Rallye Dakar 2007 (Archivversion) Schein und Sein

Das vorhersehbare Titelduell zwischen Cyril Despres und Marc Coma, die Erlebnisse des deutschen Dakar-Neulings Werner Pfeuffer – Hinweise darauf, dass die berühmteste Rallye der Welt ihrem Ruf als Mythos nicht aus allen Blickwinkeln gerecht wird.

Zum 29. Mal wurde am 6. Januar 2007 die Rallye Dakar gestartet – eine
bemerkenswerte Marke für das Wüstenspektakel, das die legendäre Rallye Monte Carlo als populärsten Motorsport-Winter-Event längst überflügelt hat. Weil bei der Dakar Motorräder, Autos und Trucks um die Wette fahren. Weil sie Rekordteilneh-merzahlen bietet – in diesem Jahr starteten 231 Motorradfahrer, 14 Quad-Piloten, 181 Auto-Teams sowie 85 Lkw-Besatzungen von Lissabon in Portugal aus auf die fast 9000 Kilometer lange Tour. Und weil töd-
liche Gefahr im Spiel ist, vor allem bei
den Zweiradpiloten. 2007 kehrten zwei von
ihnen nicht lebend zu ihren Familien zurück. Außerdem berichtet das Fernsehen zwei Wochen lang täglich und ausführlich, liefert in jeder Übertragung faszinierende Bilder von den afrikanischen Etappen, die nicht nur bei aktiven Offroadern, sondern bei Abenteurern aller Art Ekstase auslösen: Einmal selbst nach Dakar fahren, einmal dabei sein – das wär’s doch.
Na ja, vielleicht auch nicht. »Was das Fernsehen zeigt, diese Bilder der Stars, die um die Spitzenplätze kämpfen – das ist die eine Welt der Dakar. Was im hinteren Teil des Felds passiert, ist eine völlig andere.« Das sagt Werner Pfeuffer, 37, erfahrener und bedachter Enduro-Sportler aus dem bayerischen Hohenthann, dieses Jahr Dakar-Neuling. Der Privatfahrer sah die Rallye von hinten, erlebte wenig mythische Faszination. Doch fangen wir vorn an.
»Pech, nichts als Pech«, schimpfte
Cyril Despres, der französische Chefpilot des KTM-Werksteams in Gauloises-Blau, schon nach der dritten Etappe. Am Tag
zuvor, noch in Europa, war er leicht aus-gerutscht, weil ein Zuschauer auf die
Fahrbahn sprang und ihn zu einer Notbremsung zwang. In Afrika angekommen, streikte das Getriebe seiner KTM, er musste 200 Kilometer bis zum Biwak im ersten Gang zurücklegen und fiel auf Rang 16
zurück. »Aber das Rennen ist deshalb nicht verloren«, orakelte Despres, »auch andere können Probleme bekommen.«
Damit war in erster Linie Marc Coma gemeint, Vorjahressieger und ebenfalls KTM-Werksfahrer, allerdings in den Repsol-Farben der spanischen KTM-Werkstruppe. Kaum dass ihn afrikanische Luft umströmte, holte er sich seinen ersten Etappensieg des Jahres und eroberte nach dem vierten Wettkampftag die Gesamtführung, die er dann auch scheinbar mühelos verteidigte. Dazu musste er sich nicht einmal um weitere Tagessiege bemühen.
Nach der achten Etappe hatte Despres seinen Rückstand aufgeholt und sich hinter Coma auf Rang zwei im Gesamtklassement gesetzt – von da an sah die Rallye Dakar genau so aus, wie es zu erwarten gewesen war: mit den beiden besten Fahrern auf Werks-KTM an der Spitze. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass KTM sich nicht alle Etappenerfolge der Dakar 2007 an die Fahne heften konnte. Die beiden
Eröffnungsabschnitte in Portugal entschieden die Lokalhelden Ruben Faria und
Helder Rodrigues mit Yamaha-Power für sich. Aber das war, wie noch ein weiterer Rodrigues-Sieg, eher nebensächlich.
Viel angeregter wurde über die Getriebeprobleme der neuen Werks-KTM 690 Rally diskutiert. Denn was Depres passiert war, sollte ihm nicht nur ein zweites Mal, sondern auch seinen KTM-Werks-Kollegen Isidre Esteve Pujol und Frans Verhoeven widerfahren. Despres kam am glimpf-
lichsten davon, er musste lediglich die
40 letzten Kilometer der sechsten Etappe im ersten Gang bewältigen. Pujol hatte
auf dem achten Teilstück noch knapp 600
Kilometer vor sich, als sein Zahnräderwerk streikte, Verhoeven einen Tag später 300. Im Biwak kursierte das böse Wort von der 690er-Getriebeseuche.
Nur Marc Coma war von dem Virus
unbehelligt geblieben, als er am 19. Januar mit knapp 53 Minuten Vorsprung vor
Despres zur 13. von 15 Tagestouren aufbrach. Vom praktisch sicheren Sieg wollte er nichts hören: »Ich habe schon zu viel
erlebt. Als Sieger werde ich mich fühlen, wenn ich auf dem Podest stehe. Nicht eine Stunde früher. 53 Minuten Vorsprung klingt nach viel, aber ich kann diese Rallye noch verlieren.« Er sollte recht behalten.
Schon bald unterlief Coma auf dieser 13. Etappe ein Navigationsfehler mit der Folge, auf einem Weg sechs Kilometer
abseits der idealen Piste zu landen. Beim Versuch, verlorene Zeit aufzuholen, stürzte er über einen Baumstumpf, wurde gegen ein Gehölz geschleudert und verlor kurz das Bewusstsein – für ihn das Ende der
