Porträt Fabian Bauersachs (Archivversion) Mister 100 Prozent

Fabian Bauersachs ist nicht nur Deutschlands jüngster Malermeister, sondern auch einer der besten Motocross- Freestyler der Welt. In der schillernden Szene gilt er mit seiner ruhigen Art als Ausnahmeerscheinung. Für seinen Hang zur Perfektion wird er von den Kollegen bewundert – und von der Jury oft verkannt.

Ein müdes Lächeln, kurzes Kopfschütteln. Mehr hat Fabian Bauersachs für das Ergebnis nicht übrig. Warum auch? „Ändern kann ich es sowieso nicht“, sagt er gelassen. Soeben ist er bei der Night of the Jumps in Berlin, dem Auftakt zur diesjährigen Internationalen Freestyle Motocross-WM, Siebter geworden. Wieder einmal. Dazu muss man wissen, dass der siebte Platz im Freestyle der erste Rang ist, der nicht zur Teilnahme am Finale und damit zum Kampf um den jeweiligen Tagessieg berechtigt.

Schicksal? Vielleicht. Fest steht: Fabian Bauersachs ist irgendwie auf diesen Platz abonniert. Allein in den 14 Wettkämpfen der letzten Saison ist er neunmal Siebter geworden. Eine unheimliche Serie, die ihm bei den Fans den Spitznamen „Mister siebter Platz“ eingebrockt hat und die einiges Unverständnis hervorruft. So schreibt Fan Michi in den Tagen nach Berlin in Fabians virtuelles Gästebuch: „Ich finde, perfekt ausgeführte Tricks sollten eigentlich besser bewertet werden als schlechte Backflip-Kombinationen.“ Sollten sie. Eigentlich.
„Ich fahre eher ruhig und sauber und werde wohl deshalb häufig unterbewertet, erklärt Fabian das Dilemma. Seine Tricks sind bis ins kleinste Detail perfektioniert, zigmal geübt und einstudiert. Mit dem Ergebnis, dass seine Hüfte etwa beim „Indian Air noch ein kleines Stück weiter eingedreht ist als bei allen anderen Fahrern. Der Sprung, den er mit beiden Händen in die Luft malt, sieht dann elegant aus und eben nicht wie knapp dem Sturz entgangen. Aber auch: einfach, leicht, was er natürlich nicht ist. „Freestyle ist ein zeitintensiver Leistungssport, den man nicht unterschätzen darf, sagt Fabian, „der Boden der Tatsachen ist hart genug.“ Und auf dem sind schon viele unsanft gelandet.

Dem Risiko des Sports begegnet der Mann aus Rödental, einer 13000-Seelen-Gemeinde im Landkreis Coburg, mit Fleiß und Akribie. Halbe Sachen sind seine nicht, waren sie noch nie. Nach ersten Fahrver-suchen als Neunjähriger auf einer Yamaha PW 50 des Nachbarjungen war sein Weg vorgezeichnet. Er trat in einen Motocross-Club ein, fuhr erste Rennen und merkte mit den Jahren: Hoppla, mir macht ja das Springen richtig Spaß. Just zu dieser Zeit schwappte die anfangs Superjump genannte Freestyle-Welle über den großen Teich.
Als es um die Jahrtausendwende mit dem Sport in Europa so richtig losgeht, ist Fabian Bauersachs dabei. Die ersten Tricks hatte er sich da längst selbst beigebogen. „Man beginnt mit sogenannten Nothings, bei denen man erst mal die Hände vom Lenker nimmt, dann die Beine und dann beides, beschreibt er seine Anfänge. Und so, wie er die Sachen tut, so spricht er von ihnen: überlegt, präzise. Daran kann auch sein Fränkeln, das Weiche dieses Dialekts, dem er beim Sprechen nicht entkommt und das ihn mit vermeintlicher Unbedarftheit umgibt, nichts ändern. Fabian weiß, was er will und wie er es bekommt.
Schwierigere Stunts lernt er zunächst in der Theorie beim Studieren von Videoaufzeichnungen. Mit dem zwei Jahre älteren Sebastian „Busty“ Wolter, dem zweiten deutschen Freestyle-Ass, wird er zum Vorzeigefahrer des Upforce-Teams. Beide trainieren ab und an zusammen.

