Porträt Jürgen Künzel (Archivversion) Fürs Erste

Er war der erste Supermoto-Profi, er ist der Erste, der in der Weltmeisterschaft vorn mitfährt, und er wird der erste Deutsche sein, der in der amerikanischen Meisterschaft antritt – Jürgen Künzel.

Ich hab’s einfach getan. Total blau-
äugig.« Jürgen Künzel lacht über sich selbst. Grinst über diesen Entschluss,
der noch gar nicht so lange her ist. Im Winter 2000, vor gerade mal drei Jahren. Damals, als der heute 29-Jährige spürte, dass sein Leben auseinander driftete. Tagsüber die Malocherei als Konstruktionsmechaniker. Um sieben anfangen, um neun Frühstück, um zwölf Mittag
und um vier Feierabend. Gelebt wurde abends und an den Wochenenden. Mit Motorrädern, für Motorräder, auf den Trainingspisten und Rennstrecken. Supermoto, das war sein Ding. Platz vier in der Deutschen Meisterschaft. Nicht schlecht, aber auch nicht gut. Zumindest nicht
gut genug, um den Job deswegen hinzuschmeißen. Jürgen tat’s trotzdem.
Die Eltern verstanden es. Daddy brach einst selbst im Enduro-Gespann durchs Gelände. Nur die Oma befürchtete Schlimmstes für den Bub, »der dann bloß noch Motorrad fährt und so oft fort ist«. Unterwegs in einer Welt, in der er hier
zu Lande zu jener Zeit der Einzige war. Als erster Supermoto-Profi Deutschlands. Doch Jürgen hat die Zäsur offensichtlich gebraucht. Um diesen Mut zu entwickeln, seine Chance endlich zu nutzen. Denn seitdem ist wenig, wie es vorher war. Trotz der Jahre als Jugendcrosser, dem ersten Meistertitel auf der Honda Monkey mit neun Jahren, dem zweiten auf der 80er-Honda mit 15 Lenzen und letztlich den ganz harten Zeiten im Mittelfeld der Motocross-DM. Sie alle bleiben nur vage Erinnerung. Weil er daraus gelernt hat. Erkannt, dass nur maximales Engagement Erfolg bringt.
Der Junge ist wie ausgewechselt.
Rackert tagein, tagaus im Fitnesscenter, wandelt sich sowohl physisch wie auch psychisch vom ambitionierten Amateur zum zielgerichteten Profi. 18 Monate später ist er am Ziel. KTM, im Supermoto
die treibende Kraft schlechthin, holt den jungen Mann aus Heidenheim vom Privatteam des deutschen Sebring-Importeurs Mizu während der Saison in die Werks-Equipe. Im September 2002 ist er Deutscher Meister und gewinnt den letzten WM-Lauf des Jahres in Australien.
Das neue Umfeld motiviert den Schwaben zusätzlich. Bei einem von
Arbeitgeber KTM angeordneten Konditionstest schneidet Jürgen vor der Saison 2003 unter den insgesamt 43 Werks-
piloten als Drittbester ab, hinter den als
eisenhart geltenden Crossern Pit Beirer und Joël Smets. Ein Auftritt, der ihm
firmenintern den Rücken stärkt und mit dem er den gewaltigen Aufwand, der mittlerweile auch in der Supermoto-Szene für die Werkspiloten getrieben wird, rechtfertigt. Wenn Jürgen will, wird getestet oder trainiert. Schneetreiben am Firmensitz in Mattighofen, Sonne am Hungaroring bei Budapest? Was soll’s. Vier Uhr morgens Abfahrt, Rückkehr um Mitternacht – dazwischen 1200 Kilometer im Transporter und unzählige Runden auf der Strecke.
Jürgen kennt den Preis, der zu be-
zahlen ist: Zweite Plätze sind nicht eingeplant. Der Erfolgsdruck hinter der imposanten Fassade einer Fabrikmannschaft »ist viel, viel größer, als sich Außen-
stehende das vorstellen können«, weiß der Twen von der Schwäbischen Alb. Da hilft manchmal nur noch, wie er sagt,
»das Leck-mich-am-A...-Prinzip. Da rede ich mir ein, dass die Resultate unwichtig sind, nur um den Stress aushalten zu
können«. In der DM kein Problem, 2003 gab’s Meistertitel Nummer zwei. In der Weltmeisterschaft schon. Mitte der Saison lag Künzel in der WM vorn. Eine Sensation. Doch unter dieser Last versagte die Selbstbeschwichtigung. Letztlich sprang WM-Rang drei heraus. Immerhin.
Und ein Gastauftritt beim Finale zur neu geschaffenen amerikanischen Supermoto-Meisterschaft in Las Vegas. »Perfekt organisiert. Da blinkt und glitzert alles.« Künzel ist auf Anhieb begeistert, wird – parallel zu den Auftritten in der DM – in der kommenden Saison beim prognostizierten Supermoto-Boom in den USA
dabei sein. Vernünftig? »Nein, aber eine Chance«, lacht er. Und die hat er schon mal ergriffen. Ganz blauäugig. Ist noch gar nicht so lange her.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote