Porträt Christian Hefenbrock (Archivversion) Das Rennen vom Ziel zum Start

Kaum ist die Zielflagge gefallen, hat es Christian Hefenbrock erst recht eilig. Der 21-jährige Deutsche ist Speedway-Profi, hetzt von Termin zu Termin – 131 Starts waren für die Saison 2006 geplant. MOTORRAD-Mitarbeiter Thomas Schiffner versuchte eine Woche lang, mit ihm Schritt zu halten.

Sonntagmorgen, 1.05 Uhr. Die Autobahn nach Berlin ist leer. Aber meine Augenlider werden von Kilometer zu Kilometer schwerer. 585 hat der Kilometerzähler schon registriert, noch etwa 30 sind es bis zu meinem ersten Etappenziel Liebenthal. Das Handy klingelt – zum dritten Mal heute Nacht. »Wann kommst du?« Die sorgen- und etwas vorwurfsvolle Frage stellt Christian Hefenbrock. 21 Jahre, Brandenburger, Abiturient. Beruf: Speedway-Fahrer. Ich begleite »Crischie« in den nächsten sieben Tagen und Nächten bei der Arbeit und muss mich an die Spielregeln für Speedway-Profis halten. Nummer eins: Komme nie zu spät!
Im nicht nur nachts menschenleeren Liebenthal, einem 500-Seelen-Nest südwestlich von Wittstock, erwartet mich ein dreiköpfiges Empfangskomitee: Christian, Papa Jörn und Mechaniker Steffen Höppner. Sie verstauen eilig mein Gepäck in dem zum Motorhome ausgebauten Mercedes Sprinter, und los geht’s:
Ziel ist Czestochowa, das ehemalige Tschenstochau in Polen.
Auf Hefenbrocks Terminplan steht um 19.00 Uhr das Rennen der 1. polnischen Liga, Czestochowa gegen Rzeszow. Das Rennen am 30. Juli ist Nummer 73 der Saison 2006. Weitere 58 Veranstaltungen werden folgen.
Der Club Zlomrex Wlokniarz Czestochowa ist »Hefes« Arbeitgeber. Genauer gesagt einer von vieren: Außer im polnischen Speedway-Oberhaus verdient er sein Geld in der britischen Elite-League bei Wolverhampton, in den schwedischen Eliteligen bei den Luxo Stars und hin und wieder in der 1. deutschen Speedway-Bundesliga beim MC Bergring Teterow.
3.00 Uhr. Wir haben bei Cottbus die Grenze nach Polen überschritten. Christian hat sich in seine Koje zurückgezogen, Steffen schnarcht eine Etage tiefer, Jörn Hefenbrock fährt, und ich soll ihn mit Monologen wach halten. »Wir müssen in Czestochowa sein, bevor die Hitze kommt. Der Club hat für 15 Uhr ein Training angesetzt. Das dürfen wir nicht verpassen«, erklärt er seine Eile und die Hintergründe für die Regel Nummer zwei jedes Speedway-Profis: Widersprich nie einem polnischen Speedway-Offiziellen!
Um 14 Uhr treffen wir im komplett modernisierten Stadion von CKM Zlomrex Wlokniarz ein: eine reine Speedway-Arena, 20000 Zuschauerplätze, ausnahmslos Sitzplätze. Der Standard ist mit dem der Fußballarenen in München oder Auf Schalke vergleichbar. Finanziert haben den Drift-Tempel die Stadt und Sponsor Zlomrex. Zlomrex ist drittgrößter Stahlproduzent der Welt und unterstützt wie viele andere polnische Großunternehmen Speedway, weil das in Polen die populärste Sportart ist – weit vor Fußball.
Im Stadion ist niemand, außer Trainer Jan Krzystaniak. Der hat für »Hefe« Sondertraining angeordnet, damit der deutsche Junior im Team seinen Schnitt für Czestochowa von 3,5 Punkten pro Rennen bald auf 4,5 steigern kann. Ein Punkt mehr kann ausschlaggebend für einen Tagessieg des Teams sein. Für diesen einen Punkt mehr sind polnische Speedway-Clubbosse bereit, alles einzusetzen. Alles heißt alles – tut ein Fahrer nicht, was man von ihm verlangt, kann er gehen. Am gleichen Tag, und zwar für immer. Also tut Crischie, was man von ihm verlangt: Hefe rennt, Runde um Runde Training im menschenleeren Stadion.