Bevor Fabians Karriere aber so richtig Fahrt aufnahm, musste er erledigen, was in seiner Natur zu liegen scheint: Er sicherte sich beruflich ab, machte nach der mitt-leren Reife eine Malerlehre im väterlichen Betrieb und schließlich mit gerade mal 21 seinen Meister. Die Zeit danach wurde zur Zerreißprobe. Arbeiten, Sport. Sport, arbeiten. Beides zu 100 Prozent? „Mit meinem Vater lag ich öfter im Clinch. Wir haben dann versucht, uns zu arrangieren: eine Woche Arbeit, eine Woche Sport, erklärt der 29-Jährige, „aber dann lief es mit dem Sport so gut.“ Wobei gut untertrieben ist.
2003 ist die Saison des Fabian Bauersachs. Er führte die Weltrangliste der International Freestyle Motocross Federation (IFMXF) an. Bis ihn dieser blöde Unfall zurückwarf. Beim Versuch, einen „Barhop-to-Mc-Metz im Training zu stehen, verhedderte er sich mit dem Hosenbein am Lenker seiner Maschine und stürzte ab. „Das linke Knie war völlig zermatscht, beschreibt er die Verletzung. Acht Monate war an Sport nicht zu denken, Fabian zum Nichtstun verdammt. Quälend für jemanden, der sich als „Mensch mit ausgeprägtem Bewegungsdrang“ beschreibt, der Tennis spielt, Mountainbike fährt, kickboxt und „zum Rumgammeln einfach nicht geschaffen ist. Sich im FMX ans Limit heranzutasten ist halt was anderes als im Tennis. Da geht der Ball schlimmsten Falls mal ins Aus. sagt er. Während genau das für andere Fahrer der Kick ist, reizt Fabian mehr der kontrollierte Umgang mit dem Risiko. Als das Bein wieder in Ordnung war, dauerte es sechs Monate, bis auch „der Kopf wieder locker war, wie die Freestyler es nennen.

Und nur, wer sprichwörtlich mit Leib und Seele dabei ist, schafft das Comeback. Fabian kehrte als FMX-Profi zurück. Doch inzwischen war die Freestyle-Welt eine andere. Längst zählte der Backflip, der Rückwärtssalto, zum Standardrepertoire, rotierten die Piloten um die Wette und Fabian immer ein bisschen hinterher: „Als ich den kurzen Backflip konnte, sprangen die anderen schon den langen.“ Die Angst, den Respekt immer im Gepäck. Denn anders als alle anderen Sprünge kann man einen einmal eingeleiteten Backflip nicht mehr abbrechen. Dann heißt es nur noch: Bloß nicht zögern und den Sprung ja durchziehen – komme, was wolle.

Der Hype ebbte erst ab, als die US-Freestyle-Legende Travis Pastrana einen erfolgreich gelandeten Double-Backflip für zu riskant befand: Da sei man nur Gast auf dem Motorrad. „Zurzeit sind es eher Kombinationen von Tricks, als dass neue erfunden würden, erklärt Fabian Bauersachs. Wobei auch die gefährlich sein können, wie der tödliche Unfall des US-Amerikaners Jeremy Lusk Anfang Februar in Costa Rica zeigte.
Es muss immer erst etwas passieren, bevor ein Umdenken einsetzt – das ist im Freestyle nicht anders. „Müssen wir denn bei Flutlicht springen, auf immer waghalsigeren Strecken? Ich muss doch den Sport nicht gefährlicher machen, als er schon ist, wettert er plötzlich mit einem leicht energischen Ton in der Stimme, wo sonst selbst in der Begeisterung Besonnenheit mitschwingt. Für seine Appelle an die Verantwortlichen musste er lange Häme und Spott einstecken. Jetzt hat er – endlich – gute Chancen, erhört zu werden. Das ist die sportliche Konsequenz der Lusk-Tragödie.

Menschlich ist das Thema noch lange nicht durch, schließlich fehlt nun ein Mitglied der Freestyler-Familie. Eine Familie von "Bekloppten, die alle unter Drogen stehen", so ein gern geäußertes Vorurteil. Dem Fabian das beste Argument entgegensetzt: seine eigene Art. Ihm würde man ohne zu zögern die Schlüssel seiner neuen Maschine überlassen. Man würde noch nicht einmal sagen: „Fahr aber vorsichtig.“ Das versteht sich bei ihm irgendwie von selbst. „Ich bin nicht tätowiert, rauche nicht, nehme keine Drogen und bin klar in der Birne, witzelt er und fügt an: „Ich staple eben lieber tief und pose nicht rum.“ Alles andere würde auch nicht zu ihm passen.
Fabian Bauersachs, das ist auch ein kleines Freestyle-Familienunternehmen. Vater Albin, Mutter Helga, Schwester Daniela und Freundin Kirsten, mit der er in räumlicher Nähe zu seinen Eltern lebt, unterstützen ihn, wo sie nur können. „Ich bin permanent unterwegs, da ist es gut, wenn man jemanden zu Hause anrufen kann, erklärt er. Zwei Jahre will Fabian mindestens noch am FMX-Zirkus teilnehmen. Der nächste Auftritt folgt am 17. April beim FIM FMX Worldcup in Graz. Dafür hat er sich wieder viel vorgenommen. Vor allem perfekte Sprünge. Und: mindestens Sechster werden.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote