Porträt Jeremy Burgess (Archivversion) Doktor Feelgood

Wenn Dr. Rossi von Sieg zu Sieg rast, scheint es egal zu sein, ob er auf einer Honda oder Yamaha, einem Zwei- oder einem Viertakter sitzt. Hauptsache, das Feeling stimmt. Dafür sorgt Jeremy Burgess, seit fast 25 Jahren GP-Techniker und inzwischen eine lebende Legende.

Die Brüder John und David Shearer bauten Ende des 19. Jahrhunderts das erste, dampfbetriebene Auto in
Australien. Das Fahrzeug verfügte bereits über ein Differential – zehn Jahre vor den Tin Lizzys von Henry Ford.
Jeremy Burgess, Urenkel John Shearers und Cheftechniker von Valentino
Rossi, hat die gleiche Technikbegeisterung im Blut wie seine Vorfahren. Aufgewachsen auf einer Farm bei
Adelaide im Süden des Fünften Kontinents, knatterte er im Alter von acht Jahren auf Traktoren umher, hatte mit zwölf das erste Auto – einen acht PS starken Ford – und mit 14 das erste Motorrad. »Es war eine 350er-
Velotec, alkoholbetrieben, sie ging nicht
besonders«, grinst Burgess.
Eine Suzuki T 500 Cobra folgte, dann eine luftgekühlte Dreizylinder-Kawasaki 750 H2, mit der Burgess sein erstes Rennen bestritt. Um sich das Gasgeben leisten zu können, verzichtete er nach dem Schulabschluss aufs Studium. Der Kawasaki folgte eine Yamaha TZ 350, 1976 eine
Suzuki RG 500, die den Grundstein zu
seiner späteren Karriere legen sollte.
Suzuki-Mann Nick Smith, der für Barry Sheenes Nachfolger Randy Mamola 1979 eine neue Crew zusammentrommelte, erinnerte sich nämlich daran, dass Burgess die komplizierte Technik der dreh-
schie-bergesteuerten Square-Four-Suzuki beherrschte. »Ein ewiges Geschraube. Glücklicherweise gelang es mir, mein Exemplar recht ordentlich am Laufen zu halten«, erzählt Burgess.
Er bekam den Job, dann ging alles Schlag auf Schlag. Erster GP-Sieg mit
Mamola 1980. Umstieg ins Honda-Werksteam mit Freddie Spencer und Teamchef Erv Kanemoto 1984. Aufstieg zum Cheftechniker von Wayne Gardner 1986. 1987 folgte der WM-Titel mit dem Australier, zwischen 1994 und 1998 fünf weitere
mit Mick Doohan, ab 2001 beherrschte Valentino Rossi die Szene.
In 17 Jahren als Cheftechniker erlebte Burgess nur einen technischen Rückschlag. Nach dem Titelgewinn 1987 hatte Honda die ohnehin schon als giftig verschriene NSR 500 auf Befehl Gardners noch stärker gemacht und
in eine unfahrbare Rakete verwandelt. »Viele Fahrer, die einen WM-Titel gewonnen haben, wünschen sich fürs nächste Jahr noch mehr Power und damit einen leichteren Job. Doch oft führt das zwei Schritte zurück. Wie damals – ein Desaster«, blickt Burgess zurück.
Heute ist der 51-Jährige wie die meisten GP-Techniker davon überzeugt, dass schiere Leistung Nebensache ist. »Fahrbarkeit und Kurvengeschwindigkeit, Beschleunigung und Traktion sind wichtiger als PS. Und dass das Motorrad überall
und nicht nur auf manchen Rennstrecken funktioniert«, erklärt er. »Der Schlüssel dazu: Du musst Feeling schaffen. Der
Fahrer ist die wichtigste Komponente, nicht das Motorrad. Und wenn der Fahrer kein Gefühl hat, ist er veloren. Er braucht die Verbindung zu Fahrwerk, Federung und Reifen, zwischen Gasgriff und Hinterrad, Bremse und Asphalt.«
Weil das bei unbedachten Umbauten schnell verloren gehen kann, hat sich
Burgess einen besonnenen Arbeitsstil angewöhnt. Er strahlt Ruhe und Kompetenz aus, setzt konsequent auf kleine Abstimmungsschritte statt auf große technische Experimente und verlässt sich auf einen kleinen, überschaubaren und eingeschworenen Kreis von Mechanikern. »Von tollen Siegen über große Enttäuschungen bis hin zu schweren Verletzungen gibt es wenig, was wir als Team nicht gesehen haben. Deshalb haben wir nicht diese blinde
Panik, nicht zu wissen, was vor uns liegt. Wir haben alles schon gesehen«, nennt Burgess Gründe für den Team-Erfolg. »Wir haben viele, viele Grand Prix gewonnen. Ich weiß aber auch, wie es ist, Siegen hinterherzurennen. Dann stolperst du über deine eigenen Füße. Du kannst kein Puzzle zusammensetzen, indem du die Teile
vor dich auf den Tisch wirfst. Du musst
es Stück für Stück zusammensetzen und wissen, welches das nächste Teil ist.«
Dieses nächste Teil findet sich umso leichter, je präziser die Aussagen des
Piloten sind. »Du musst nur genügend
Informationen aus deinem Fahrer kitzeln, um die richtigen Entscheidungen zu treffen«, sagt Burgess. »Wenn du Änderungen ausführst, ohne genügend Informationen zu haben, kommst du schnell ins falsche Fahrwasser. Da folgt auf den ersten Fehler schnell der zweite.”
Neben dem richtigen Umgang mit der Technik gehört aber auch ein Gespür für die Menschen zum Erfolg. »Ich schenke den Leuten um mich herum Vertrauen, gebe ihnen die Möglichkeit, ihre individuellen Ideen umzusetzen. Wenn wir stets bei den gleichen Methoden und Arbeitsweisen bleiben, bewegen wir uns nicht voran.«
Noch perfekter und noch erfolgreicher zu werden ist das erklärte Ziel des sportbegeisterten Australiers. »Wir kommen nicht auf die Rennen, um über andere
Plätze als den ersten nachzudenken«, meinte Jeremy Burgess schon vor Valentino Rossis Sensationssieg in Welkom. »Der Sieg ist das Ziel, bei jedem einzelnen Grand Prix. Und wenn wir den Titel geholt haben, fahren wir genauso weiter – um noch mehr Rennen zu gewinnen.“

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