Dakar 2007, für Cyril Despres der Sieg. Immerhin konnte Coma nach eintägiger Beobachtung die Klinik in Dakar ohne gravierende Verletzung wieder verlassen.
Zwei andere Motorradfahrer hatten nicht so viel Glück. Auf der sechsten
Etappe stürzte Elmer Symons schwer, ein Südamerikaner, der seit einiger Zeit in den USA lebte und dort erfolgreich Offroad-Wettbewerbe fuhr. Die Besatzung des Rettungshelikopters – der dank des Iritrack-Ortungssystems, das den harten Aufprall registriert und über die Zentrale in Paris gemeldet hatte, schon wenige Minuten nach dem Unfall bei Symons eintraf – konnte nur noch seinen Tod feststellen. Kurz vor dem Ziel, auf der Verbindungsetappe zwischen der vorletzten Sonderprüfung und Dakar, wurde der Franzose Eric Aubijoux Opfer
eines tödlichen Verkehrsunfalls. Der 42-Jährige bestritt seine sechste Dakar.
Ohne jegliche Dakar-Erfahrung – es war ihre erste – gingen 2007 zwei Deutsche in Lissabon an den Start: Werner Pfeuffer und Ragnar Katerbau. Wobei
Katerbau eigentlich mehr Europäer als Deutscher ist. Der 41-Jährige wurde im belgischen Brüssel geboren, lebt in Holland, besitzt aber einen deutschen Pass. Komplettiert wurde das deutsche Aufgebot durch Patricia Watson-Miller, Tochter des Allgäuer Dakar-Helden Herbert Schek, und Norman Kronseder. Der hatte, dank eigenen Versorgungs-Trucks, der Unterstützung durch den potenten Sponsor Loctite und der Erfahrung aus drei vorangegangenen Dakar-Starts, sicher die besten Voraus-setzungen des Quartetts auf ein gutes Ergebnis. Doch die Technik ließ ihn im Stich – ausgerechnet während einer Marathon-Etappe, wo die Fahrer zwei Tage ohne
Mechaniker-Unterstützung zurechtkommen und notfalls selbst schrauben müssen. Kronseder blieb weder eine echte Chance noch wirklich Lust darauf, nach dem Rückschlag weiterzumachen. Dafür gewann er bemerkenswerte Erkenntnisse (siehe Interview auf Seite 149).
So wurde Katerbau auf Platz 71 beim Zieleinlauf in Dakar als bester deutscher Motorradfahrer registriert. Ein paar kleinere Technikprobleme, ein harmloser Sturz,
ein Navigationsfehler und ein Rendezvous mit einem Baum, das er noch entschärfen konnte – von größeren Schwierigkeiten blieb Katerbau verschont. Idealbedingungen dafür, das zu schaffen, was alle Privatfahrer wollen: heil in Dakar ankommen.
Werner Pfeuffer gelang das nicht, aber er haderte deshalb nicht mit dem Schicksal. Nachdem er bereits zuvor von einem Auto unsanft touchiert wurde, stürzte der Bayer früh während der achten Etappe
von Atar nach Tichit in Mauretanien und verletzte sich an der Schulter. Trotz der Schmerzen fuhr er ins Tagesziel und ging nach kurzer Nachtruhe auch am nächsten Morgen an den Start. Kollegen hatten ihm Schmerztabletten für Pferde gegeben, die angeblich Wunder wirken sollen. Allerdings gäbe es einschlägigen Berichten zufolge auch Nebenwirkungen – wie den Wunsch, die Unterhaltung mit Kamelen zu suchen.
Pfeuffer beendete die neunte Etappe auf Platz 97, dann empfahlen ihm die Ärzte den Rückzug. »Die Entscheidung aufzu-geben war schwer, aber vernünftig«, sagt Pfeuffer, »wer so weit gekommen ist, muss sich meiner Meinung nach dafür nicht schämen.« Er bekam einen Platz im Service-Lkw, fuhr mit bis nach Dakar und machte sich seine Gedanken: »Die Stadt ist ein Moloch. Ich weiß nicht, was so besonders daran sein soll, dort anzukommen.«
Den dringenden Wunsch nach dem Versuch, Dakar auch einmal aus eigener Kraft zu erreichen, verspürte er zunächst nicht. »Es war schön, einmal dabei gewesen zu sein.« Wenn er – »vielleicht in vier Wochen?« – einen weiteren Dakar-Start in Erwägung ziehen würde, müsste einiges anders werden. »Die KTM 525 EXC ist
für diese Anforderungen, wo es nur wenig über Dünen, dafür viel über schnelle Sand- und Schotterpisten ging, zu zappelig. Eine 660 Rally wäre besser geeignet.« Statt sich mit Mechaniker und Equipment auf dem Lkw eines Support-Teams einzukaufen, der erst spät abends im Biwak eintrifft, käme der Komplett-Alleingang in Frage – auf sich allein gestellt, nur mit einer Ersatzteilkiste ausgerüstet, die in einem Flugzeug der Organisation transportiert wird und ihn abends im Camp erwartet.
Seine letzten aktiven Tage fuhr Pfeuffer mit Patricia Watson-Miller: »Sie fährt einen schönen Stil, zügig, ohne anzuhalten, ohne Navigationsfehler – so kommen Privat-
fahrer nach Dakar.« Die 41-jährige Watson-Miller, im Vorjahr Gewinnerin der Damenwertung, erreichte das Ziel auf Platz 86,
als drittbeste Lady.

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