Beim Rennen dann ist die Arena mit rund 10000 Menschen gut zur Hälfte gefüllt. Hefenbrock wird vom Teammanager viermal eingesetzt, nicht schon nach dem ersten Juniorenlauf gegen einen polnischen Youngster ausgetauscht. Ein Erfolg: Wer nicht fahren darf, kann nicht punkten. Drei Punkte plus ein Bonuspunkt (den gibt es für Platz zwei in einem Lauf hinter einem Teamkollegen) aus vier Starts sind okay für den Deutschen, der mit Vizewelt-
meister Greg Hancock, dem Australier Ryan Sullivan, dem Polen
Sebastian Ulamek und dem Briten Lee Richardson vier ehemalige oder aktuelle GP-Fahrer neben sich im Team hat. Wichtiger aber: Czestochowa gewinnt das vorentscheidende Rennen gegen
Tabellennachbar Rzeszow und hat gute Chancen, in die Play-off-Runde der Meisterschaft einzuziehen. Die 10000 Fans feiern und stürmen das zum Hochsicherheitstrakt ausgebaute Fahrerlager. Eine Hundertschaft polnischer Girlies überfällt Jung-Profi Hefenbrock. Jörn und Steffen retten Rennmotorräder und Werkzeug in den Transporter, ich versuche, rund um Auto und Hefe das Inventar vor natürlichem Schwund zu bewahren.
Christians Webmaster führt ein Interview mit dem Jungstar. Seine Homepage wird in Polen gepflegt, in polnischer und englischer Sprache. Wer im Speedway was werden will, muss in
Polen bekannt sein. Deutschland ist Drift-Niemandsland.
Nach Mitternacht verabschiedet sich Papa Hefenbrock von seinem einzigen Sohn: Er nutzt die nächtliche Autobahn für den Rückweg nach Liebenthal – die zwei Motorräder müssen für den nächsten Einsatz in Polen gesäubert und überholt werden.
Christian und ich bleiben zurück. Um ein Uhr morgens
checken wir – auf Clubkosten – im Grand-Hotel Czestochowa ein, drei Stunden später ermahnt uns der Hotel-Weckdienst zum Auschecken. Im Taxi vor dem Hotel sitzen die GP-Piloten Greg Hancock und Ryan Sullivan, die heute ihr Ziel mit uns gemeinsam
haben: schnellstmöglich von Polen nach England zu kommen, denn dort steigt um 19.00 Uhr das 74. Rennen der Saison.
Pünktlich bei Ankunft des Wizzair-Flugs Kattowice–London-Luton um 7.10 Uhr englischer Sommerzeit wartet Darren bereits am Check-out auf uns. Darren ist eigentlich Bankmanager eines Callcenters in Indien, aber heute ist er unser Chaffeur, und in
seinem zweiten Job ist er Logistikmanager für Christian Hefenbrock. Darren bucht alle Flüge, bestellt Hotelzimmer, besorgt nach dem Rennen Pizza und das Wichtigste: Darren bringt Hefe von
A nach B – in ganz England und immer pünktlich.
»Ohne Leute wie Darren wäre ich aufgeschmissen«, erzählt mir Crischie auf der Fahrt von London nach Wolverhampton. »Es ist unmöglich, sich um die ganzen Flüge und Buchungen auch noch selbst zu kümmern.« Sagt er und entschwindet für den Rest der Fahrt in seine eigene Traumwelt. Denn die wichtigste Regel für
einen Speedway-Profi hat mir Christian schon am ersten Tag verraten: »Nimm jede Sekunde Schlaf mit, die du kriegen kannst.«
In Wolverhampton, dem Kohlenpott Großbritanniens, angekommen, liefert uns Darren bei Janice und Tony ab. Janice ist Hausfrau und Speedway-Fan. Im Nebenberuf Ernährungsberaterin und Mentaltrainerin. Die nette Dame aus gutbürgerlicher britischer Mittelschicht und in den besten Jahren hat viele Fahrer kommen und gehen sehen und zuletzt Wolverhamptons schwedischen Fahrer Fredrik Lindgren mit Mentaltraining an die Weltspitze herangeführt. Jetzt ist »the German« dran. »Christian ist ein Fahrer, der unbedingt Speedway fahren will und der bereit ist, alles für den Erfolg zu geben.« Besser hätte sie den 1,80 Meter großen Brandenburger in einem Satz nicht charakterisieren können.
