Rallye Dakar 2005: Reportage (Archivversion)

Er galt als einer der ruhigsten, der fähigsten Rallyepiloten dieser Zeit. Wenn Fabrizio Meoni siegte, geschah das mit Stil und Format. Am 11. Januar verabschiedete sich der Gentleman der Wüste – für immer.

Seine Rallye-Kollegen nannte ihn respektvoll »den Afrikaner«. Dabei entdeckte Fabrizio Meoni Afrika erst spät für sich. Geboren 1957, hatte der Toskaner als Teenager zwar einige lokale Enduro-Rennen bestritten, doch die Hoffnungen auf eine große Karriere erfüllten sich nicht. »Wenn wir uns zum gemeinsamen Konditionstraining trafen«, erinnert sich Ex-Offroader und Weggefährte Francesco Rapisarda, heute Kommunikationschef von Ducati, »und alle anderen zehn Liegestützen machten, dann machte Fabrizio garantiert 50. Er wollte sämtliche fahrerischen Schwierigkeiten mit schierer Körperkraft bezwingen, und das ging meistens nicht gut.«
So hängte Meoni den Rennhelm bald an den Nagel und eröffnete in seinem Heimatort Castiglion Fiorentino bei Arezzo zusammen mit einem Freund eine KTM-Werkstatt. Der Laden lief gut, aber mit Ende 20 brach die Rennleidenschaft wieder durch. Meoni ging erneut auf die Piste und gewann im
reifen Alter von 31 Jahren die italienische 250er-Enduromeisterschaft der Junioren. Dabei hätte es bleiben können, wäre der bis zuletzt völlig durchtrainierte Italiener nicht durch Zufall auf die Rallye-Spur geraten. Mit einem geliehenen Motorrad nahm er 1990 an der Inkas-Rallye in Peru teil – und fand seine Domäne. Meoni rollte fortan
die afrikanischen Rallyes auf. Zunächst als Privatfahrer, später im Sattel einer Werks-KTM verdiente
er sich den Ehrennamen »Afrikaner«. Zum einen wegen seiner Siege: Allein die Dakar gewann er zweimal, je viermal die Tunesien- und die Pharaonen-Rallye. Mehr noch wegen seines ungeheuren Gespürs für die Wüste, was ihn schnell zur Referenz für die Kollegen werden ließ. Meoni machte nicht viele Worte, sprach langsam, doch was er sagte, war nie banal. Und er sah nicht nur die
Pisten des Schwarzen Kontinents, sondern auch dessen Menschen. Kurz nach seinem ersten Dakar-Sieg 2001 gründete er mit Hilfe eines befreundeten Priesters eine Schule für bedürftige Kinder
in der Nähe von Dakar. Mit dem Preisgeld seiner diesjährigen Rallye-Teilnahme sollte die Schule, die seinen Namen trägt, erweitert werden.
Fabrizio Meoni verunglückte bei Kilometer 184 der elften Etappe. Wegen einer Bodenwelle verlor er bei Tempo 160 die Kontrolle über seine Maschine, das Motorrad überschlug sich, Meoni schlug hart auf dem Boden auf und brach sich das Genick.
Er war auf der Stelle tot. Er hinterlässt seine Frau
Elena und die Kinder Gioele, 13, und Chiara, 2.
Kurz vor Meonis Tod hatte die Dakar-Rallye bereits ihr erstes Opfer in diesem Jahr gefordert – es
war der Zehnte von insgesamt elf Motorradfahrern in ihrer insgesamt 27-jährigen Geschichte. Auf der siebten Etappe war der Spanier José Manuel
Perez (rechts) schwer gestürzt. Nach einer Notoperation, bei der dem 41-Jährigen Milz, Leber und eine Niere entfernt worden waren und dem Rücktransport ins spanische Alicante, verstarb der Chef eines Chemieunternehmens zwei Tage später. Perez hinterlässt eine Frau und zwei Kinder und hätte – wie auch Fabrizio
Meoni – nach der diesjährigen Dakar seine Rallye-Karriere beendet. ebr/pm

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote