Rallye Dakar in Südamerika Zu neuen Ufern

Illustration: ASO
Wenn es nötig ist, wird Dakar eben kurzerhand nach Südamerika verlegt. Nein, nicht die senegalesische Hauptstadt, sondern "die ­Dakar". Die härteste Rallye der Welt, wie die Amaury Sport Organisation (ASO), seit 1994 Rechteinhaber und Organisator dieser gigantischen Offroad-Motorsportveranstaltung, das Wüstenspektakel gerne anpreist. Die Verpflanzung der Dakar-Rallye von der östlichen an die westliche Atlantikküste ist eine harte Zäsur in ihrer 30-jährigen Geschichte, deren Dreh- und Angelpunkt stets die Hafenstadt Dakar war – bis auf wenige Ausnahmen.

Diesem gewaltigen Schnitt in der Lebenslinie des sagenhaften Wettbewerbs war ein ebenso unerhörtes Ereignis vorausgegangen. Einen Tag vor dem für den 5. Januar 2008 geplanten Start der 30. Ausgabe der Rallye wurde die Veranstaltung Knall auf Fall abgesagt. "Wir werden konkret von Terroristen bedroht", erklärte Renndirektor Étienne Lavigne. Der am Startort Lissabon versammelte und abfahrbereite Rallye-Tross – geschätzt um die 3000 Personen – war geschockt. Zumal sich auch im Zentrum des Geschehens keine befriedigende Erklärung für die Absage finden ließ. Hatte tatsächlich ein mauretanischer Subunternehmer der weltweiten Terror-Organisation Al-Qaida mit Raketenwerfer-Angriffen auf die Rallye gedroht? Hatte die französische Regierung deshalb eine Reisewarnung für Mauretanien ausgegeben, wo die meisten Wertungsprüfungen vorgesehen waren? Hatte Frankreich politische Gründe, seiner ehemaligen Kolonie zu schaden? In Mauretanien wurde der Verlust durch das Ausbleiben der Rallye-Karawane, die zum Beispiel ihren Nahrungsmittelbedarf großteils in den durchreisten Ländern deckt, auf 3,6 Millionen Euro hochgerechnet. Fest stand, dass an Heiligabend, völlig unabhängig von der Rallye, vier französische Touristen in Mauretanien ermordet worden waren – ob von Terroristen oder gewöhnlichen Räubern blieb unklar.
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Mit der Absage habe die Rallye in Afrika keine Zukunft mehr, mutmaßten viele Fans und Fahrer unisono, denn dass sich die Sicherheitslage in Westafrika innerhalb eines Jahres entscheidend ändern würde, schien unwahrscheinlich. Bestärkt wurden sie schon fünfeinhalb Wochen später durch die Ankündigung der ASO, die Veranstaltung 2009 in Argentinien und Chile abzuhalten, in einer 9000-Kilometer-Schleife von ­Buenos Aires an die Pazifikküste nach Valparaiso und zurück. Ein so konkreter Notfallplan, so kurz nach der Absage? Der musste schon griffbereit existiert haben.

Aber eine "Dakar" ohne Dakar? Kann das überhaupt funktionieren? Die ASO-Verantwortlichen wussten wohl selbst, wie weit sie sich von der Ursprungsidee des Dakar-Gründers Thierry Sabine entfernen. Der hatte beschlossen, möglichst vielen Menschen die Erfahrung der Wüste zugänglich zu machen, die er selbst erlebt hatte, als er sich 1977 bei einer Motorradrallye in der Libyschen Sahara verirrte und erst nach Tagen gerettet wurde. Warum sonst sollte ein neuer Werbespot für die Südamerika-Dakar eine alte Aufnahme des 1986 bei einem Hubschrauberabsturz während der Rallye gestorbenen Sabine zeigen, in der er Gedanken über neue Ideen wälzt und große Veränderungen prophezeit?
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Die ASO tat gut daran, den Wechsel frühzeitig publik zu machen und so potenzielle Teilnehmer auch für Südamerika an sich zu binden. Denn das Feld, das ­sie in Afrika geräumt hat, wird umgehend von der Konkurrenz besetzt. Hubert Auriol, Ex-Dakar-Sieger und -Direktor, startet mit seinem "Africa Race" (www.africarace.com) am 30. Dezember – auf alten Dakar-Routen. Ebenfalls auf klassischen Dakar-Etappen geht es ab 17. Januar 2009 von Budapest nach Bamako in Mali (www.budapestbamako.org) – die Ausgabe 2008 dieser Amateurrallye führte übrigens problemlos durch Mauretanien, wenige Tage, nachdem die Dakar wegen der unsicheren Lage dort abgesagt worden war. Vielleicht hat die ASO auch deshalb bereits durchblicken lassen, dass eine Rückkehr nach Afrika schon 2010 möglich wäre, allerdings nicht auf ursprünglichen Dakar-Pfaden, sondern in Tunesien, Ägypten und Libyen.

Letztlich steht für die ASO, auch Veranstalter der Fahrradsport-Geldmaschine "Tour de France", der wirtschaftliche Erfolg im Vordergrund. Und der scheint bei der Dakar 2009 in Südamerika (www.dakar.com) gesichert zu sein. Bereits Anfang Juli hatte die ASO alle Startplätze vergeben, was ihr allein an Nenngeldern mehr als 10,3 Millionen Euro in die Kasse spült.

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