Rallye Dakar in Südamerika (Archivversion) Das zweite Gesicht

Die erste Rallye Dakar in Südamerika ist gelaufen ein Ausweichmanöver, um Terroranschlägen auf angestammten Pfaden in Mauretanien zu entgehen. Damit hat der Offroad-Marathon nicht nur die Bühne gewechselt, sondern auch sein Gesicht und seinen Charakter verändert – grundlegend. Das trifft nicht jedermanns Geschmack.

Grandiose Bilder von begeisterten Zuschauermassen am Start in Buenos Aires und überall an der Strecke, von Passagen über Sanddünen wie in der Sahara, Bergetappen, die über eine Wolkendecke führten, aus der selbst aus dieser Perspektive noch majestätische Andengipfel ragten, Pisten entlang eisblauer Seen – was den Fernsehzuschauern von der diesjährigen Rallye Dakar von Land und Leuten gezeigt werden konnte, ließ wirklich nichts zu wünschen übrig.

Insbesondere deshalb, weil die Show eben nicht in Westafrika spielte, wie in den vergangenen 30 Jahren. Sondern in Südamerika, um eine erneute Absage des Mammutevents mit allein 477 Wettbewerbsfahrzeugen zu verhindern. Wie im vergangenen Jahr, als die freudig erregte Meute der Wüstenfahrer in spe einen Tag vor dem Start im portu­giesischen Lissabon nach Hause geschickt wurde. Terroristen hatten angeblich eine Attacke auf den Rallye­tross in Mauretanien angedroht.

Die Dakar in Südamerika – eine Notlösung, ein Experiment. Das ­außer spektakulären Landschaftsaufnahmen auch motorsportlich orientierten Beobachtern die einer Rallye Dakar würdigen Dramen lieferte. Mit über die Technik gestrauchelten Favoriten wie dem französischen KTM-Werksfahrer und zweimaligen Dakar-Sieger Cyril Despres, der schon auf der ersten Etappe 40 Minuten durch einen Reifenschaden verlor. Mit hoffnungsvollen ­Außenseitern wie David Frétigné, der gegen die scheinbar überlegenen und omnipräsenten KTM-690-Rally-Big-Bikes auf seiner kleinen Yamaha WR 450 F eigentlich chancenlos war, aber für den Parcours in Südamerika einfach das bessere Motorrad hatte. Mit dem überlegenen Sieger Marc Coma, dem es stets gelang, kleinere Probleme perfekt auszubügeln. Business as usual für die Dakar. Leider auch bis hin zu den mysteriösen Todesumständen des französischen Motorrad­fahrers Pascal Terry, der wohl nicht gestürzt war, aber leblos neben seiner Maschine gefunden wurde. Er starb an einem Herzinfarkt. Und zu den zwei bei einem Verkehrsunfall getöteten peruanischen Lkw-Fahrern, die zwar Material für die Rallye transportierten, doch nicht am Wettbewerb teilnahmen.

Eine Dakar-Rallye wie jede zuvor also? Sicher nicht. Was die 31. Ausgabe dieses Langstreckenrennens über Stock und Stein auszeichnete, wissen natürlich die am besten, die dabei waren. Die beiden Deutschen – im Motorradfeld waren es nur zwei – jagten einem Traum hinterher. Tina Meier, Finanzbeamtin aus Hamburg, die jetzt gerade 37 Jahre alt wird, wollte sich nach etlichen Jahren Enduropraxis endlich das ultimative Offroad-Erlebnis geben, stand vor gut einem Jahr in Lissabon am Dakar-Start und musste die Absage ertragen – dieses Jahr der zweite Anlauf. Norman Kronseder, 45, Saatgutfabrikant aus der Nähe von Regensburg, hoffte nach vier vergeblichen Versuchen, erstmals das Ziel einer Dakar-Rallye zu erreichen – und wenn es denn in Buenos Aires ist.

Ihm war sein persönlicher Triumph vergönnt, er steuerte seine KTM über die berühmte Rampe, als Motorradfahrer Nummer 82. Eine Zahl von lediglich akademischem Wert, für Kronseder wie für seine 109 Zweiradkollegen, die auf den Plätzen vier bis 113 gewertet wurden. Ankommen zählt – zumindest in dem Punkt hat sich die Dakar für die große Mehrzahl der Teilnehmer nicht verändert.

Ansonsten schon. Weil der Veranstalter Amaury Sport Organisation (ASO) Kritik fürchtete, sein Ersatz für die Afrika-Tour durch vergleichs­weise dicht besiedeltes Gebiet in Südamerika könnte am Ende als Warmduscher-Wettbewerb verspottet werden, wurden besonders schwierige Pisten ausgewählt. „Das war wirklich hart“, berichtet Norman Kronseder, „weil das Gelände im Vergleich zu Afrika sehr kleinteilig strukturiert ist. Während einer Wertungsprüfung bin ich zu 90 Prozent im ersten und zweiten Gang gefahren. Ich habe das für mich Argentinia-Trial getauft. Mit einer Langstrecken-Rallye, bei der es darum geht, ohne fahrtechnische Finessen möglichst viele Kilometer abzuspulen, und wo man, wie beispielsweise in Mauretanien, schon mal einen kompletten Tag auf Sand unterwegs ist, hat das nichts zu tun.“

Stichwort Sand: „Der schlimmste, den ich je erlebt habe“, sagt Kronseder. Viel feiner als in der Sahara umnebelten Sand und Staub die Motorradfahrer manchmal den ganzen Tag lang, raubten ihnen die Sicht. „Das war gefährlich, weil Hindernisse erst spät zu erkennen waren“, so Kronseder, „ich bin auch zweimal über den Lenker abgeflogen, weil mein Vorder­rad im weichen Sand einfach stecken geblieben ist.“ Die malerischen Dünensektionen dagegen, die in den Fernsehübertragungen so sehr an die klassische Dakar erinnerten, waren kaum einmal mehr als 50 Kilometer lang. Umso mehr beeindruckte ihn die Zuschauerkulisse: „Wenn wir morgens um vier vom Biwak losfuhren, standen da schon Tausende von Menschen – unglaublich.“

Das hat auch Tina Meier begeistert, und während Kronseder sich nach der Weite und Einsamkeit Afrikas zurücksehnt, möchte sie unbedingt auch bei der nächsten Dakar in Südamerika an den Start gehen. Bereits auf der zweiten Etappe mit einem Elektriktotalschaden ausgefallen, nutzte sie die Chance, Kontakte zu knüpfen und von Konkurrenten zu lernen: „Die haben mir alle Tricks gezeigt.“ Irgendwann wird Tina Meier auch nach dem Fehler suchen, der sie zum Aufgeben zwang. Unterwegs hat das nicht mehr interessiert. Weil sie schon jetzt sicher ist, auf derlei Pannen vorbereitet zu sein. Beim nächsten Mal, in Afrika oder Südamerika.

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