Nachdem sie Christian einen von Körnern, Joghurt und
Iso-Getränken geprägten Speiseplan für die nächste Woche zusammengestellt hat, brechen wir auf nach Monmore Green, ins Speedwaystadion von Wolverhampton.
Der Absturz aus dem Drifter-Paradies in Czestochowa in die düstere Black-Country-Speedway-Realität der britischen Midlands ist schockierend: Im Stadion scheint alles seit meinem letzten
Besuch vor 20 Jahren unverändert, auch der Dreck liegt noch in
den Ecken. Kaum 1500 Zuschauer stehen auf der Haupttribüne, und unaufhörlich tröpfelt der sprichwörtliche englische Regen auf die rote Schlacke des 264 Meter kurzen Ovals.
Im Fahrerlager, das kaum größer als mein Wohnzimmer ist, wartet Robby auf uns. Robby heißt richtig Robert Kessler, ist
polenstämmiger Deutscher aus Neuwied, der in Polen Speedway fahren lernte, in Deutschland bis auf Nationalmannschafts-Niveau kam und vor zehn Jahren vom Speedway-Drittland Deutschland ins Mutterland der Stahlschuhartisten zog. Robby fährt in der Premier League für Stoke und kommt auf 30, 40 Rennen im Jahr. Das reicht ihm, denn Elite-League-Clubs wie Wolverhampton bestreiten 65 Matches pro Saison, und bei Elite-League-Fahrer Hefenbrock ist Robby im Zweitberuf Mechaniker. Der 28-Jährige bereitet die zwei britischen Einsatzmotorräder von Hefenbrock vor.
Christians Maschinenpark besteht aus zehn Motorrädern: Zwei sind in England stationiert, zwei in Schweden, zwei in Polen, der Rest steht in Liebenthal zur ständigen Revision und zum Austauschen der hochempfindlichen, kurzlebigen Methanolmotoren.
Wolverhampton fährt heute abend gegen Ipswich – jenem Club, bei dem Tobi Kroner, ein 21-jähriger Emsländer, erst vor
einer Woche als Profi angedockt hat. Tobi ist nun schon der 13. Deutsche, der in den Profiligen von Polen, Schweden oder
England aktiv ist, und außer Kessler ist kaum einer dieser Fahrer älter als 21 Jahre.
Nach dem Rennen der »Wölfe«, das die Hausherren im Regen mit 53:35 deutlich gewinnen, bringt uns Darren in ein Motel nahe London, in dem wir per Vorkasse pro Zimmer 46 Pfund für die Übernachtung vernichten, obwohl wir die Betten nur für drei Stunden und 30 Minuten nutzen. Um 6.00 Uhr the same procedure
as every day: Wecker klingelt, auschecken, Fahrt zum Flughafen Stanstead, einchecken, Flug mit Ryanair nach Stockholm-Skavska, Abholservice am Flughafen und Transfer ins 200 Kilometer entfernte Mallila, der Residenz von Hefes schwedischem Ligaverein »Luxo Stars«. Im Van schlummern neben mir und Hefe
Sebastian Ulamek, Bjarne Pedersen, Hans Andersen, Andreas Jonsson und Tomasz Gollob.
Im Stadion von Mallila angekommen, ergreift den plötzlich hellwachen Hefenbrock die Panik: Die Bahn ist rundherum mit
einer Egge 30 Zentimeter tief aufgepflügt worden. Es ist keine Speedwaybahn mehr, sondern eine Motocross-Strecke. »Das mussten wir machen«, erklärt uns Teammanager Morgan Andersson, »sonst hätten wir keine Chance, heute zu gewinnen.« Denn der Gegner ist Västervik, ein mit vier GP-Piloten gespicktes Topteam. Die Heimfahrer kommen auf der griffig-ruppigen Piste besser zurecht als die Filigrantechniker der Gäste und gewinnen das wichtige Rennen tatsächlich haushoch mit 57:39 Punkten. Der Verlierer indes heißt Hefenbrock. Im ersten Lauf, erste Ecke kriegt er auf dem tiefen Geläuf das Motorrad nicht quer, ein stechender Schmerz schießt ihm durch den rechten Oberarm, und er rollt aus. Crischie versucht es ein zweites Mal, dann gibt er zugunsten des Reservefahrers der Luxo Stars auf. Ein Nerv hat sich im Oberarm eingeklemmt, ein weiterer Start ist sinnlos.
