf ihren eigenen Weg, beflügelt von Geld- und Ideengeber Red Bull. Der Erfolg gibt den Partnern Recht.

Wo kommen die kleinen Rennfahrer her? Trotz der Vielfalt schlauer Phi-losophien und teilweise hochkomplexer Konzepte gibt es derzeitig nur eine gültige Antwort auf diese Frage: Sie kommen von selbst und damit per Zufall – oder eben nicht. Alex Hofmann, bis 2005 weit und breit einziger deutscher MotoGP-Held, Superbike-WM-Hoffnung Max Neukirchner und auch die beiden 250er-GP-Dauermitläufer Dirk Heidolf und Steve Jenkner sind Beispiele privater Einzelinitiativen.
Ihr Sprungbrett in den internationalen Rennsport waren nicht die offiziellen Nachwuchsförderungsprojekte des Deutschen Motor Sport Bundes DMSB oder des ADAC, der zuletzt zusammen mit dem deutschen Honda-Importeur den Red-
Bull-Rookies-Cup-to-MotoGP startete. Der Cup, ein intelligentes Konzept aus Spanien, das leider nicht konsequent übernommen wurde, verschwand nach drei Jahren von der Bildfläche ohne nennenswerte Auswirkungen auf die Nachwuchssituation im deutschen Motorradsport. »So war’s geplant«, begründet ADAC-Motorsportpräsident Hermann Tomczyk. Geplant war freilich auch, so junge deutsche Talente in den Grand-Prix-Sport zu bringen. Das Ziel wurde nicht erreicht.
Bestenfalls ein kleiner Mann mit großem Namen sprang aus der gescheiterten offiziellen Förderung heraus. Der inzwischen 15-jährige deutsche 125er-Meister Stefan Bradl, Sohn des 250er-Vizeweltmeisters von 1991, Helmut Bradl. Bradl
junior wäre aber ebenfalls sehr gefährdet gewesen, in der Reihe der zeitweiligen Rookie-Helden wie Georg Fröhlich, Joshua Sommer, Meik Minnerop und Matti Seidel zu verschwinden, hätte er nicht mit dem österreichischen Motorradhersteller KTM rechtzeitig einen tat-, zug- und finanzkräftigen Partner gefunden.
Das KTM-Junior-Projekt, vom kon-
genialen Haus-und-Hof-Sponsor Red Bull mitgetragen, setzt auf eigene, weitgehend verbandsunabhängige Initiative. Ex-Motocross-Weltklasse-Mann Pit Beirer, bei KTM im Rennquartett mit seinen beiden Ex-
Motocross-Kollegen Heinz Kinigadner und Kurt Nicoll sowie Straßensport-Direktor Harald Bartol für die Betreuung der Meister von morgen zuständig, stellt unmissverständlich klar: »Wir wollen Erfolg versprechenden Fahrern aus dem deutschspra-
chigen Raum die Chance bieten, im internationalen Rennsport voranzukommen.«
Zu diesem Zweck steht die alpenländische Armada in Orange wohl geordnet da: Ganz oben das 125er- und ab der Saison 2006 auch das 250er-Grand-Prix-Werksteam, die um Siege mitfahren sollen. Dahinter das 125er-Junior-GP-Team mit den beiden deutschen Meistern Michael Ranseder aus Österreich (2004) und Stefan Bradl (2005), sowie das 125er-IDM-Team, das 2006 mit dem 15-jährigen Schweizer Randy Krummenacher und dem 14-jährigen deutschen Robin Lässer antreten wird.
Die Auswahl und der Aufbau der Fahrer ist Sache der vier KTM-Sport-Granden.
Auf jeden Fall aber werden auch künftig KTM-Junior-Fahrer direkt aus dem Meer der jugendlichen Angreifer herausgefischt. Größere Sichtungsveranstaltungen oder gar ein Markenpokal als Unterbau sind jedoch nicht vorgesehen. »Dazu fehlt uns einfach das Geld und auch die Struktur. KTM ist eine Firma mit 1600 Mitarbeitern, und wir betreiben neben dem Straßen-Team auch noch in unserem eigentlichen Kernbereich Offroad- und Motocross-Werksteams mit insgesamt 40 Fahrern«, nennt Pit Beirer erstaunliche Zahlen, »außerdem geben die bisherigen Erfolge der Burschen unseren Auswahlkriterien Recht.«
Tatsächlich geht es bei KTM um weit mehr als um den schnellen sportlichen Erfolg der Youngsters. »Wir erhöhen für die Saison 2006, hervorgerufen durch den GP-Einstieg von Ranseder und Bradl mit einem völlig neuen Team, unseren finanziellen Einsatz um mehr als den Faktor drei. Das ist eine Investition, die längerfristig angelegt ist«, rechnet Beirer vor. Bei 600000 Euro lag das Saisonbudget des IDM-Teams 2005. Für die GP-Junior-Struktur wurde ein Budget von rund 1,5 Millionen Euro be-
reitgestellt. Zusammen mit dem Team der IDM-Kids Krummenacher und Lässer, wei-
terhin unter der bewährten Führung von Ex-Rennfahrer Konrad Hefele, bewegt das KTM-Jugendzentrum starke zwei Millionen Euro. »Davon tragen wir mehr als die Hälfte selbst, der Rest kommt überwiegend von Red Bull«, teilt Beirer mit.
Die Verbindung KTM-Red-Bull geht dabei klar über ein einfaches Sponsor-
engagement hinaus. Beirer weiter: »Red Bull ist auch konzeptionell am Junior-Projekt beteiligt, am deutlichsten zu sehen ist dies an der Bereitstellung von Red-Bull-
Diagnostics.« Hinter diesem Begriff verbirgt sich ein Trainings-, Diagnose- und Reha-
bilitationszentrum in Thalgau bei Salzburg, zu dem alle von Red Bull unterstützten Sportler jederzeit Zugang haben. »Wir erarbeiten dort unter der Leitung des Sportmediziners Dr. Bernd Pansold zusammen mit allen unseren Werksfahrern Trainingspläne, die sie physisch und psychisch
voranbringen sollen«, erklärt Pit Beirer, »dreimal im Jahr werden die Athleten im Zentrum gecheckt. Vor allem bei den Junio-
ren wächst die Einsicht, dass Motorradrennfahrer auch Sportler sind und entsprechend körperliche und mentale Fitness brauchen. Etwas, was ältere Racer nicht so recht wahrhaben wollen.«
Tatsächlich sehen die Red-Bull-Diagnosticer in ihren Motorsportlern die Sorgenkinder. »Motorsportler haben bedeutend schlechtere Trainingsleistungen als andere Athleten«, urteilt Diplom-Sportlehrer und Ex-Skirennläufer Martin Pfeiffenberger, stellvertretender Leiter des Zentrums, hart. Und: »Man muss allerdings auch klar stellen, dass zumindest die körperlichen Ansprüche vergleichsweise gering sind. Aber gerade deswegen haben die Motorrad-
Junioren eine große Chance, sich im
Ausdauerbereich und bei den Konzentrationsleistungen mit relativ einfachen Mittel große Vorteile gegenüber ihren Konkurrenten zu erarbeiten.«
Zu diesem Zweck wurde bei Red-Bull-Diagnostics von der Hauspsychologin ein über zweieinhalbstündiges Trainingsprogramm zur Konzentrations- und Koordinationsförderung entwickelt. »Seit ich hier trainiere, habe ich in Sachen Konzentration und Koordination die größten Fortschritte gemacht«, bestätigt Ranseder, der fast täglich nach Thalgau kommt.
Beste Voraussetzungen also für den weiteren erfolgreichen Weg der KTM-Junioren. Vielleicht auch die Antwort auf die Eingangsfrage: Deutschsprachiger Rennsport-Nachwuchs kommt aus Österreich – selbst, wenn er einen deutschen oder einen Schweizer Pass besitzt.

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