Zwei Stunden später: Das Siegerteam aus Manilla soll den gut 6000 Zuschauern präsentiert werden. Morgan bittet mich, Christian zur Siegerehrung zu holen. Ich finde ihn in der Umkleidekabine. In voller Montur. Da sitzt er und starrt teilnahmslos ins Leere. »Manchmal bin ich vielleicht zu vorsichtig«, sinniert er. »Aber manchmal ist es vielleicht auch gut so«, versucht er seinen Misserfolg zu verarbeiten.
Drei schwere Stürze 2006 mit Gehirnerschütterungen, der
eingeklemmte Nerv in Mallila und permanente Rückenprobleme aufgrund eines Wirbelbruchs im Jahr 2000 sind eine akzeptable, ja unterdurchschnittliche Verletzungsbilanz für einen hauptberuflichen Speedway-Fahrer.
»Bisher hat Christian hier einen Superjob gemacht«, vertraut mir Morgan an. »Aber uns wundert, dass er immer so müde ist, wenn er hier ankommt.« Mich wundert das ob meiner eigenen physischen Verfassung nicht im Geringsten: Die komplette schwedische Liga fährt immer Dienstagabends, 19 Uhr. Die polnische immer sonntags. Crischies englischer Club immer montags. Das sind drei Rennen an drei Tagen in drei Ländern. Von April bis Oktober. Woche für Woche.
Am Morgen nach dem Rennen in Mallila werden Christian und ich mit einem Luxusproblem konfrontiert: Wir haben uns mit der ungewohnten Situation zu arrangieren, nach dem Einchecken im Hotel in Skavska um zwei Uhr nachts erst um zehn Uhr morgens wieder aufstehen zu müssen. Unser Flieger von Schweden nach England soll um 14.00 Uhr abheben.
Die Prozedur von vor zwei Tagen wiederholt sich. Zwei Tage? War das nicht vor zwei Monaten? Ich fühle mich im Flieger, als hätte ich den halben Erdball umrundet. Crischie versteht meinen Unmut nicht. »Der August ist ein ruhiger Monat. Im Mai bin ich
22 Rennen gefahren. In fünf verschiedenen Ländern.« Dann nutzt er den Flug sinnvoll: mit einer weiteren Mütze Schlaf.
In London: Darren am Flughafen, Fahrt nach Ipswich, Ligamatch Ipswich–Wolverhampton, nachts zu Darren nach Wolverhampton. Freitag ausschlafen, dann nach Coventry, wo das amtierende Meisterteam und der bayerische Speedway-Profi Martin Smolinski alias »Magic Martin«, die Wolves erwarten. Nach dem Rennen Richtung London, Einchecken ins Hotel und so weiter.
Eine Endlosschleife. Bis ich mich ausklinke: am Samstag Flug von London nach Berlin, Abholer nach Liebenthal, Fahrzeugwechsel. Mit letzter Konzentration und einem Liter Kaffee lenke ich mein Auto in die noch 650 Kilometer entfernte Heimat.
Ich wache aus einem Koma-ähnlichen Tiefschlaf auf und überlege, ob ich in Schweden, Polen oder an irgendeinem anderen entlegenen Fleck Europas bin. Mein vertrauter Wecker sagt mir, dass es kurz vor zwölf ist und ich in meinem eigenen Bett liege. Ich versuche mich zu konzentrieren: Es ist Montag, kurz vor zwölf. Hefenbrock müsste gerade in Darrens Auto sitzen und von London-Luton aus in Richtung Wolverhampton unterwegs sein. Heute fahren die Wolves gegen Oxford, Hefes Rennen Nummer 80 in dieser Saison. 51 werden folgen.

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